Olaf Scholz in der ARD-Wahlarena | dpa
Analyse

Scholz in Wahlarena Mal neblig, mal merkelnd

Stand: 07.09.2021 23:59 Uhr

Vizekanzler und zugleich Zukunftshoffnung? Ein Spagat für Kanzlerkandidat Scholz. In der ARD-Wahlarena versuchte er gar nicht erst, sich von Kanzlerin Merkel abzusetzen, sondern gab sich vor allem staatsmännisch.

Eine Analyse von Corinna Emundts, tagesschau.de

Den wohl kniffligsten Moment in dieser Wahlarena mit dem amtierenden Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz löst ausgerechnet ein Finanzbeamter aus. Bei der Frage, die zunächst eher eine Vorhaltung war, setzte Scholz sein Pokerface auf: Freundlich, wenig Mimik, gleichsam ungerührt hört er sich den Fragenden an. Er profitiere von den Fehlern der Konkurrenz, befindet der 58-jährige Lübecker: "Sie haben den Vorteil, Herr Scholz, dass Ihre Fehler in der Öffentlichkeit kaum kommuniziert werden und dass man die auch kaum versteht, weil es um schwierige wirtschaftliche Verhältnisse geht in so komplizierten Sachverhalten, dass sie kaum einer versteht" - und zählt auf: der CumEx-Skandal, der Wirecard-Skandal und die G20-Gipfel-Ausschreitungen, die in seiner Zeit als Hamburger Bürgermeister passierten. Der Beamte fragt Scholz, ob man ihm als Politiker denn vertrauen könne, das solche Fehler in Zukunft nicht mehr passierten?

Corinna Emundts tagesschau.de

Es ist bereits Halbzeit der Wahlarena - und im Publikum warten noch viele Fragen mittels erhobener Hände. Scholz ahnt vermutlich, dass die Zeit nicht reichen wird, alle drei Themenkomplexe durchzukonjugieren. Und antwortet wie meist, wenn er auf diese Themen angesprochen wird: Er geht einfach nur kurz auf den Wirecard-Skandal ein, "ein großer Betrug, bei dem die Unternehmensleitung Milliardenumsätze erfindet" - und zählt im Plural "Wir" auf, wie schnell alle diesbezüglichen Gesetze und Vollmachten für die staatliche Finanzaufsicht anschließend geändert wurden. Doch da war noch die Vertrauensfrage, hakt Moderator Andreas Cichowicz nach. Scholz sagt, deswegen wolle er ja die Fakten liefern - das sei doch besser als einfach nett zu sagen: “Gucke mir in die Augen." Klippe umschifft, irgendwie, nächstes Thema.

Für Scholz geht es um viel

In der Wahlarena bestimmt das Publikum die Themen und Fragen, das Moderatorenteam begleitet nur - anders als beim Triell. Für Scholz geht es um viel: Fährt er bei dieser Bundestagswahl kein gutes Ergebnis für die SPD ein, sehen viele die einstige und älteste Volkspartei des Landes in einer deftigen Existenzkrise. Momentan ist zwar die Umfragesituation komfortabel für ihn und die Partei, doch Scholz weiß, wie schnell auch wieder eine Umfrageflaute einsetzen kann.

Anders als seine grüne Herausforderin Annalena Baerbock in der Vorgänger-Wahlarena am Montagabend musste er eigentlich eine schwierige Wandlung meistern: Der Vertreter der bisherigen Regierung und Merkels Vizekanzler musste sich als neue Zukunftshoffnung präsentieren - als einer, der alles anders und besser macht. Keine leichte Aufgabe, sich aus diesem schweren Mantel zu schälen.

Scholz löst das für sich so, es gar nicht erst zu versuchen. Den Politologen Thorsten Faas erinnert Scholz‘ Reaktionsmuster in der Wahlarena gerade an Merkels bisherige Wahlarena-Auftritte: Erst gut zuhören und Verständnis für das geäußerte Problem zeigen, dann betonen, was politisch schon erreicht ist - und schließlich signalisieren, welche politischen Aufgaben noch zu lösen sind.

Auffallend konkret und ehrlich wird Scholz bei einer Bildungsfrage eines Schülers: "Die Wahrheit ist, dass wir diesen Digitalpakt sehr viel früher gebraucht hätten". Es sind wenige Momente, in denen er so konkret und selbstkritisch wird, ansonsten bleibt er gern etwas nebelig. Als es um die Pflegereform geht, erwähnt er etwa mit keinem Wort, dass die SPD laut Wahlprogramm die private Kranken- und Pflegeversicherung abschaffen und in eine allgemeine Bürgerversicherung transformieren will. Sein Motto: Bloß keine Merkel-Anhänger vergraulen.

Interessant vor allem, was er alles nicht erwähnt

Interessant an Scholz‘ Auftritt ist vor allem auch, was er nicht sagt. Nicht einmal nimmt er die Parteinamen möglicher Wunschkoalitionspartner  - die Grünen oder die FDP - in den Mund, nicht einmal den Namen der amtierenden Kanzlerin. Überhaupt will er sich nachdrücklich nicht zu Koalitionen äußern, weder eine Koalition mit der Linkspartei, noch eine weitere Große Koalition völlig ausschließen. Das hat taktische Gründe, aber im Falle der Linkspartei bindet ihn auch ein Parteitagsbeschluss.

Der 63-jährige, der sich in einer ARD-Doku kürzlich selbst als "Typ sachlicher Politiker" bezeichnete, kann hier Bürgernähe zeigen, vielleicht sogar Empathie. An manchen Stellen gelingt ihm das, auch wenn er sichtlich Mühe hat, nach einer Frage sofort in Blickkontakt zu kommen - er schaut oft erstmal nach unten, bevor er den Blick hebt.

Eine Mutter fragt, wie er Bildungsverluste aus der Pandemie aufholen will und gleichzeitig den Schülerinnen Schülern Druck und Angst nehmen. "Ich glaube, Sie beschreiben da ein ganz ernsthaftes Thema - das hat mich sehr geschmerzt, dass die jungen Leute wegen der Corona-Vorsichtsmaßnahmen nicht zur Schule gehen konnten". Oder als er einem recht verzweifelten Mitarbeiter einer privat organisierten Hilfsinitiative aus dem Ahrtal verspricht, er möge sich bei ihm melden, "wenn Sie das Gefühl haben, dass es nicht läuft."

Nach Annalena Baerbock und Olaf Scholz tritt Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet am Mittwoch, den 15. September in die Wahlarena, ebenfalls um 20.15 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 07. September 2021 um 21:30 Uhr.

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