Wahlplakate in Frankfurt am Main | dpa

Laschet, Scholz und Baerbock Finale mit Fern-Triell

Stand: 22.09.2021 13:34 Uhr

Kandidat und Kanzlerin in Stralsund, Scholz in Soltau und auch Baerbock wirbt auf den Marktplätzen der Republik: Wenige Tage vor der Bundestagswahl sind die Parteien im Schlussspurt. Drei Beobachtungen.

Kandidat und Kanzlerin: Armin Laschet und Angela Merkel wahlkämpfen in Stralsund. | REUTERS

Kandidat und Kanzlerin: Armin Laschet und Angela Merkel wahlkämpfen in Stralsund. Bild: REUTERS

Der Kandidat und die Kanzlerin

Von Vera Wolfskämpf, ARD-Hauptstadtstudio

Es regnet in Strömen. Dabei hätte diesem eher schwierigen Wahlkampf von Armin Laschet etwas Sonnenschein gut getan. Einige hundert Menschen sind dennoch auf den Marktplatz in Stralsund gekommen, um den Unions-Kanzlerkandidaten zu erleben - und vor allem Angela Merkel. Die amtierende Kanzlerin war angesichts der schlechten Umfragen genötigt, doch noch in den Wahlkampf einzugreifen. Eigentlich wollte sie sich heraushalten, doch das fiel zunehmend schwer, seit die Union in den Umfragen hinter die SPD zurückgefallen ist.

Dabei lagen CDU und CSU noch Anfang des Jahres unangefochten vorn, bei mehr als 30 Prozent. Doch dann kamen das interne Machtgerangel um den Kanzlerkandidaten und das oft ungeschickte Auftreten Laschets. Er solle lieber Büttenreden halten, sagt ein Schaulustiger auf dem Marktplatz in Stralsund. Ein anderer lobt Laschet als Teamplayer. Auch Merkel lobt: Laschet könne das, sich für Arbeitsplätze einsetzen, ein Modernisierungsjahrzehnt für die Wirtschaft einleiten und Maß und Mitte walten lassen.

Doch so richtig mag kein Funke überspringen. Merkel wirkt routiniert, auch Laschet spult anschließend die schon so oft in diesem Wahlkampf gehörten Schlagworte ab: klimaneutrales Industrieland, keine Steuererhöhungen, Sicherheit, Sorge vor rot-grün-rot. Er sieht etwas bedröppelt aus, was aber auch vom Regen kommen kann, der inzwischen in typisch norddeutsches Nieseln übergegangen ist. Zudem ist Laschets Stimme nach den vielen Wahlkampfreden angeschlagen.

Es gibt verhaltenen Beifall, aber gut zu hören sind auch die Pfiffe und wütenden Zwischenrufe. Sie kommen von Merkel-Kritikern, von Impfgegnern und der "Querdenken"-Bewegung. Hier wird Laschet das einzige Mal in seiner Rede leidenschaftlich: "Es geht nur, wenn wir einander zuhören, einander nicht niederbrüllen, und wenn wir bei ganz vielen Themen die Aggression auch im Netz einstellen."

Nach einer knappen Stunde ist alles vorbei. Auch der Regen.

SPD-Kanzlerkandidat bei einem Wahlkampfauftritt in Soltau. | dpa

SPD-Kanzlerkandidat bei einem Wahlkampfauftritt in Soltau. Bild: dpa

Scholz-Show in Soltau

Von Barbara Kostolnik, ARD-Hauptstadtstudio

Im niedersächschen Soltau regnet es noch nicht, als Olaf Scholz in seiner schweren schwarzen Limousine vorfährt. Verhalten hängen graue Wolken über dem Heidekreis, und so ist auch die Stimmung beim Direktkandidaten, SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil. Nichts ist entschieden, sagt er nachdenklich, das Rennen zwischen Scholz und Laschet sei eng. Jetzt zähle jede Stimme. Der Wahlkampf läuft gut, wenn man den Worten des obersten SPD-Wahlkämpfers glauben mag: In Soltau musste man sogar einen größeren Platz buchen, es hätte so viele Anmeldungen gegeben. Scholz-Hype in Soltau: Das hätten sie bei der SPD vor einigen Monaten noch nicht zu Träumen gewagt.

