Anhänger der SPD reagieren vor dem Willy-Brandt-Haus auf die ersten Ergebnisse der Bundestagswahl. | dpa
Analyse

SPD nach der Bundestagswahl Auferstanden aus Ruinen

Stand: 26.09.2021 22:56 Uhr

Noch im Frühjahr hätten die Sozialdemokraten sich nicht träumen lassen, am Wahlabend knapp vor der Union zu liegen. Nun ist die SPD vorerst stärkste Kraft. Aber es herrscht die Sorge, ob es für eine Regierung reichen kann.

Von Nicole Kohnert und Ulrich Meerkamm, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist brechend voll im und vor dem Willy-Brandt-Haus. Manche Sozialdemokraten liegen sich in den Armen, feiern und sind sich einig: Die SPD ist wieder da! Man habe quasi die Wahl gewonnen, die Zahlen sprächen für sich. Man erinnert sich hier nur ungern an die letzten Bundestagswahl-Feiern zurück: Damals, 2017 herrschte Kater-Stimmung bei einem Ergebnis von 20,5 Prozent. Man klatschte trotzdem im Willy-Brandt-Haus, wissend, der damalige Kanzlerkandidat Martin Schulz hat einfach nicht funktioniert.

Doch dieses Mal ist der Plan aufgegangen: Die SPD hat sich früh auf einen Kandidaten und ein Wahlprogramm geeinigt. Man habe Geschlossenheit gezeigt, den Wandel und Aufbruch in Deutschland betont. Allerdings, und das ist auch ein Teil der Wahrheit, haben die Fehler der anderen Parteien der SPD in die Karten gespielt: Streit über den richtigen Kanzlerkandidaten in der Union, ein unpassendes Lachen im Flutgebiet und Fehler in Lebensläufen bei den Grünen. Sie mussten nicht viel tun.

Der Gegner wurde im Wahlkampf auch immer klar benannt: Die Union, mit der die SPD zähneknirschend in der Großen Koalition zusammen regiert hat. Manche Sozialdemokraten sind immer noch davon traumatisiert, erzählen sie, wie schwer es war, sich auf gemeinsame Gesetze mit der Union zu einigen. Darum wirkt dieser Abend im Willy-Brandt-Haus wie ein Befreiungsschlag der SPD. Aber es wird auch mit angezogener Handbremse gefeiert, denn die SPD weiß nicht, wohin die Reise gehen kann.

FDP und Grüne als "Kanzlermacher"

Zwar wirkt der mantramäßige Satz von Olaf Scholz "Ich will Kanzler werden" an diesem Abend realistisch. Ob er nun wirklich Kanzler werden kann, hängt aber an vielen anderen: An den Grünen und den Liberalen.

Doch die Liberalen haben ihre eigene Agenda. Nicht nur, dass der Parteivorsitzende in der Berliner Runde immer wieder auf die programmatischen Gemeinsamkeiten mit der Union verweist. Er macht auch den überraschenden Vorschlag, dass zunächst FDP und Grüne reden, bevor Gespräche mit den beiden größeren Parteien aufgenommen werden.

Annalena Baerbock zeigt sich nicht grundsätzlich abgeneigt. Olaf Scholz kann dies nicht gefallen. Zumal er mit Sätzen wie "Unsere grünen Freunde" und "Am liebsten mit den Grünen" auf den letzten Metern des Wahlkampfs immer wieder die Grünen umworben hat. Auch in seiner Partei waren die Grünen als Koalitionspartner gesetzt. Das neue Selbstbewusstsein der beiden "Kleinen" passt da nicht ins Konzept. Schließlich sei man zusammen stärker als der zur Auswahl stehende Koalitionspartner. Auch da sind sich FDP und Grüne am Wahlabend einig: "Liebesheiraten" werde es nicht geben. Allein die Verwirklichung der eigenen politischen Ziele entscheide über den Koalitionspartner.

Union signalisiert Zugeständnisse an die Grünen

Hinzu kommt, dass die Union an diesem Abend nicht den Eindruck macht, mit Zugeständnissen an einen möglichen grünen Partner geizen zu wollen. Er, Christian Lindner und Annalena Baerbock seien ja sozusagen auch eine, die junge, Generation, meint Markus Söder noch anfügen zu müssen. Die Jungen gegen die "alte Tante SPD". Klar wird, ein Selbstläufer werden die Sondierungsgespräche für den vermeintlichen Wahlsieger Olaf Scholz nicht.

Im Laufe des Abends verfestigen sich die Zahlen: Die SPD scheint einen knappen Vorsprung vor der Union ins Ziel zu retten. Aber der klare Vorsprung, der gewissermaßen einen "moralischen Anspruch" auf das Kanzleramt bedeutet hätte, wird es nicht mehr werden.

Und so feiert man im Willy-Brandt-Haus weiter mit angezogener Handbremse - und fürchtet etwas, wie das Erwachen und die Zahlen am Morgen werden. Am Ende könnte zwar die Wahl gewonnen, aber die Kanzlerschaft verloren sein.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen Extra am 26. September 2021 um 23:40 Uhr.