Bundeswehrsoldaten tragen auf dem Flughafen in Masar-i-Scharif zu einem wartenden Hubschrauber eine Feldkiste (Archivbild vom 08.12.2015). | dpa
Analyse

20 Jahre Bundeswehr in Afghanistan War es das wert?

Stand: 30.06.2021 03:59 Uhr

Fast 20 Jahre Bundeswehr-Einsatz am Hindukusch sind beendet. Nun gibt es Forderungen und auch das Versprechen der Bundesregierung, diesen Einsatz gründlich aufzuarbeiten. Denn es stellt sich die Frage: War es das wert?

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Niemand im politischen Berlin würde auf die verwegene Idee kommen, für Afghanistan "Mission accomplished" - Mission erfüllt - zu verkünden. So wie es einst US-Präsident George W. Bush mit Blick auf den Irak getan hatte.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Allenfalls gemischt fällt auch die Bilanz der Wehrbeauftragten Eva Högl aus, wie sie dem ARD-Hauptstadtstudio sagte. "Das Ziel war, dass internationaler islamistischer Terrorismus nicht mehr von Afghanistan ausgeht, da kann man möglicherweise einen Haken dranmachen", so die SPD-Politikerin, die aber gleichzeitig zu bedenken gibt: "Wenn wir das Ziel formulieren, wir wollten Demokratie und Rechtsstaat nach Afghanistan bringen und allen Menschen nach unserer Vorstellung von Freiheit und Frieden eine Perspektive bieten, dann ist dieses Ziel sicher nicht erreicht worden."

Klägliches Scheitern beim strategischen Ziel

Die Stromversorgung, das Gesundheitswesen, eine lebhafte Zivilgesellschaft in den Städten aufgebaut zu haben, bescheinigt auch der langjährige Bundestagsabgeordnete der Grünen und Afghanistan-Kenner Winfried Nachtwei der internationalen Gemeinschaft. Allerdings auch: Ein klägliches Scheitern bei dem strategischen Ziel, für Sicherheit im Land zu sorgen.

Die Zeichen stünden angesichts des Vorrückens der Taliban auf der einen und der Bewaffnung der alten Kriegsfürsten auf der anderen Seite nun auf Bürgerkrieg. "Und das ist ein Szenario, das die Älteren noch brennend in den Köpfen haben: Weil das die schlimmste Zeit in der afghanischen Geschichte war. Schlimmer noch als die Taliban."

Rückfall droht Erfolge zu torpedieren

Ein Rückfall in die blutigen 90er-Jahre nach dem Abzug der Sowjettruppen droht nun auch das auszuradieren, was die Deutschen in Afghanistan in 20 Jahren mühsam versucht haben, aufzubauen.

Unbestritten ist, dass 20 Jahre am Hindukusch die Bundeswehr und den Blick der Deutschen auf ihre Streitkräfte verändert haben. Psychologische Schockwellen sendete der von einem deutschen Oberst befohlene Abwurf von zwei Bomben auf von Taliban entführte Tanklaster im September 2009 oder das Karfreitagsgefecht mit drei getöteten deutschen Soldaten im April 2010 in die Heimat.

Ziele klarer formulieren

Es gelte nun, aus dem gefährlichsten Einsatz der Bundeswehr Lehren zu ziehen, fordert auch die Wehrbeauftragte Eva Högl, die mit Blick auf künftige Einsätze mahnt, die Ziele genauer zu definieren. "Für jede einzelne Soldatin und jeden einzelnen Soldaten ist es wichtig zu wissen: Warum bin ich dort? Was ist mein Auftrag? Was möchte ich hier erreichen?"

Genau diese Ziele seien während des Afghanistan-Einsatzes weder klar formuliert, noch jemals überprüft worden, kritisiert auch Winfried Nachtwei. Der zudem rät, für künftige Einsätze mehr zivile Kräfte vorzuhalten: "Der Mangel war, dass wir weder auf dem Balkan noch in Afghanistan schnell verfügbare zivile Kräfte hatten, einschließlich Polizei. Das kleckerte langsam so nach." Gerade einmal 12 Polizisten hätten die für den Polizeiaufbau zuständigen Deutschen 2003 zusammenbekommen, so Nachtwei, 2006 seien es 40 gewesen. "Kümmerlich", lautet sein Fazit.

Lange Mängelliste

Sich auf die Warlords gestützt, Demokratie-Aufbau halbherzig betrieben, überhaupt unvorbereitet 2002 in diesen Einsatz gestolpert zu sein - die Mängelliste ist lang. Lehren aus Afghanistan zu ziehen, scheint jedenfalls gerade jetzt umso dringlicher, als auch die Bundeswehr-Mission in Mali immer gefährlicher und umstrittener zu werden scheint.

Wörter, die mit Bezug auf die von Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer nun noch einmal zugesagte Afghanistan-Aufarbeitung immer wieder fallen, lauten "offen", "ehrlich", "schonungslos". Genau diese offene, ehrliche, schonungslose Debatte hätten sich Kritiker aber schon während des Einsatzes am Hindukusch gewünscht.

"Das war eine andauernde Schönrednerei", beklagt der Grünen-Politiker Nachtwei. Der Begriff "Krieg" kam der Bundesregierung bis zum Frühjahr 2010 nicht über die Lippen, auch wenn die Soldaten fast täglich in Gefechte verwickelt wurden. Ohne eine breite und offene Debatte über Auslandseinsätze der Bundeswehr aber läuft Deutschland Gefahr, die Fehler der Afghanistan-Mission zu wiederholen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 30. Juni 2021 um 06:21 Uhr.

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Moderation 30.06.2021 • 11:21 Uhr

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