Pilotprojekt mit mehr Sport bei der Bundeswehr | Bildquelle: dpa

Bundeswehr Operation Fitness

Stand: 18.07.2018 21:18 Uhr

Vor einem Jahr starb ein Bundeswehr-Rekrut bei einem Übungsmarsch - womöglich an körperlicher Überforderung. Nun will das Heer die Grundausbildung neu organisieren. Ein Pilotprojekt bietet mehr Sport.

Von Christian Thiels, ARD-Hauptstadtstudio

Gefechtshelm, Schutzweste, Kampfstiefel: Es ist nicht gerade die typische Sportkleidung, die die Rekruten in Hagenow auf dem Sportplatz tragen müssen. Ihre Übungen wirken auch nicht wie normales Zirkeltraining: Mit zwei vollen Benzinkanistern über den Platz rennen, einen 50-Kilo-Sack hinter sich her schleppen oder einen Kanister mehrfach auf 1,25 Meter Höhe wuchten.

Die eher skurill anmutenden Leibesübungen haben einen ernsten Hintergrund. Sie orientieren sich daran, was an körperlicher Anstrengung im Einsatz auf die Soldaten zukommt. Dazu gehört eben Benzinkanister schleppen und in Fahrzeuge wuchten oder verletzte Kameraden vom Gefechtsfeld bergen.

So zu üben gehört schon seit einiger Zeit zum Training der Bundeswehr. Doch nun soll diese Form der sportlichen Betätigung auch Teil der Grundausbildung werden, wie überhaupt der Sport mehr Gewicht im Basistraining der Landstreitkräfte bekommen soll.

Auch sportlich weniger Fitte werden gebraucht

Dazu läuft aktuell ein Pilotprojekt mit 46 Rekrutinnen und Rekruten beim Panzergrenadierbataillon 401 in Hagenow. Dort stehen statt bislang 70 Stunden Sport im Verlaufe von drei Monaten nun 110 Stunden auf dem  Dienstplan. Dabei soll es eine möglichst große Bandbreite verschiedender sportlicher Betätigung geben.

"Es soll Spaß machen und nicht nur stupides Lauftraining sein", sagt der oberste Soldat des Heeres, Generaleutnant Jörg Vollmer. Begleitet wird das Projekt von Sportlehrern, Medizinern und Psychologen.

Heeresinspekteur Vollmer sieht darin eine Reaktion auf veränderte körperliche Voraussetzungen bei vielen Rekruten der Bundeswehr: "Wir müssen die jungen Menschen da abholen, wo sie sind. Es nützt nichts, darüber zu debattieren, dass unsere Generation vielleicht fitter gewesen ist."

Heute gebe es unter den Bewerbern für die Streitkräfte den Leistungssportler genauso wie den Einser-Abiturient mit Mathe-Leistungskurs, der sich aber bislang wenig sportlich betätigt. "Wir brauchen aber beide. Wir können es uns schlicht nicht leisten, denjenigen nicht zu nehmen, der zwar will und eigentlich zu uns passt, aber die körperllichen Voraussetzungen noch nicht erfüllt."

Körperliche Überforderung vermeiden

Wenn man diese Leute wegschicke, verliere man sie an die Wirtschaft. Genau das sei auch immer wieder passiert, so Vollmer. Was der Heeres-Chef zumindest vor laufenden Kameras nicht sagt: Die Neugestaltung der Grundausbildung ist auch eine Reaktion auf tragische Ereignisse vor einem Jahr. Damals starb ein Offiziersanwärter nach einem Übungsmarsch, mehrere seiner Kamerade erlitten Hitzschläge, mutmaßlich wegen körperlicher Überforderung.

Solche dramatischen Fälle will das Heer in Zukunft verhindern. Unter anderem sollen vor Beginn der Ausbildung an heißen Tagen mit einem Messgerät die Umwelteinflüsse wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Wärmestrahlung geprüft werden.

Weniger Krankheitsausfall, mehr Motivation

Bei den Soldaten im Pilotprojekt kommt die stärkere Konzentration auf die sportliche Leistung gut an. Für Nico Pries, der sich als Zeitsoldat verpflichtet hat, war der körperliche Aspekt bei der Ausbildung in der Bundeswehr dann auch ein besonderes Argument für seine Entscheidung - "neben der sozialen Sicherheit", sagt er.

Erste Ergebnisse des Pilotprojektes stimmen den Heeresinspekteur optimistisch. Bereits zur Halbzeit habe sich die körperliche Leistungsfähigkeit der Rekruten deutlich verbessert, der Krankenstand sei deutlich gesunken, die Motivation gestiegen.

Pilotprojekt der Bundeswehr mit mehr Sport | Bildquelle: dpa
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Die Teilnehmer des Pilotprojektes sind motivierter und weniger krank

Sollte sich diese positive Einschätzung auch nach Ende der Grundausbildung bestätigen, plant das Heer eine Umstellung ab Sommer 2019. Kritiker warnen allerdings schon jetzt, dass zu wenig Zeit für die Gefechtsausbildung bleibe, wenn zuviel Zeit für Sport aufgewandt werde.

Im neuen Konzept entfällt etwa die gesamte Schießausbildung mit der Pistole, und auch die Trainingseinheiten mit dem Sturmgewehr G36 wurden leicht gekürzt. Vollmer hält dem entgegen, die durschnittliche Verpflichtungszeit von zehn Jahren bei Mannschaftssoldaten reiche vollkommen aus, um diese Ausbildung auch später noch nachzuholen.

Über dieses Thema berichtete NDR 1 Radio MV am 04. Juni 2018 um 08:00 Uhr.

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