Olaf Scholz und Annalena Baerbock sitzen auf einer Bühne an einem Tisch. | picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Wahlkreis 61 Kanzlerduell im Speckgürtel

Stand: 11.09.2021 12:59 Uhr

Dieser Wahlkreis hat es in sich: In und um Potsdam treten mit Scholz und Baerbock gleich zwei Kanzleramtsanwärter gegeneinander an. Das Terrain ist nicht einfach - für keinen der beiden.

Von Hanno Christ, rbb

Für Einblicke in seine Gefühlswelt ist Olaf Scholz nicht bekannt. Der SPD-Kanzlerkandidat hat sich im Griff bis zur Unkenntlichkeit. So gesehen ist es bemerkenswert, wenn er genervt mit den Augen rollt. Scholz steht mit locker geknöpftem weißen Hemd auf einem Platz im Potsdamer Stadtteil Am Stern. Hier hat er gleich ein Bürgergespräch nach einer Reihe von Interviews, in denen er auch nach seiner Mitbewerberin in diesem Wahlkreis gefragt wurde.

Es sind Fragen, die Scholz immer und immer wieder bekommt. Etwa wie er auf Annalena Baerbock blicke oder ob er sie sich als Ministerin in seinem Kabinett vorstellen könne. Das entscheide letztlich der Wähler, sagt Scholz. Und sagt wieder gleichzeitig nichts damit. Die Antworten nach dem Augenrollen fallen gewohnt sachlich aus. Scholz lässt sich nicht in die Karten blicken. Außer, dass er sich eine Koalition mit den Grünen gut vorstellen könne. Ja, die Schnittmengen seien groß. Und er sei berührt, dass ihm derzeit so viele Wähler das Amt des Kanzlers zutrauen. Ein schlechtes Wort über seine Konkurrentin? Fehlanzeige.

Duell der Friedfertigen

Als die Grünen noch im Umfrage-Höhenflug waren und beeindruckend geräuschlos ihre Kanzlerkandidatin ins Rennen schickten, deutete sich im Wahlkreis 61 im Speckgürtel der Hauptstadt ein Kampf der Giganten an. Mehrere Monate und einige Umfragen später ist der beschauliche Schloss-Sanssouci-Wahlkreis zum Schauplatz eines freundlichen Duells geschrumpft. Inhaltlich sind Baerbock und Scholz in Triellen und Interviews immer näher zusammengerückt. Schnittmengen in der Sozialpolitik, Dissens in Klimaschutzfragen. Beide machen kein Geheimnis daraus, dass sie per Du sind und betonen immer wieder das Verbindende und weniger das Trennende.

Im RTL-Triell sprach Scholz sogar von einem fast freundschaftlichen Umgang der beiden. Die Tonalität der beiden wirkt, als habe man sich schon bei einer abendlichen Kneipenrunde im Holländerviertel zu gemeinsamer Sache verabredet. Die Union gehörte nun mal in die Opposition, frotzelte Scholz unlängst bei einer Podiumsdiskussion mit Baerbock. Er fände es gut, wenn die SPD und Grüne eine Regierung bilden würden.

Räumliche Nähe

Schon die räumliche Nähe der Kandidatinnen ist groß. Mit dem Fahrrad bräuchte Scholz gerade mal zehn Minuten bis zu Baerbock. Die gebürtige Niedersächsin lebt mit ihrer Familie seit Jahren in Potsdam, war Landesvorsitzende der Brandenburger Grünen. Der Ex-Hamburger Scholz wohnt erst seit wenigen Jahren hier, nachdem er einen politischen Anker in der Brandenburger SPD ausgeworfen hat, spricht aber von sich bereits als Brandenburger.

Seine Frau Britta Ernst ist hier Bildungsministerin. Baerbocks Kinder gehen in Potsdam zur Schule, die ehemalige Landesvorsitzende der Brandenburger Grünen ist im Wahlkreis gut vernetzt. Fraglich aber, ob sich ihr Lokalkolorit hier auszahlt. Mit Rückenwind aus dem Bund sehen Wahlanalysten den einstigen Hamburger Scholz derzeit vorne. Allerdings ist der Wahlkreis in der Vergangenheit immer für eine Überraschung gut gewesen ist. Und auch ihre Konkurrentinnen wie die CDU-Frau Saskia Ludwig oder die ehemalige FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg haben gezeigt, dass sie hier Wähler für sich gewinnen können. 

Mitglieder der Partei verdecken vor der Enthüllung das Großflächenplakat mit der Aufschrift "Unser Land kann viel, wenn man es lässt", das Teil der Grünen-Kampagne "Bereit, weil Ihr es seid." | dpa

Plakate für die Kandidatin: Annalena Baerbock tritt im Wahlkreis 61 Potsdam - Potsdam-Mittelmark II - Teltow-Fläming II als Direktkandidatin unter anderem gegen den SPD-Kanzlerkandidaten Scholz an. Bild: dpa

Wahlkreis der Möglichkeiten

Wahlen waren hier oft ein Kopf-an-Kopf-Rennen: Bei der Bundestagswahl 2013 gewann die CDU-Kandidatin Katherina Reiche knapp. Bei der vergangenen Bundestagswahl wiederum eine SPD-Frau, knapp gefolgt von einer CDU-Konkurrentin. Baerbock, die hier schon einmal antrat, bekam zuletzt sogar weniger Erststimmen als der Kandidat der AfD.

