Großer Zapfenstreich vor dem Reichstagsgebäude | dpa

Gedenkakt zum Afghanistan-Einsatz Dank an die Soldaten - Kritik an den Erwartungen

Stand: 13.10.2021 21:15 Uhr

Mit einem Großen Zapfenstreich vor dem Reichstagsgebäude hat die Bundeswehr den Einsatzkräften der Afghanistan-Mission gedankt. Vertreter des Staates zogen zuvor eine durchwachsene Bilanz des 20-jährigen Engagements am Hindukusch.

Bundestag und Bundesregierung haben den in Afghanistan eingesetzten Männern und Frauen der Bundeswehr für ihren schwierigen Einsatz gedankt. Höhepunkt der Erinnerung an die Afghanistan-Mission war am Abend ein Großer Zapfenstreich vor dem Reichstagsgebäude. Das höchste militärische Zeremoniell wurde auf dem Platz der Republik mit Fackelträgern und mehreren Musikstücken abgehalten. Anwesend waren Vertreter der fünf Verfassungsorgane, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Steinmeier: "Schwierige, bittere Fragen"

An einem Abschlussappell auf dem Paradeplatz des Verteidigungsministeriums hatten am Nachmittag unter anderem Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier teilgenommen. Dort wurde auch der 59 Soldaten gedacht, die in den vergangenen 20 Jahren in Afghanistan ihr Leben ließen, davon 35 bei Gefechten oder Anschlägen. "Sie haben den höchsten Preis gezahlt, den ein Soldat im Auftrag seines Landes zahlen kann. Wir stehen tief in ihrer Schuld", sagte Steinmeier, der ebenso wie Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer zu den angetretenen Soldaten und Gästen sprach.

Nach der Machtübernahme der radikalislamischen Taliban im August zog Steinmeier eine kritische Bilanz des Einsatzes. "20 Jahre nach dem 11. September und zwei Monate nach dem Fall von Kabul stellen viele Menschen, die in Afghanistan gedient und gelitten haben, Fragen. Fragen nach dem Sinn dieses Einsatzes. Es sind schwierige Fragen, bittere Fragen", sagte Steinmeier. "Sie richten sich an das Parlament und an die Regierungen, die die Bundeswehr nach Afghanistan geschickt haben."

Steinmeier warnte zugleich vor falschen Schlüssen aus der Machtübernahme. "Für mich steht fest: Der Fall von Kabul war eine Zäsur. Wir stehen an einer Wegscheide, die uns dazu zwingt, über unsere Verantwortung in der Welt, unsere Möglichkeiten und deren Grenzen neu und selbstkritisch nachzudenken", sagte er. "Ich hoffe, dass wir in 20 Jahren nicht auf diese Wegscheide zurückblicken und sagen: Resignation und Rückzug war die Antwort auf Afghanistan. Es wäre die falsche Lehre." Er sei überzeugt: "Deutsche Außen- und Sicherheitspolitik nach Afghanistan muss ehrlicher, klüger und stärker werden."

Kramp-Karrenbauer: "Bundeswehr hat ihren Auftrag erfüllt"

Kramp-Karrenbauer sagte in ihrer Rede, eine Frage sei, warum es trotz aller Anstrengungen und Ressourcen nicht gelungen sei, in Afghanistan eine stabile, selbsttragende politische und gesellschaftliche Ordnung aufzubauen. Kein Einsatz habe die Bundeswehr so geprägt wie Afghanistan. "Keiner zuvor war so lange, so intensiv, so gefährlich." Die Bundeswehr habe ihren vom Parlament erteilten Auftrag erfüllt. Für eine ehrliche Bilanz sei aber auch festzustellen: "Deutschlands Anspruch in Afghanistan war größer als das, was die Bundeswehr hätte leisten können."

"Von Afghanistan ging 20 Jahre lang keine terroristische Bedrohung für das Bündnis aus. Sie alle haben quasi aus dem Nichts die afghanischen Sicherheitskräfte aufgebaut", sagte Kramp-Karrenbauer weiter. "Eine Generation Männer und Frauen konnte freier und sicherer aufwachsen. Doch es gibt auch einiges, was die Bundeswehr als Armee nicht kann: Der Aufbau einer Zivilgesellschaft, das Errichten einer Demokratie oder der Aufbau einer Wirtschaft sind nicht der Auftrag von bewaffneten Streitkräften."

Mit Blick auf den Sieg der Taliban sagte sie, die afghanischen Sicherheitskräfte seien zwar gut ausgebildet worden. "Aber: Eine Armee muss wissen, wofür sie kämpft, sie braucht Rückhalt und Zusammenhalt. Beides, und das ist eine bittere Lektion, kann man von außen kaum ausbilden."

Seehofer dankt Polizei

Bundesinnenminister Horst Seehofer dankte auch den in Afghanistan eingesetzten Polizistinnen und Polizisten. Bei einem Treffen mit 19 Beamten des letzten Kontingents sagte er: "Ihrem Einsatz haben wir zu verdanken, dass Deutschland international ein hohes Maß an Wertschätzung, Achtung und Respekt genießt."

Insgesamt waren über die Jahre 1500 deutsche Polizistinnen und Polizisten in Afghanistan im Einsatz. Sie hatten den Aufbau der afghanischen Polizei unterstützt, den Schutz deutscher Diplomaten gewährleistet und bei der praktischen Abwicklung von Abschiebungen von Deutschland nach Afghanistan geholfen.

Schäuble: Parlament muss Schlüsse ziehen

Kurz vor dem Großen Zapfenstreich empfing Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble Bundeswehrangehörige im Parlament. "Wir, die Abgeordneten, die Sie in diesen Einsatz geschickt haben, haben gelernt: Der von uns erteilte Auftrag konnte nicht so erfüllt werden, wie wir es erhofft hatten", sagte er laut Redemanuskript. "An Ihnen lag das nicht."

Auch das Parlament müsse die Gründe dafür suchen und benennen - und Schlüsse daraus ziehen, sagte Schäuble. "Das ist unsere Verantwortung, das sind wir Ihnen schuldig, den Veteranen, den Gefallenen, den im Einsatz Verstorbenen und ihren Familien und den Kameraden, die versehrt zurückgekehrt sind." Grüne, FDP und Linke fordern zur Aufarbeitung der Afghanistan-Mission einen Untersuchungsausschuss des Bundestages.

Kritik von Friedensorganisationen

Am Großen Zapfenstreich anlässlich des Afghanistan-Einsatzes gab es auch Kritik: Mehrere Friedensorganisationen bezeichneten diese Zeremonie der höchsten militärischen Ehrung als "absolut unangemessen". Die ärztliche Friedensorganisation IPPNW verwies unter anderem auf die katastrophale gesundheitliche Lage in Afghanistan seit dem Abzug der NATO-Truppen. Die Bundesregierung lenke mit dem Großen Zapfenstreich von ihrer eigenen Verantwortung im Afghanistan-Desaster ab.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. Oktober 2021 um 20:00 Uhr.