Friedrich Merz | dpa

Neues Buch von Friedrich Merz Ein einziges "Ja, aber ..."

Stand: 02.11.2020 13:12 Uhr

In seinem neuen Buch präsentiert Friedrich Merz seine Ideen für eine zukunftsfähige Politik. Merz zeigt sich gewohnt selbstbewusst. Doch darüber hinaus erfährt der Leser wenig über den CDU-Politiker.

Von Franka Welz, ARD-Hauptstadtstudio

Wer es in der Politik zu etwas bringen muss, braucht Ideen und ein gesundes Selbstbewusstsein. Letzteres ist bei Friedrich Merz stark ausgeprägt, das spricht aus jeder Zeile von "Neue Zeit, neue Verantwortung. Demokratie und Soziale Marktwirtschaft im 21. Jahrhundert" - ein Titel wie ein Wahlprogramm.

Das ist kein Programm, das ist kein Manifest, das ist kein Wahlprogramm. Das ist einfach einmal eine Beschreibung der Lage, wie ich sie im Augenblick sehe und eine Folge von Schlussfolgerungen daraus. Es ist ein Beitrag zur Sachdiskussion".
Franka Welz ARD-Hauptstadtstudio

Inhaltlich weiter Bogen

Dieser Beitrag zur Sachdiskussion, den man natürlich sehr wohl als Programm von Merz mit Kanzlerambitionen lesen kann, spannt inhaltlich einen weiten Bogen: die ökologische Erneuerung der sozialen Marktwirtschaft, ein neuer Generationenvertrag in Deutschland, eine gemeinsame Wirtschafts-, Außen- und Sicherheitspolitik auf europäischer Ebene und natürlich auch die Zukunftsperspektiven der CDU, unter anderem mit Blick darauf, wie die Partei künftig mehr Frauen anziehen könnte:

Wir müssen Wege suchen, wie wir die Partei von unten so attraktiv machen, dass wir genügend Frauen auch als Mitglieder gewinnen, die dann später auch Aufgaben in der Partei übernehmen".

Zur Not auch mittels einer Quote, aber die bleibt für Merz weiterhin bestenfalls die zweitbeste Lösung.

Spitzen gegen Thunberg und die Grünen

Der Tonfall des Buches ist weitgehend staatstragend, allerdings blitzt hier und da auch der andere Merz auf, der gelegentlich mit einer scharfen Randbemerkung irritiert oder begeistert - je nach Position seiner Zuhörerinnen und Zuhörer. So schreibt er etwa, die Behauptung der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg, die heute politisch Verantwortlichen hätten ihrer Generation "die Träume und die Kindheit gestohlen", sei ein abwegiger und anmaßender Vorwurf - da fragt man sich schon, ob das wirklich nötig war.

Dann wird es aber auch schon wieder sachlich. Den Klimawandel verhandelt Merz sogleich im Zusammenhang mit Emissionshandel. Klimapolitik dürfe sich nicht nur an den "urbanen Eliten in den Großstädten ausrichten", sondern müsse auch die Lebenswirklichkeit der Menschen in ländlichen Regionen im Blick behalten.

Eine Spitze gegen die Grünen? Ein Hinweis darauf, dass ein möglicher CDU-Chef Merz nicht der Richtige wäre, schwarz-grüne Gedankenspiele voranzutreiben? Merz sieht das naturgemäß anders. "Dann bin ich vielleicht sogar der richtige Mann. Wir müssen dann eben unsere eigenen Positionen klar und deutlich markieren und herausfinden, wo die gemeinsamen Schnittmengen liegen, aber nicht indem wir den Grünen hinterherlaufen."

Kaum ein Wort über den Menschen Merz

Das Buch ist ein einziges "Ja, aber…". Klimapolitik, Einwanderungs- und Asylpolitik, Wirtschaftspolitik - alles schon nicht schlecht, aber es geht auch besser - wie, das weiß am besten vor allem einer: Merz selbst.

Wer hofft, auf den knapp 240 Seiten etwas mehr über den Menschen Friedrich Merz zu erfahren, dürfte enttäuscht werden. Selbst über die Corona-Pandemie spricht er bestenfalls allgemein und abstrakt und mit Blick auf ihre Auswirkungen auf "das Miteinander von Staat und Gesellschaft in allen Ländern der Welt", obwohl er Anfang des Jahres selbst an dem Virus erkrankt ist.

So gesehen, ist das Buch auch eine vertane Chance: Nämlich neben all der geballten Expertise, die Merz seinen Leserinnen und Lesern verkaufen will, auch ein wenig Schwäche zu zeigen und wie er mit persönlichen Krisen umgeht. Denn Politik hat doch auch viel mit Charakter zu tun, und darüber erfährt man herzlich wenig.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 02. November 2020 um 16:10 Uhr.