Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet während des TV-Triells. | AFP
Analyse

Triell der Kanzlerkandidaten Laschet sucht Streit

Stand: 13.09.2021 07:07 Uhr

Laschet gegen Scholz - und immer mal wieder ein Baerbock-Moment: Beim TV-Triell werden inhaltliche Differenzen der Kanzlerkandidaten deutlich. Für eine Trendwende bei der Union dürfte es aber kaum reichen.

Eine Analyse von Wenke Börnsen, tagesschau.de

Anders als ihre beiden Kontrahenten kann Annalena Baerbock weitgehend unbeschwert in das Triell gehen. Und das tut die grüne Kanzlerkandidatin auch. Zwei Wochen vor der Wahl ist dieser Wahlkampf endlich bei Inhalten angekommen, ihre Fehler, Patzer, Ungenauigkeiten in eigener Sache sind kaum noch ein Thema - das Kanzleramt für die Grünen aber auch nicht. Mitregieren ist nun das Ziel und sich als Kraft für Aufbruch und gegen ein "Weiter so" präsentieren.

Wenke Börnsen

Das wird vor allem immer dann deutlich, wenn sich ihre beiden Mit-Kontrahenten wieder verbissen haben. Und das kommt an diesem Abend öfter vor, was vor allem an der Angriffslust von Armin Laschet liegt. Etwa gleich zu Beginn. "Herr Laschet, Sie haben hier absichtlich eine falschen Eindruck erweckt", wirft SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz dem Unions-Bewerber mit Blick auf die jüngsten Durchsuchungen im Finanzministerium vor. Laschet hatte ihm da gerade Fehler bei der Aufklärung von Geldwäsche vorgeworfen, auch die Skandale um Cum-Ex und Wirecard sind schnell Thema.

Für Scholz sind diese Vorwürfe durchaus gefährlich, entsprechend energisch kontert der SPD-Politiker die Angriffe. Spätestens jetzt wird klar, dass er nicht merkelnd durch den Abend kommt. "Unwahrheiten" wirft er Laschet vor. "Schönrednerei" kommt von Laschet Richtung Scholz. Baerbock mag sich den Vorwürfen Laschets zwar nicht direkt anschließen, springt Scholz aber auch nicht zur Seite. Sie fordert einen entschiedeneren Kampf gegen Geldwäsche.

Auch im weiteren Verlauf der Debatte verläuft die zentrale Auseinandersetzung zwischen Laschet und Scholz. Anders als beim ersten Triell arbeitet sich der Unions-Kandidat nicht an Baerbock, sondern vor allem an Scholz ab. Laschet steht unter Druck, er muss punkten, wenn er sich und der Union die Chance aufs Kanzleramt erhalten will. Nicht weniger als eine Trendwende erwartet seine Union von ihm. Und das hat er sich ganz offensichtlich für den Abend vorgenommen. Laschet wirkt dabei nicht aggressiv, aber durchaus bissig.

Inhaltliche Differenzen beim Klimaschutz

Auch die Nachfragen der Moderatoren sorgen dafür, dass der Streitpegel hoch bleibt und inhaltliche Differenzen deutlich werden. Etwa beim Klimaschutz. Die Debatte läuft da bereits 45 Minuten, die Lehren aus der Corona-Pandemie sind bereits abgehandelt, auch zu einer Impfpflicht sollen sich die drei positionieren (Laschet und Scholz dagegen, Baerbock bei bestimmten Berufsgruppen dafür), auch Digitalisierung ist kurz ein Thema.

Baerbock spult das Klima-Programm der Grünen herunter, ein 50-Milliarden-Investitionsprogramm für die Infrastruktur, unter anderem für Stromnetze, den Ausbau der Bahn und der Windkraft. Der Kohleaussstieg müsse vorgezogen werden auf 2030, denn "wir können nicht 17 Jahre weiter so machen".

Mehr Tempo fordert auch Laschet, allerdings nicht beim Kohleausstieg. Sondern bei Planung und Genehmigung von Stromnetzen. Und außerdem solle man die Unternehmen aber "auch einmal machen lassen", wendet sich der CDU-Chef gegen neue Regeln und Vorschriften. Es müsse vielmehr "eine Dynamik entstehen, dass jeder Lust hat, dass da etwas Neues entsteht". Scholz wiederum spricht vom "großen industriellen Umbau", der nun nötig sei und wiederholt seinen Plan zum schnelleren Ausbau Erneuerbarer Energien.