Bei der Landtagswahl 2019 sorgte dann eine junge Grünenpolitikerin für eine kleine Sensation, in dem sie das Direktmandat hier holte - das erste Mal überhaupt, dass eine Grünenpolitikerin in Brandenburg einen Wahlkreis direkt holen konnte.

Für Baerbock wäre es also nahezu eine doppelt schmerzhafte Niederlage, wenn sie hier verlöre, in einem Wahlkreis, der den Grünen mittlerweile in vielem entgegenkommt. Allerdings ist der Bundestagswahlkreis größer als der Landtagswahlkreis und umfasst auch Städte wie Ludwigsfelde im Osten, traditionell eine Arbeiterstadt. Hier dürfte die SPD wieder bessere Chancen haben.  

Kanzlerkandidat Olaf Scholz (SPD) beantwortet bei einer Wahlkampfveranstaltung der SPD auf dem Johannes-Kepler-Platz in Potsdam die Fragen der Bürger.  | dpa

Kanzlerkandidat Scholz bei einer Wahlkampfveranstaltung in Potsdam: Kein schlechtes Wort über die Mitbewerberin Baerbock. Bild: dpa

Kampf um den direkten Einzug

Beide - Scholz und Baerbock - sind auf Platz eins der Landesliste. Ihr Einzug in den Bundestag ist damit mehr als wahrscheinlich. Trotz dieser komfortablen Ausgangssituation sind beide - schon aus symbolischen Gründen - gewillt, das Direktmandat zu holen. Den Wahlkreis direkt zu gewinnen und den Konkurrenten zu distanzieren sehen beide als Ansporn und Auszeichnung. Baerbock hat ein temporäres Bürgerbüro in der Potsdamer Innenstadt gemietet. Eine Wand darin ist mit einem riesigen Porträtfoto tapeziert. Scholz dagegen hat sein Büro gleich in der Brandenburger SPD-Geschäftsstelle und setzt mehr auf Ortstermine als auf Laufkundschaft.

Trotz des enorm hohen Termindrucks und vieler Touren durch Deutschland sind Scholz und Baerbock auffällig oft im Wahlkreis unterwegs - auch in Gegenden, in denen es weh tun könnte. Scholz versucht durch Erfahrung und ruhige Sachlichkeit zu punkten, mit Stärken, die etwa seiner Konkurrentin von den Grünen weniger zugeschrieben werden.

Überschaubare Anzahl

Als er etwa das Bürgergespräch im Stadtteil Am Stern sucht, kommen an einem Sonntagmittag etwa 100 Bürger zusammen. Das Interesse hält sich in Grenzen, fast alle Fenster der Hochhäuser um den Veranstaltungsort bleiben geschlossen. Dass hier ein potenzieller Kanzler kommt, interessiert eine überschaubare Anzahl von Menschen. Viele, die nun zuhören, sind aus einem Milieu, das die SPD mit ihrer Sozialpolitik einst vergrätzte. Das aber scheint heute kein Thema mehr. Die Bürger sorgen sich um die Belastungen durch die Energiewende, zu hohe Steuern und um die Rechte von Behinderten.

Scholz antwortet sachlich wie ein Buchhalter. Er kennt sich aus, aber nach einer halben Stunde beginnt es thematisch zu stauben. Fraglich ist, ob noch alle folgen können, aber sie tun es offenbar. Am Ende werden einige davon sprechen, dass ihnen die höfliche Art von Scholz gefallen habe und dass sie ihm das Kanzleramt am ehesten zutrauen.

Baerbocks Befreiung

Baerbock hingegen wirkt bei Auftritten wie bei einer Town-Hall-Debatte Ende August auf dem Potsdamer Bassinplatz befreit und bereit, stärker in den Angriffsmodus umzuschalten. Gegen die SPD und gegen die Union sowieso. Sie wirbt für eine andere Schulpolitik, für eine gerechtere Vermögensverteilung und für einen schnelleren Ausstieg aus der Braunkohle. Neue Fehltritte wie zu Beginn der Kampagne haben die Grünen vermeiden können.

In Umfragen haben sich die Grünen-Werte auf einem Niveau eingependelt, auf dem die Partei schon einmal war, vielleicht auf einem Niveau, auf dem sie sich wohler fühlt. Es wirkt zuweilen, als sei eine Last abgefallen, doch mal die Kanzlerin stellen zu können. Es gibt da schließlich einen in Potsdam, der den Job auch machen will. Und der wohnt ja nur zehn Fahrradminuten entfernt.

Über dieses Thema berichtete ARD-Mittagsmagazin am 17. Mai 2021 um 13:00 Uhr.