Soldaten in der Grundausbildung in Parow (Mecklenburg-Vorpommern) bei Stralsund. (Archivbild November 2016) | picture alliance / Stefan Sauer/

Rekruten nach Marsch kollabiert Illegale Aufputschmittel oder Energy Drink?

Stand: 14.08.2017 12:27 Uhr

Ein Tag im Juli, 26 Grad: Bei Übungsmärschen in Niedersachsen brechen mehrere Bundeswehr-Rekruten zusammen. Einer stirbt im Krankenhaus. Was ist die Ursache dafür? Ein Soldat spricht von Aufputschmitteln, ein anderer von einem Energy Drink.

Die Bundeswehr-Rekruten, die bei einem Übungsmarsch im niedersächsischen Munster im Juli zusammengebrochen sind, haben zuvor offenbar Aufputschmittel zu sich genommen. Das habe einer der beteiligen Soldaten in einer internen Untersuchung ausgesagt, schreibt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) .

Christian Thiels
Einschätzung

"Wie überall in der Gesellschaft gibt es Drogenmissbrauch, auch mit Aufputschmitteln, schon lange in der Bundeswehr. Zwar sind regelmäßige medizinische Untersuchungen vorgeschrieben - vor allem vor Auslandseinsätzen - aber eben keine generellen 'Dopingtests' für Soldaten. Ein wesentliches Problem ist, dass die Vorgesetzten nach Dienst nicht mehr in den Kasernen sind und ein Auge auf das haben können, was ihre Soldaten so machen. Diese mangelnde soziale Kontrolle begünstigt Auswüchse wie den verantwortungslosen und sicher auch naiven Umgang mit Aufputschmitteln."

Zu Aufputschmitteln habe das Bundesverteidigungsministerium keine Erkenntnisse, sagte ein Sprecher der dpa. Doch es gebe einen Hinweis auf etwas anderes: "Ein Soldat soll ausgesagt haben, dass er vor dem Marsch eine Dose eines Energy Drinks zu sich genommen habe", so der Sprecher. Ob das die Ursache sei, bleibe aber weiterhin völlig offen.

Marschieren bei großer Hitze

Die verteidigungspolitische Internetseite "Augen geradeaus!" zitierte allerdings aus einem Bundeswehrbericht, der eine andere mögliche Ursache für das Kollabieren nennt: "Bei allen vier Soldaten wurden Körperkerntemperaturen von über 40° C gemessen, sodass von einem Hitzschlag (Hyperthermie-Syndrom) ausgegangen wird", heißt es darin. "Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann auch weiterhin keine eindeutige Ursache für die Häufung von Hitzschlagerkrankungen am 19. Juli 2017 benannt werden."

Ausbildungszentrum der Bundeswehr in Munster | dpa

Das Ausbildungszentrum der Bundeswehr in Munster: Stehen die Soldaten unter großem Druck? Bild: dpa

Ein Offiziersanwärter war an einem warmen Sommertag im Juli mit Temperaturen um die 26 Grad Celsius bei einem Marsch mit Waffe, Splitterschutzweste, Feldanzug und Helm nach drei Kilometern zusammengebrochen. Er starb zehn Tage später in einer Klinik. Bei einem zweiten Marsch am selben Tag brachen drei weitere Soldaten zusammen. Einer von ihnen befindet sich laut "FAZ" noch immer in einem kritischen Zustand.

Nachgeholfen, um fit zu sein?

Ein Bundeswehrarzt wies auf den möglichen Zusammenhang zwischen dem zunehmenden Missbrauch leistungssteigernder Mittel und der grundsätzlich abnehmenden körperlichen Leistungsfähigkeit der Soldaten hin. Um bei wichtigen Prüfungen fit zu sein, werde dann künstlich nachgeholfen, so der Arzt. Der Chef einer Panzergrenadierkompanie sagte der Zeitung: "Es fällt uns immer schwerer, genügend Rekruten zu finden, die in der Lage sind, den Belastungen eines Einsatzes standzuhalten."

Da es der Bundeswehr seit der Abschaffung der Wehrpflicht schwer fällt, genügend Rekruten zu gewinnen, werden die Leistungsanforderungen für die Tauglichkeitsprüfung dem Bericht zufolge immer weiter gesenkt. Dennoch sei das Personalsoll der Truppe von 170.000 Zeit- und Berufssoldaten im Juni dieses Jahres um gut 1500 Männer und Frauen verfehlt worden. Der Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums bestritt eine Änderung der Anforderungen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. August 2017 um 09:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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ataristianer 14.08.2017 • 18:00 Uhr

@ cornelius.k. um 17:34

"Im Übrigen wollen Sie gar nicht glauben, wie oft dies geschieht ( und das trotz des großen Personalmangels) , das Rekruten während des sog. freiwilligen Wehrdienstes diesen vorzeitig beenden, bzw. dieser beendet wird, wenn erkennbar wird, das der entsprechende Rekrut/Rekrutin rein körperlich nicht in der Lage ist, den entsprechenden Dienst zu leisten!" Ich hoffe, dass dies generell gilt und nicht nur während des freiwilligen Wehrdienstes. Ansonsten wäre der Mensch eine Maschine, die nur zu funktionieren hat, bis zum bitteren Ende. Ich hoffe auch, das mein Chef mit mir redet, falls es mit meiner Leistungsfähigkeit Probleme geben sollte, auch wenn ich schon etliche Jahre mit Ihm zusammenarbeite und nicht nur während der Probezeit.