Ein Helikopter der US-Armee fliegt nahe der US-amerikanischen Botschaft in Kabul. | AP

Evakuierung der Deutschen Botschaft Auf Messers Schneide

Stand: 17.08.2021 07:43 Uhr

Die Evakuierung der Deutschen Botschaft in Kabul wäre um Haaresbreite gescheitert, wie Recherchen des ARD-Hauptstadtstudios zeigen. Das Auswärtige Amt spielte dabei eine fragwürdige Rolle.

Michael Götschenberg und Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Am Freitag wartete man in der Deutschen Botschaft in Kabul auf grünes Licht aus Berlin: so wie nebenan die britischen Kollegen, deren Botschaft direkt an die deutsche angrenzt, wollte auch die Deutsche Botschaft die Evakuierung einleiten und das Personal in Sicherheit bringen. Das erfuhr das ARD-Hauptstadtstudio aus Regierungskreisen. Doch man wartete vergeblich.

Michael Götschenberg ARD-Hauptstadtstudio
Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Während die Briten hastig ihre Sachen packten und auch die US-Amerikaner ihre Evakuierung einleiteten, blieben die Deutschen auf dem Botschaftsgelände. Auch der Samstag verging, ohne dass das Auswärtige Amt die Evakuierung veranlasste. Unterdessen spitzte sich die Situation weiter dramatisch zu.

Deutsches Personal wurde zur US-Botschaft gefahren

Nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios aus Kabul und aus Regierungskreisen brachen bereits am Samstag im Laufe des Tages alle Dämme: Ein Transfer mit Fahrzeugen zum Flughafen sei nicht mehr zu verantworten, so die Einschätzung vor Ort. Als letzter Ausweg wurde das deutsche Personal deshalb am Sonntagmorgen in einem Konvoi zur US-Botschaft gefahren, der von Bundespolizisten gesichert wurde.

Die Polizeikräfte sind für die Sicherheit der Botschaft verantwortlich. Ob das Auswärtige Amt zu diesem Zeitpunkt einer Evakuierung mittlerweile zugestimmt hatte, ist unklar. Eine Anfrage des ARD-Hauptstadtstudios, wann genau die Evakuierung freigegeben wurde, wollte das Auswärtige Amt gestern nicht beantworten.

Das Botschaftspersonal wurde schließlich mit Chinook-Hubschraubern der US-Armee vom Gelände der US-amerikanischen Botschaft zum Flughafen ausgeflogen. Außenminister Heiko Maas erklärte am Sonntag, man habe sich entschieden, "unser Botschaftspersonal in einen militärisch gesicherten Bereich im Flughafen von Kabul zu verlagern". Zur Dramatik der Ereignisse kein Wort, wie auch nicht zu dem Umstand, dass dies überhaupt nur noch mit Hilfe der US-Amerikaner möglich war.

Auswärtiges Amt unterschätzte die Gefährdung

Auch gestern Abend noch lobte der Bundesaußenminister die "gute internationale Vorbereitung", die es ermöglicht habe, "auch sehr kurzfristig auf die sich in den letzten Tagen dramatisch verschlechternde Situation vor Ort zu reagieren". Im Laufe des Tages schließlich flogen die US-Amerikaner am Sonntag die Mehrheit des Botschaftspersonals nach Doha aus. Eine Rumpfbesetzung blieb am Flughafen in Kabul zurück, darunter Diplomaten und Mitarbeiter deutscher Sicherheitsbehörden.

Die Entwicklung macht deutlich, dass das Auswärtige Amt offenbar auch auf dem Höhepunkt der sich zuspitzenden Sicherheitslage die Gefährdung des Personals noch immer nicht verstanden hatte. Wie das ARD-Hauptstadtstudio gestern berichtete, hatte der stellvertretende Botschafter am Freitag im Lagebericht der Botschaft seiner Frustration deutlich Ausdruck verliehen und geschrieben, "dass den dringenden Appellen der Botschaft über längere Zeit erst in dieser Woche Abhilfe geschaffen" worden sei. Verbunden mit dem Hinweis: "Wenn das an irgendeiner Stelle diesmal schief gehen sollte, so wäre dies vermeidbar gewesen".

Kernteam der Botschaft blieb am Flughafen

Am selben Tag erklärte Außenminister Maas, man habe sich "seit Wochen auf diese Situation vorbereitet". Wochenlang hörte man offenbar nicht auf die Warnungen vor Ort. Als die Taliban in Kabul einfielen und es darum ging, das Botschaftspersonal in Sicherheit zu bringen, erfolgte keine rasche Reaktion. Das Auswärtige Amt entschied sich, ein "operatives Kernteam" des Botschaftspersonals auf dem Flughafen Kabul zu belassen, wie Außenminister Maas am Sonntag erklärte. Mit dem Ziel, "die weiteren Evakuierungsmaßnahmen in den nächsten Tagen mit begleiten zu können".

Außer Frage steht, dass die internationale Gemeinschaft insgesamt von der Entwicklung überrascht wurde. Auch die Nachrichtendienste haben sie nicht vorhergesehen. Gestern Abend hatte auch Außenminister Maas zugegeben, es gebe nichts zu beschönigen: "Wir haben die Lage falsch eingeschätzt." Richtig ist, dass niemand vorausgesehen hat, mit welcher Geschwindigkeit die Taliban Kabul eingenommen haben. Das gilt auch für die Geschwindigkeit, mit der die afghanischen Sicherheitskräfte sich den Taliban ergaben. Das Krisenmanagement des Auswärtigen Amts erklärt dieser Umstand jedoch nicht.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. August 2021 um 09:00 Uhr.

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