Der Vizekanzler und SPD-Kanzlerkandidat nimmt den Hintereingang auf die Bühne, vor der sich etwa 700 Menschen erwartungsvoll hinter dem Absperrgitter auf dem Platz versammelt haben. Scholz beginnt seine Rede verhalten, es geht um Corona und wie schön es ist, dass man sich wieder auf einem Marktplatz versammeln kann. Weit aber kommt er nicht: Eine Frau schiebt sich laut schreiend an das Absperrgitter. Sie fordert Scholz auf, mehr gegen den Klimawandel zu tun. Wenig später tritt eine weitere Aktivistin oben ohne in Aktion, Scholz reagiert immer noch nicht. Erst als ein Mann versucht, mit einer Banderole die Bühne zu stürmen, schreitet der Sicherheitsdienst ein. Und Scholz verspricht, mit den hungerstreikenden Klima-Aktivisten vor dem Kanzleramt zu sprechen.

Der Rest des Abends ist Heimspiel für den Kandidaten, er zieht seinen Bogen von Kindergrundsicherung, Mindestlohn, stabilen Renten und Respekt. Nur kurz streift er seinen Konkurrenten von der Union, ohne dessen Namen zu nennen. Man dürfe Leuten wie CDU und CSU nicht einfach die Führung des Landes weiter anvertrauen. Mehr Beschäftigung mit dem politischen Gegner gibt es nicht.

SPD-Anhänger sind hier in Soltau auf dem Georges-Lemoine-Platz sowieso in der Mehrheit, fast alle finden den Auftritt des Kandidaten gelungen. Guter Mann, heißt es von vielen Seiten über Scholz. Der beantworte nach seiner Rede erstmal Bürgerfragen, schließlich heißt die Veranstaltung "Zukunftsgespräch".

Anschließend ist Erstaunliches zu beobachten: Menschen drängeln sich nach vorne, stehen Schlange für ein Foto mit "Olaf". Eine Frau fällt ihm um den Hals. Scholz' Mimik schwankt zwischen Amusement und entspannter Resignation. Ein wenig wirkt es allerdings schon, als sei ihm diese plötzliche Zuneigung der Menschen suspekt. Ein nahbarer Wahlkämpfer wie Martin Schulz oder Gerhard Schröder wird er wohl nie werden. Es fängt an, zu nieseln.

Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock in Mainz. | AP

Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock in Mainz. Bild: AP

Baerbocks neue Lockerheit

Von Sabine Henkel, ARD-Hauptstadtstudio

Für Annalena Baerbock ist die Chance aufs Kanzleramt mittlerweile erheblich gesunken. Dennoch wirkt die erste grüne Kanzlerkandidatin gelöst. Geradezu entspannt greift sie ihre politischen Gegner an, etwa im dritten TV-Triell: "Ich frage mich, was mit Ihnen eigentlich los ist, Herr Laschet?"

Dabei haben sich viele wochenlang gefragt, was eigentlich mit Baerbock los ist. Als Newcomerin eindrucksvoll gestartet, um dann rasant abzustürzen. Mittlerweile ist Baerbock mit ihrer Partei in den Umfragen auf 15 bis 17 Prozent geschrumpft. Aber Baerbock kämpft - in Fernsehshows, in Radiosendungen, auf Marktplätzen. "Wollen wir weiter eine Stillstand-GroKo haben?", fragt sie in Hamburg. "Oder haben wir den Mut 2022 zum Jahr des Klimaschutzes zu machen?" Darum gehe es am 26. September.

An diesem Wahlsonntag geht es für Baerbock aber wohl nur noch um Platz, nicht mehr um Sieg. Das Kanzleramt? Scheint unerreichbar. Wie konnte es dazu kommen? Im Mai erlebten die Grünen einen Umfrage-Höhenflug, Baerbock warb für einen neuen Politikstil. 

Baerbock machte sich angreifbar. Sie meldete Nebeneinkünfte zu spät, hübschte ihren Lebenslauf auf, übernahm fremde Textpassagen für ihr Buch. Die Bundesgeschäftsstelle der Grünen wirkte überfordert und konnte die Kanzlerkandidatin nicht ausreichend unterstützen. Die Folge: Einbruch in den Umfragen statt Aufbruch in eine neue Politik.

Zu Beginn der heißen Wahlkampfphase ist die grüne Euphorie denn auch abgekühlt. Aber Baerbock wirkt gelöst wie selten. Sie erklärt, die Union in die Opposition schicken zu wollen, regieren möchte sie am liebsten mit Scholz und der SPD. Doch ob es wirklich reicht für Rot-Grün ist unsicher. Ein Bündnis mit SPD und FDP wäre auch möglich. Oder doch mit der Union und der FDP? Am Ende wird es wohl darum gehen, wer mehr bieten kann. Vizekanzlerin, Außenministerin - das kann Baerbock sich wohl vorstellen. Und für ihre Partei ein Klima-Ministerium mit möglichst viel Entscheidungsbefugnis. Sicher ist nur: Die Grünen werden sich teuer verkaufen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. September 2021 um 23:25 Uhr.