Parteichefin Merkel spricht im Adenauer-Haus zum Wahlausgang | AP

Reaktionen der Parteien Erklärungsversuche und Rechenexempel

Stand: 25.09.2017 00:01 Uhr

Die Union kann sich nur sehr bedingt über den Wahlausgang freuen. Die AfD will nun die Regierung jagen und FDP und Grüne beginnen mit der Positionierung für Koalitionsverhandlungen. Für Jamaika können sich die Deutschen aber nur bedingt begeistern.

Ein Wahlsieger, dem es die Sprache verschlagen hatte: Als Unions-Fraktionschef Volker Kauder in der ARD vor die Kameras trat, zeigte er sich deutlich gezeichnet vom Wahlausgang. CDU und CSU werden im neuen Bundestag zwar die stärkste Fraktion stellen, aber deutlich geschrumpft. Die Union fuhr das schlechteste Ergebnis seit 1949 bei einer Wahl im Bund ein.

Kauder erhob in der ARD den Anspruch, die neue Bundesregierung anzuführen. CDU/CSU hätten erreicht, dass es einen Regierungsauftrag für sie gebe und dass gegen die Union keine Regierung gebildet werden könne. Eine Analyse der starken Stimmenverluste lehnte Kauder konsterniert ab, daran werde man sich in den kommenden Tagen in den zuständigen Gremien machen.

Jubel für die Kanzlerin

Im Konrad-Adenauer-Haus hatte man sich gut eine Stunde später schon wieder etwas gefangen - Kanzlerin Angela Merkel wurde bei ihrem Auftritt mit "Angie, Angie" -Rufen empfangen, als gelte es, einen grandiosen Erfolg zu bejubeln. Merkel hielt sich an die Sprachregelung, die Kauder vorgetragen hatte - strategische Ziele erreicht, Regierungsauftrag erhalten.

Auch Merkel ging nicht näher auf das schlechte Ergebnis der CDU ein, verwies nur auf die zurückliegende Legislaturperiode, die außerordentliche Herausforderungen gebracht habe. Dann der Blick nach vorne - man wolle die Wähler der AfD zurückgewinnen und ihre Ängste ernster nehmen. Wie das geschehen soll? "Vor allem durch eine gute Politik".

Seehofer wird deutlich

Deutlicher wurde da schon CSU-Chef Horst Seehofer: Die Union habe "die rechte Flanke offengelassen", stellte er in der ARD fest und verwies auf die Flüchtlingspolitik und die innere Sicherheit. Dadurch sei ein "Vakuum" entstanden, das man jetzt schließen müsse, unter anderem durch eine Politik, die sicherstelle, "dass Deutschland Deutschland bleibt". Seehofer hatte in der Flüchtlingspolitik einen scharfen Streit mit Merkel geführt, der erst zum Wahlkampf für erledigt erklärt wurde. Eine Schuldzuweisung wollte Seehofer deshalb nicht wagen.

Auf das schlechte Ergebnis aus der CSU angesprochen wies er aber die Verantwortung indirekt der CDU zu - man könne sich "als einzelnes Bundesland nicht vom Gesamttrend abkoppeln".

SPD zieht auf die Oppositionsbank

Der Trend, den die SPD mal als Genossen angesehen hatte, er hatte sich an diesem Abend auch gegen die SPD gestellt. Das miserable Ergebnis der Sozialdemokraten führte in der Parteizentrale zu einer "bleiernen Atmosphäre", wie ARD-Reporterin Sabine Rau berichtete. Parteichef Martin Schulz räumte vor Anhängern ein, dass die Partei ihr Wahlziel verfehlt habe - die Sozialdemokraten wollen nun in die Opposition gehen, wie Fraktionschef Thomas Oppermann erklärte. Mehr zu der Reaktion der Sozialdemokraten lesen Sie hier.

Markige Töne von der AfD

Wie umgehen mit der AfD? Diese Frage wurde in allen Reaktionen aufgegriffen. Wie die Partei selbst sich zu verhalten gedenkt, machte ihr Spitzenkandidat Alexander Gauland deutlich, der als erster aller Spitzenkandidaten vor die Kameras trat. Er kündigte an, seine Partei werde die künftige Regierung "jagen" - diese könne sich "warm anziehen". Man werde sich dieses Land "zurückholen".

Was dieses Jagen bedeutet, könnte bald schon die FDP erleben - diese kehrt mit einem kräftigen Stimmenzuwachs nach vier Jahren Abstinenz in den Bundestag zurück. Parteichef Christian Lindner, auf den der Wahlkampf stark zugeschnitten war, feierte diesen Erfolg mit der Feststellung, ab jetzt gebe es "wieder eine Fraktion der Freiheit im Parlament". Rechnerisch würde es nun für eine Koalition der Liberalen mit Union und Grünen reichen.

Lindner zeigte sich offen für Koalitionsverhandlungen, wollte sich zugleich aber auch nicht darauf festlegen lassen und appellierte an die SPD, sich ihrerseits nicht einseitig auf den Gang in die Opposition festzulegen - das gebiete die staatspolitische Verantwortung.

Grüne auf dem Weg in die Regierung?

Ihr Glück kaum fassen konnten die Grünen - ihr Wahlkampf war zuvor als schleppend und uninspiriert kritisiert worden. Doch statt Verlusten können die Grünen sich über einen Stimmenzuwachs freuen. Führt das Ergebnis die Partei auch in ein Jamaika-Regierungsbündnis? Die Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt äußert sich zurückhaltend. Koalitionsverhandlungen würden schwierig - "Wir sind keine einfachen Partner".

Ex-Fraktionssprecher Jürgen Trittin betonte mit Anspielung auf die SPD, die Grünen nähmen sich nicht selbst aus dem Spiel. Es gebe aber drei Bedingungen: Die CDU müsse ökologischer werden, die FDP sozialer und die CSU liberaler.

Auch die Partei Die Linke kann sich über leichte Zugewinne freuen. Fraktionschef Dietmar Bartsch nannte das Ergebnis aber eine "Herausforderung" für die Linken. Sein Parteifreund, der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow, sagte, die Politik müsse nun eine Antwort auf den Erfolg der AfD geben und deutlich machen, dass sie Lösungen bieten kann.

Probleme mit Jamaika?

Laut den Umfragen von infratest dimap würden 39 Prozent der Deutschen die Fortsetzung der Großen Koalition bevorzugen, was die SPD aber ausgeschlossen hat. Ein Jamaika-Bündnis aus Union, Grünen und FDP kommt auf 23 Prozent Zustimmung.

Bilderstrecke

Koalitionsoptionen - Umfragen von infratest dimap

Über dieses Thema berichtete am 24. September 2017 die ARD u.a. in der Sendung "Berliner Runde" um 20:15 Uhr.

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Moderation 25.09.2017 • 00:03 Uhr

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