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Als er sich mit Laschet in die Haare kommt, wer denn nun wann was blockiert habe in der Großen Koalition ist wieder so ein Baerbock-Moment. Die beiden mögen doch bitte ihre Vergangenheitsbewältigung und Schuldzuweisungen lassen. Hier gehe es schließlich um die Zukunft. Wie teuer der Klimaschutz für die Bürgerinnen und Bürger wird - Stichwort: Benzin- und Strompreis - wird übrigens nicht geklärt, trotz mehrmaliger Nachfragen der Moderatoren.

"Was war noch mal die Frage?"

Manchmal geht es aber auch sehr schnell im Ritt durch die Themen: "Was war nochmal die Frage?", fragt Laschet - da geht es gerade um das Thema Mieten und bezahlbarer Wohnraum. Er wendet sich gegen einen Mietendeckel, das Thema Wohnen müsse "ganzheitlich" gedacht werden. Scholz will mehr Wohnungen bauen, 100.000 pro Jahr steht im SPD-Wahlprogramm. In "meinem" Wahlprogramm, wie er wenig später betont, da geht es gerade um die Bürgerversicherung. Auf Nachfrage bezeichnet Scholz die Bürgerversicherung als "Herzenangelegenheit". Ob sie eine Bedingung ist für die nächste Koalition? Antwort: "Alles, was in meinem Wahlprogramm steht, ist eine Bedingung."

Mit den Grünen dürfte er in Sachen Bürgerversicherung kaum Zwist bekommen. Laschet hingegen macht deutlich: "Da unterschieden wir uns fundamental." Das deutsche Gesundheitssystem sei "gut", er spricht sich klar gegen eine Einheitsversicherung aus.

Rot-grüner Schulterschluss

Auch bei den Themen Rente und Steuern formiert sich im Triell ein rot-grüner Schulterschluss. Und so bleibt Laschet nur, auf den "fundamentalen Unterschied von mir zu den beiden Mitbewerbern" hinzuweisen, als es um die Frage nach Steuererhöhungen geht. Diese seien der falsche Weg. Scholz nennt Vorschläge der Union zu Steuersenkungen für Menschen, die sehr gut verdienen, angesichts von Milliarden-Ausgaben in der Corona-Krise "unfinanzierbar". Baerbock will Menschen mit geringem Einkommen entlasten und eine Vermögensteuer prüfen. Die SPD fordert die Vermögensteuer, die Union lehnt sie ab.

Und auch wenn bei Scholz und Baerbock häufig inhaltliche Schnittmengen deutlich werden, bei den Koalitionsaussagen nach der Wahl ergibt das Triell nichts Neues. Weder schließt Laschet die Juniorrolle in einer Scholz-Regierung aus, noch legt sich Scholz eindeutig fest, ob er eine Koalition zusammen mit der Linken ausschließt. "Unredlich" findet das Laschet. Alle demokratischen Parteien müssten miteinander reden, sagt Baerbock. Dabei schloss sie die Linke mit ein.

Fazit: Mehr Duell als Triell

Fazit: In den 95 Minuten werden die inhaltlichen Differenzen von Scholz, Laschet und Baerbock deutlich. Die Auseinandersetzung ist teilweise bissig, vor allem Laschet bemüht sich um Schärfe. Scholz gerät nur anfangs kurz in die Defensive. Baerbock punktet mit klaren programmatischen Inhalten, etwa beim Klimaschutz. Fairness-Punkte bekommt sie für ihren Hinweis, dass die Redezeit-Uhr von Scholz weiterläuft, ohne dass er redet.

Sollten die Schlussworte der drei aber als dramaturgische Höhepunkte des Triells geplant gewesen sein, erfüllen sie die Erwartungen nicht. Laschet wirbt für sich als "Bundeskanzler des Vertrauens" und Scholz möchte "als Bundeskanzler dienen". Baerbock kommt als Einzige ohne das Wort "Bundeskanzlerin" aus: Sie wirbt für einen "echten Aufbruch".

Um dieses Thema ging es bei der Sendung "Bundestagswahlkampf 2021: Das Triell" im Ersten am 12. September 2021 um 20:15 Uhr.

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Moderation 13.09.2021 • 12:18 Uhr

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