Interview

25 Jahre nach den großen Friedensdemonstrationen "Es gab keine Abrüstung, sondern eine Umrüstung"

Stand: 22.10.2008 00:39 Uhr

Am 22.10.1983 demonstrierten rund 1,3 Millionen Menschen in Deutschland gegen die Neustationierung von atomaren Kurz- und Mittelstreckenraketen in Europa. Mitinitiator der Friedensbewegung war der Frankfurter Politologe Andreas Buro. Anlässlich des 25. Jahrestages der Massendemonstration fragte tagesschau.de den diesjährigen Träger des Aachener Friedenspreises, wo die Friedensbewegung heute steht.

tagesschau.de: Herr Buro, wenn Sie aus heutiger Sicht zurückblicken, was haben die Friedensdemonstrationen der 80er-Jahre gebracht?

Andreas Buro
galerie

Sieht die Aufgabe der Friedensbewegung als noch nicht erledigt an: Andreas Buro.

Andreas Buro: Sie haben eine unerhörte Mobilisierung in der Bevölkerung bewirkt. Auch entstand eine große Sensibilität für die damals schwerwiegende Bedrohung Gesamteuropas durch die Stationierung von Mittel- und Kurzstreckenraketen, die in ganz kurzer Zeit und unkontrollierbar dieses ganzes Areal verwüsten könnten. Das war auch der Grund dafür, dass die Menschen sich unmittelbar betroffen zeigten und dadurch sehr motiviert waren, gegen die Atomraketen zu protestieren.

tagesschau.de: Nun sind die großen Panzerarmeen und die eben angesprochenen Atomwaffen größtenteils aus Europa verschwunden. Heißt das, dass die Abrüstung vollzogen ist?

Buro: Die Panzerarmeen sind weitgehend abgerüstet. Auch die Abschreckungspolitik aus der Zeit des Ost-West-Konfliktes ist überholt und in dem Maße nicht mehr erforderlich. Es hat aber keine Abrüstung, sondern eine Umrüstung stattgefunden. Die Nato expandiert und ist zu einer weltweiten Interventionstruppe geworden.

Kurz-Vita

Andreas Buro ist in diesem Jahr für sein Engagement in der Friedensbewegung mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet worden. Der 80-jährige Politikwissenschaftler initiierte Ende der 50er-Jahre die Ostermärsche mit und protestierte gegen die Kriege in Vietnam oder im Irak. Den Afghanistan-Einsatz nennt er einen "unheilvollen Interventionskrieg". Buro, der an der Universität in Frankfurt am Main lehrte, entwickelte die zivile Konfliktbearbeitung als Alternative zu Militäreinsätzen.

tagesschau.de: Aber wenn es immer noch einen großen Militärapparat gibt und, wie Sie sagen, es einmal eine große Sensibilität gegen Aufrüstung gab, warum gehen heutzutage nicht wieder so viele Menschen auf die Straße wie 1983?

Buro: Zurzeit richten die Menschen ihr Hauptaugenmerk auf ihre wirtschaftliche und soziale Situation. Zu demonstrieren setzt für den Einzelnen immer eine erhebliche Motivation voraus. Doch die fehlt. Die Konflikte und Kriege, die heutzutage ausgetragen werden, sind, wie der in Afghanistan, weit weg. Trotzdem sollte man sich nicht täuschen, auch wenn die Menschen nicht massenhaft auf die Straße gehen, ist die Sensibilität gegen Krieg und Aufrüstung immer noch vorhanden. So haben die Deutschen eine Meinung zum Krieg in Afghanistan. Umfragen zufolge lehnen etwa zwei Drittel der Bevölkerung diesen Krieg ab.

tagesschau.de: Aber auf die Straße gehen die Menschen trotzdem nicht.

Ostermarsch 2008 in Hamburg
galerie

Die Ostermärsche sind ein alljährlicher Veranstaltungshöhepunkt der Friedensbewegung.

Buro: Das friedenspolitische Bewusstsein der Menschen können Sie nicht einfach an der Teilnehmerzahl einer Demonstration ablesen. Sie dürfen nicht vergessen, dass jährlich in dieser Bundesrepublik Hunderte, wenn nicht Tausende von kleinen Veranstaltungen im lokalen und im regionalen Bereich stattfinden, die versuchen, Bevölkerung und Menschen zu informieren, mit ihnen zu diskutieren, was zu tun sei. Und diese Arbeit, die meist nicht zur Kenntnis genommen wird, ist eine außerordentliche Aufgabe der Friedensbewegung.

tagesschau.de: Neben dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr gibt es derzeit noch andere militärische Themen, die öffentlich diskutiert werden - zum Beispiel der Raketenabwehrschild, den die USA errichten wollen. Doch der Protest gegen dagegen fiel in Deutschland sehr klein aus. Warum?

Buro: Ich gehe davon aus, dass viele Menschen noch nicht verstehen, was das Raketenabwehrsystem der USA bedeutet. Es ist eine große Aufgabe der Friedensbewegung, das deutlich zu machen. Uns wird erzählt, diese Abwehr richte sich gegen noch nicht existente Raketen aus Iran. Dies ist völlig falsch. Der Sinn dieses Abwehrsystems besteht darin, dass die USA versuchen, eine Erstschlagsfähigkeit mit Atomwaffen gegenüber Russland zu gewinnen. Ich sage nicht, dass sie diese unmittelbar einsetzen wollten. Aber dieses System dient dazu, etwaige - bei einem Erstangriff nicht zerstörte - russische Atomraketen abzufangen. Das ist etwas völlig anderes als uns erzählt wird. Doch die Medien sind nicht bereit, darüber in Breite aufzuklären.

tagesschau.de: Und wenn die Aufklärung erfolgte, dann könnte es wieder zu großen Friedensdemonstrationen kommen?

Buro: Ich glaube, dass dieses weit entfernt ist. Aktuelle Ereignisse führen zu großen Mobilisierungen – auch heute noch. Ich erinnere daran, dass es beim Angriff auf den Irak hier riesige Demonstrationen gab. Wenn so etwas wieder auftreten sollte, dann wird wieder eine sehr schnelle Mobilisierung möglich sein. Aber bei den Großproblemen, die sich allmählich und wenig dramatisch entwickeln, wie zum Beispiel Raketenschild oder die Nato-Expansion, es ist sehr viel schwieriger, in der Gesellschaft ein Bewusstsein dafür zu schaffen. Das bedarf langwieriger Aufklärungsarbeit.

Die Fragen stellte Alexander Richter, tagesschau.de

Darstellung: