Soldaten der Bundeswehr steigen in Wunstorf aus einen Transportflugzeug vom Typ Airbus A400M der Luftwaffe. | dpa

Ende des Afghanistan-Einsatzes Soldaten in Deutschland gelandet

Stand: 30.06.2021 15:04 Uhr

Nach dem Ende des Einsatzes in Afghanistan sind die letzten deutschen Bundeswehrsoldaten zurück in Deutschland. Am Nachmittag landeten drei Transportflugzeuge der Luftwaffe auf dem niedersächsischen Fliegerhorst Wunstorf.

Fast 20 Jahre nach Beginn des Bundeswehr-Einsatzes sind die letzten deutschen Soldaten in die Bundesrepublik zurückgekehrt. Nach einer nächtlichen Zwischenlandung in Georgiens Hauptstadt Tiflis landeten die Rückkehrer am Nachmittag in mehreren Flugzeugen auf dem Fliegerstützpunkt Wunstorf bei Hannover.

Nach Angaben der Bundeswehr waren an Bord der drei zusammen gestarteten Maschinen insgesamt 264 Männer und Frauen - darunter auch 20 Mann des Kommandos Spezialkräfte (KSK), die zur Absicherung des am Vortag geräumten Feldlagers in Masar-i-Scharif nach Afghanistan verlegt worden waren. Mit Hinweis auf die Corona-Pandemie verzichtete die Bundeswehr auf einen großen Empfang in Wunstorf.

"Ein historisches Kapitel geht zu Ende"

Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer erklärte, mit dem Abzug gehe ein historisches Kapitel zu Ende, ein intensiver Einsatz, der die Bundeswehr gefordert und geprägt und in dem sich die Truppe im Kampf bewährt habe. "Ein Einsatz, bei dem Angehörige unserer Streitkräfte an Leib und Seele verletzt wurden, bei dem Menschen ihr Leben verloren haben, bei dem wir Gefallene zu beklagen hatten", so Kramp-Karrenbauer. "Meine Gedanken sind bei ihnen, sie bleiben unvergessen."

In den vergangenen knapp 20 Jahren waren etwa 150.000 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr am Hindukusch im Einsatz, viele von ihnen mehrfach. 59 deutsche Soldaten kamen in dem Land ums Leben, 35 von ihnen wurden im Gefecht oder durch Anschläge getötet.

Schneller Truppenabzug

Die Bundeswehr hatte den Abzug zuletzt deutlich vorantreiben müssen, nachdem die US-Regierung unter Präsident Joe Biden den Abzug beschleunigt hatte. Die USA als größter Truppensteller hatten sich zunächst auf einen Abzug bis zum 11. September festgelegt, dem 20. Jahrestag der Terroranschläge des islamistischen Netzwerks Al-Kaida in den USA. Nun wurde auf einen Abzug bis zum 4. Juli - dem US-Nationalfeiertag - gedrängt.

In Afghanistan hat sich die Sicherheitslage mit Beginn des Abzugs der internationalen Truppen zugespitzt. Seit 1. Mai haben die militant-islamistischen Taliban etwa 90 der rund 400 Bezirke des Landes neu erobert, auch in den ehemaligen Einsatzgebieten der Bundeswehr im Norden. Unklar blieb bis zuletzt, ob es zu einem Angriff auf das Feldlager kommen würde. Die Bundeswehr hatte Verstärkung in das Lager gebracht.

Landeskenner warnen, die Taliban könnten das Land wieder in einen blutigen Bürgerkrieg stürzen. Und damit alle Fortschritte der vergangenen 20 Jahre zunichte machen.

"Wie einen guten Freund zu verlieren"

Politiker und Armeeangehörige in Afghanistan bedauerten den Abzug der Bundeswehr. Nach 20 Jahren freundlicher Beziehungen sei es "wie einen guten Freund zu verlieren", sagte General Khanullah Schudschah, der Kommandeur des 209. Corps der afghanischen Armee in Masar-i-Scharif, der Nachrichtenagentur dpa. Schudschah hat von den deutschen Soldaten das Camp Marmal übernommen, das viele Jahre der größte Stützpunkt der Bundeswehr im Ausland war.

Schudschah, sagte, dass aktuell der Krieg mit den militant-islamistischen Taliban in voller Intensität laufe, sehe jeder. Seine Truppen seien bereit und hätten die notwendigen Kapazitäten.

Örtliche Politiker befürchteten, der Abzug werde negative Auswirkungen auf die Moral der afghanischen Sicherheitskräfte haben. Die deutschen Soldaten seien zwar schon lange nicht mehr an Kampfhandlungen beteiligt gewesen, doch ihre Anwesenheit alleine habe die Moral der afghanischen Soldaten und Polizisten gestärkt. Nun zögen sie und viele Zivilisten den Schluss, dass die Situation im Land so schlimm geworden sei, "dass uns alle alleine lassen", sagte die Parlamentarierin Fausia Hamidi. Provinzräte sagten zudem, der Abzug werde die Taliban weiter ermutigen.

Erstes Afghanistan-Mandat im Dezember 2001

Für die Bundeswehr bedeutete der Einsatz in Afghanistan ein neues Kapitel. Er begann nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und zur militärischen Unterstützung der USA.

Der Bundestag hatte am 22. Dezember 2001 das erste Afghanistan-Mandat verabschiedet. Im Januar 2002 trafen die ersten Kräfte in der Hauptstadt Kabul ein. "Am 14. Januar 2002 beteiligten sich erstmals deutsche Soldaten an einer Patrouille in der kriegszerstörten Stadt", erklärte die Bundeswehr rückblickend.

Deutschland war im Norden Afghanistans Führungsnation und in dieser Rolle bis zuletzt bei der NATO-Ausbildungsmission "Resolute Support" engagiert. Die Opposition und auch die Wehrbeauftragte Eva Högl forderten wiederholt eine Überprüfung des Einsatzes, um erreichte Fortschritte und Misserfolge besser zu verstehen und Schlussfolgerungen für künftige und laufende Einsätze zu ziehen.

Mit Informationen von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 30. Juni 2021 um 15:00 Uhr.