Bundespräsident Steinmeier bei seiner Rede zur Würdigung des Afghanistan-Einsatzes | dpa

Gedenkakt zum Afghanistan-Einsatz Steinmeier würdigt Leistung der Bundeswehr

Stand: 13.10.2021 19:18 Uhr

Fast 20 Jahre lang waren deutsche Soldaten in Afghanistan im Einsatz. In Berlin wird ihr Einsatz heute mit einem siebenstündigen Programm gewürdigt. Bundespräsident Steinmeier zog in seiner Rede eine durchwachsene Bilanz.

Auf dem Platz der Republik vor dem Reichstagsgebäude in Berlin hat der Große Zapfenstreich für den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr begonnen.

Zuvor fand auf dem Paradeplatz des Verteidigungsministeriums der zentrale Abschlussappell zum Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan statt, dem auch Kanzlerin Angela Merkel beiwohnte.

59 Soldaten verloren ihr Leben im Einsatz

Vor dem Appell nahmen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und weitere staatliche Repräsentanten an einer Kranzniederlegung am Ehrenmal der Bundeswehr auf dem Gelände des Verteidigungsministeriums teil.

"In stillem Gedenken: Der Einsatz in Afghanistan hat die Bundeswehr geprägt. 59 Kameraden verloren ihr Leben", erklärte das Verteidigungsministerium dazu. Der Bundespräsident sprach mit Hinterbliebenen und Einsatzversehrten.

Mit dabei sind ausgewählte Soldatinnen und Soldaten aller Kontingente, stellvertretend für die rund 160.000 Männer und Frauen, die in den rund 20 Jahren in Afghanistan Dienst getan haben.

Steinmeier zieht durchwachsene Bilanz

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zog in seiner Rede eine durchwachsene Bilanz des jahrzehntelangen Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr. "Zwanzig Jahre nach dem 11. September und zwei Monate nach dem Fall von Kabul stellen viele Menschen, die in Afghanistan gedient und gelitten haben, Fragen. Fragen nach dem Sinn dieses Einsatzes", sagte Steinmeier.

Es sei ursprünglich richtig gewesen sei, 2001 den NATO-Bündnisfall auszurufen und nach Afghanistan zu gehen. "Wir haben unser militärisches Ziel erreicht, diejenigen zu besiegen, die vor zwanzig Jahren aus Afghanistan heraus furchtbaren Terror über unsere Verbündeten gebracht haben", so der Bundespräsident.

"Aber unser weiter gestecktes Ziel, in Afghanistan stabile staatliche Strukturen aufzubauen, haben wir nicht erreicht", sagte Steinmeier weiter.

Ausdrücklich würdigte Steinmeier die Leistungen der insgesamt mehr als 150.000 in Afghanistan eingesetzten Soldatinnen und Soldaten - und die von ihnen gebrachten Opfer. Besonders gedachte er der 59 deutschen Soldaten, die in Afghanistan getötet wurden. "Sie haben den höchsten Preis gezahlt, den ein Soldat im Auftrag seines Landes zahlen kann", sagte der Bundespräsident. "Wir stehen tief in ihrer Schuld."

Der Fall von Kabul sei eine Zäsur gewesen, so Steinmeier weiter. Deutschland sei gezwungen, "über unsere Verantwortung in der Welt, unsere Möglichkeiten und deren Grenzen neu und selbstkritisch nachzudenken".

Deutsche Außen- und Sicherheitspolitik müsse ehrlicher, klüger und stärker werden. Deutschland müsse lernen, seine eigene Kraft zu erfassen und zu nutzen - und zugleich ihre Grenzen zu kennen. In diesen "instabilen Zeiten" investiere Deutschland mehr in seine Verteidigung. "Und das ist richtig so", betonte der Bundespräsident.

Kramp-Karrenbauer erinnert an getötete Soldaten

Kramp-Karrenbauer sagte in ihrer Rede: "Kein Einsatz zuvor hat die Bundeswehr so sehr geprägt wie dieser Einsatz in Afghanistan. Keiner zuvor war so lange, so intensiv, so gefährlich." Sie erinnerte an den Tod der 59 im Einsatz ums Leben gekommenen Bundeswehr-Soldaten und dankte der Bundeswehr für ihren Einsatz.

Die Bundeswehr habe ihren vom Parlament erteilten Auftrag erfüllt. Sie warnte aber vor überzogenen Erwartungen an den Einsatz von Militär im Ausland. Für eine ehrliche Bilanz sei festzustellen: "Deutschlands Anspruch in Afghanistan war größer als das, was die Bundeswehr hätte leisten können."

Zu den Leistungen der Bundeswehr sagte sie:

Von Afghanistan ging 20 Jahre lang keine terroristische Bedrohung für das Bündnis aus. Sie alle haben quasi aus dem Nichts die afghanischen Sicherheitskräfte aufgebaut. Eine Generation Männer und Frauen konnte freier und sicherer aufwachsen. Doch es gibt auch einiges, was die Bundeswehr als Armee nicht kann: Der Aufbau einer Zivilgesellschaft, das Errichten einer Demokratie oder der Aufbau einer Wirtschaft sind nicht der Auftrag von bewaffneten Streitkräften.

Kritik von Friedensorganisationen

Am Großen Zapfenstreich anlässlich des Afghanistan-Einsatzes gibt es Kritik: Mehrere Friedensorganisationen bezeichneten diese Zeremonie der höchsten militärischen Ehrung als "absolut unangemessen". Die ärztliche Friedensorganisation IPPNW verwies unter anderem auf die katastrophale gesundheitliche Lage in Afghanistan seit dem Abzug der NATO-Truppen.

Die Bundesregierung lenke mit dem Großen Zapfenstreich von ihrer eigenen Verantwortung im Afghanistan-Desaster ab.

Über dieses Thema berichteten am 13. Oktober 2021 die tagesschau um 12:00 Uhr und tagesschau24 um 14:00 Uhr.