Dagmar Ziegler | dpa

Designierte Bundestagsvize Ziegler SPD setzt auf Ost-Bonus

Stand: 24.11.2020 20:21 Uhr

Dagmar Ziegler ist stolz auf ihre ostdeutsche Herkunft und eine erfahrene Politikerin - egal, ob am Gartenzaun oder als parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Fraktion. Nun soll sie Bundestagsvizepräsidentin werden.

Von Georg Schwarte, ARD-Hauptstadtstudio

Ostdeutsche zu sein - Dagmar Ziegler ist stolz darauf. Der Mauerfall, die Wendezeit, das seien für sie Geschenke gewesen samt hilfreicher Erfahrungen, sagt die SPD-Kandidatin für das Amt der Bundestagsvizepräsidentin. "Eine wirklich ereignisreiche, anstrengende Zeit, die ich nicht missen möchte", sagt die 60-Jährige. "Es hat wohl kaum jemand Gelegenheit, so viel zu erleben, wie wir in der Wendezeit erlebt haben."

Georg Schwarte ARD-Hauptstadtstudio

Ziegler war ein Jahr nach dem Mauerfall von Leipzig nach Lenzen in der Prignitz gezogen. Dort gründete sie in dem kleinen Ort den ersten SPD-Ortsverein - aus Wut über das, was sie vor Ort erlebte: Sie wurde arbeitslos, ein Schicksal, das sie mit Hunderttausenden teilte. Die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG), in der sie gearbeitet hatte, habe einfach Null-Stunden-Kurzarbeit eingeführt. "Und dann habe ich vor der Frage gestanden, es zuzulassen, dass ein ehemaliger Stasi-Offizier hier Bürgermeister bleibt", sagt Ziegler.

Sie hielt dagegen, drei Jahre später war sie als ehrenamtliche Bürgermeisterin gewählt.

Ostdeutschland ein Gesicht geben

Jetzt soll die Frau, die Finanzwirtschaft studierte, viele Jahre im Brandenburger Landtag saß und dort Finanz- und Arbeitsministerin war, seit 2009 dem Deutschen Bundestag angehört, also Bundestagsvizepräsidentin werden.

Der SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich sagt, dadurch würde die SPD im 30. Jahr der Deutschen Einheit den ostdeutschen Bundesländern ein öffentliches Gesicht geben. "Ihre Biografie, die das mit großem Respekt widerspiegelt, was Menschen in den ostdeutschen Bundesländern erwarten: Repräsentanz in hohen Ämtern. Und deswegen habe ich mich für Dagmar Ziegler ausgesprochen", sagt Mützenich.

Sie selbst möge Perspektivwechsel, sagte Ziegler einst mit Blick auf ihren Werdegang. Sie hat alle Aspekte der Politik gesehen, unten an der Basis Politik gemacht und oben im politischen Berlin.

Politik am Gartenzaun

Die designierte Bundestagsvizepräsidentin, Nachfolgerin des überraschend verstorbenen SPD-Politikers Thomas Oppermann, aber bleibt ein Fan der Kommunalpolitik. Dort nämlich lerne jeder, wie Politik wirklich funktioniere: Menschen ernst nehmen, die zu einem kommen. Die ihre Probleme sonntags über den Gartenzaun hinüberrufen. "Wer das nicht gemacht hat und meint, dass er sofort in den Bundestag wechseln kann, weil er Politikwissenschaft studiert hat, der irrt sich gewaltig oder tut den Menschen keinen Dienst damit", sagt Ziegler.  

Dagmar Ziegler war stellvertretende SPD-Fraktionschefin und eine von vier parlamentarischen Geschäftsführerinnen der SPD-Fraktion. Nun soll sie eine der Stellvertreterinnen von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble werden. Ein neues Amt, das sie noch einmal herausfordern wird. "Wenn ich mich in ein Thema eingearbeitet habe, dann spreche ich darüber. Wenn ich fürchten muss, oberflächlich zu beleiben, dann schweige ich lieber und höre mir Expertenmeinungen an", sagt Ziegler. "Ich wünschte, das würden andere auch tun."

Ende des vergangenen Jahres hatte Dagmar Ziegler angekündigt, 2021 nicht mehr für den Bundestag zu kandidieren. Dabei soll es auch bleiben. Nur ein Jahr wird sie wohl Bundestagsvizepräsidentin sein, wenn sie vom Bundestag gewählt wird.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 24. November 2020 um 22:04 Uhr.