Daniil Granin vor dem Bundestag

Gedenkstunde im Bundestag "Der Tod kam leise"

Stand: 27.01.2014 15:41 Uhr

Der Bundestag hat mit einer Gedenkstunde an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 sowie an das Ende der fast dreijährigen Blockade Leningrads durch deutsche Soldaten erinnert.

Bundestagspräsident Norbert Lammert machte die "menschenverachtende Rassenideologie" der Nationalsozialisten verantwortlich für systematisches Morden in Auschwitz und Leningrad. Leningrad sollte "als Wiege des sogenannten jüdischen Bolschewismus vernichtet werden", sagte Lammert. "Das Sterben in der Stadt war alltägliche Wirklichkeit geworden."

Vor 70 Jahren - am 27. Januar 1944 - hatten russische Soldaten die fast 900 Tage währende Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht aufgebrochen. Nach Schätzungen starben in dieser Zeit mehr als eine Million Menschen infolge deutscher Luftangriffe und Hunger in der total abgeriegelten Stadt.

Zeitzeuge erinnert an Blockade Leningrads

Einer, der das Grauen überlebt hat, ist Daniil Granin. Die Abgeordneten hatten ihn als Gastredner eingeladen. Mit eindringlichen Worten schilderte der 95-jährige Schriftsteller die fast dreijährige Einkesselung der Millionenstadt. "Meine Erinnerungen an die Blockade von Leningrad sind zugleich tragisch und grausam", begann er seine Rede. "Als der Krieg ausbrach, trat ich, ein frischgebackener Ingenieur, sofort in die Volkswehr ein. Der Krieg erschien mir in diesem Augenblick als glücklicher und romantischer Umstand. Als Möglichkeit, mich behaupten und beweisen zu können." Aber schon die ersten Monate, ab Juli 1941, hätten gnadenlos für Ernüchterung gesorgt.

Granin erzählte, wie die Verteidigung Leningrads zusammenbrach und die Stadt von deutschen Truppen eingekesselt wurde. "Die Blockade kam unerwartet. Sie traf die Stadt unvorbereitet, in Leningrad gab es keine Vorräte, weder Nahrungsmittel noch Brennstoff. Sofort wurden Lebensmittelkarten eingeführt." Die Rationen seien dann immer kleiner geworden. "Am 20. November wurden die Rationen katastrophal gekürzt, sie betrugen nur noch 250 Gramm für Arbeiter und 125 Gramm für Angestellte und Kinder. 125 Gramm sind eine hauchdünne Scheibe Brot. Mit Zellulose und anderen Zusätzen…"

Minus 35 Grad

Die Frontlinie sei dann immer näher herangerückt. "Zu den Schützengräben konnte man mit der Straßenbahn fahren", erzählte Granin. Außerdem sei es kalt geworden, bis zu minus 35 Grad.

Daniil Granin vor dem Bundestag
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Eindringliche Schilderung der Blockade Leningrads: Daniil Granin

"Die Deutschen wussten ganz genau, wie es um die Stadt steht und wie sie unter dem furchtbaren Hunger leidet. Die Blockade hielt fast drei Millionen Menschen im Würgegriff." Granin erinnerte an die vielen Hungertoten. "Der Tod kam leise, mucksmäuschenstill, tagein und tagaus. Im Februar verhungerten täglich etwa dreieinhalbtausend Menschen." Unvorstellbares habe als Nahrung gedient. Man kratzte den Leim von den Tapeten und kochte Ledergürtel. Man aß Katzen und Hunde. Und dann kam der Kannibalismus…"

"Ich konnte Deutschland lange nicht verzeihen"

Granin hatte als Soldat in vorderster Front gekämpft. "Ich konnte es den Deutschen sehr lange nicht verzeihen, dass sie 900 Tage lang Zivilisten vernichtet haben, und zwar auf die qualvollste und unmenschlichste Art und Weise getötet haben, indem sie den Krieg nicht mit der Waffe in der Hand führten, sondern für die Menschen in der Stadt Bedingungen schufen, unter denen man nicht überleben konnte. Sie vernichteten Menschen, die sich nicht zur Wehr setzen konnten."

Erst 1956 kam Granin erstmals wieder nach Deutschland. "Im Grunde besuchte ich den ehemaligen Feind, den ehemaligen Todfeind. Der schmerzende Zorn war noch da, die Wunden noch offen." Später habe er Freunde in Deutschland gefunden. "Die Aussöhnung war für mich keine leichte Sache. Mir war klar, dass Hass ein Gefühl ist, das in eine Sackgasse führt. Hass hat keine Zukunft, er ist kontraproduktiv. Mir war klar, dass man vergeben können muss, aber auch nichts vergessen darf."

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