Wahlkämpfer Scholz in Bielefeld. | dpa
Analyse

Scholz und die SPD Der stille Aufstieg

Stand: 24.08.2021 15:42 Uhr

Und sie bewegt sich doch: Gut vier Wochen vor der Bundestagswahl krabbelt die SPD aus dem Umfragekeller - und über einen Kanzlerkandidaten Scholz spottet auch schon lange keiner mehr. Ein Wunder? Keineswegs.

Von Georg Schwarte, ARD-Hauptstadtstudio

"Ich will dringend ins Kanzleramt, und zwar als Kanzler." Was haben alle gelacht über Olaf Scholz und seine SPD. Damals vor rund einem Jahr. Über den "14 Prozent-Olaf". Den "König ohne Land". Als erste Partei hatte die SPD im August 2020 mit Olaf Scholz einen Kanzlerkandidaten aufgestellt, wenig später gab es auch schon ein Programm. Die 14 bis 15 Prozentpunkte aber schienen Umfragegesetz zu sein.

Georg Schwarte ARD-Hauptstadtstudio

Nur Scholz lächelte still und schien zu wissen, was keiner damals glaubte: "Es gibt Mehrheiten diesseits der Union. Diese Botschaft, die sitzt jetzt fest. Jeder hat das genau verstanden." Er als Erster. Damals segelte die Union souverän über der 30-Prozentmarke. Die Grünen bald zweitstärkste, zeitweise stärkste Kraft. Nur Scholz und seine Sozialdemokraten konnten machen, was sie wollten: das Umfragetief blieb.

Scholz ist das Modell "seriöse Langeweile"

Scholz aber schien unbeirrt bis zur Halsstarrigkeit an sich und seine SPD zu glauben: "Nur wer selber mutig ist, kann andere von sich überzeugen. Davon bin ich fest überzeugt. Und wir brauchen eine mutige SPD."

Mutig, programmatisch sattelfest und geschlossen - das offenbar war das Langfristrezept, auf das nicht nur Scholz setzte, auch der stellvertretende Bundesvorsitzende Kevin Kühnert, der seine Partei als Jusochef so oft quälte und doch aus früheren Fehlern lernte: "Bei Martin Schulz sind wir ja mit überschwappender Euphorie, aber ohne programmatische Einigung gestartet. Und haben gesehen: Da geht einem der Treibstoff auf halber Stecke aus."

Jetzt haben sie mit Scholz ein Modell "seriöse Langeweile" aber als Treibstoff immerhin ein sehr progressives Programm. Womöglich ist das ein Grund, warum jetzt funktioniert, was lange brauchte, meint Kühnert: "Vielleicht ist es anders herum sinnvoller: Erst die inhaltliche Klärung zu haben, mit ein bisschen weniger Euphorie in den Wahlkampf reinzugehen - zumindest, was die Herzenswärme gegenüber dem Kandidaten angeht. Dafür ist so ein hanseatisches Gemüt vielleicht auch einfach nicht so gemacht." Aber dafür wisse man, dass nicht so viele Tretminen auf die Partei warteten.

Geschlossen wie nie

Genau genommen gab es bislang keine einzige Tretmine. Der ewige Krawallladen Sozialdemokratie hat geschlossen. Kein Streit. Kein böses Wort. Kein Steinbrück-Stinkefinger. Keine Fehler. Nur ein unaufgeregter Scholz: "Ich bewerbe mich als Kanzler, nicht als Zirkusdirektor", antwortet er auf die Frage, warum er oftmals sehr nüchtern und emotionslos wirkt.

Und der Kanzlerkandidat, der kein Zirkusdirektor sein will, verkauft offenbar erfolgreich, was Kritiker einst als Makel sahen. Die Tatsache nämlich, dass dieser Scholz gefühlt immer schon da war. "Es ist keine Last, und dann ist Erfahrung auf alle Fälle gut. Aber Erfahrung muss gepaart sein mit zwei Dingen, die ich ganz wichtig finde: dem richtigen Herzen. Und ganz unbedingt auch einem Plan für das, was zu tun ist."

Und Pläne hat er. Pläne mag er und Pläne kann er. Seit Wochen steigen seine persönlichen Beliebtheitswerte im ARD-DeutschlandTrend. Bei einer Direktwahl käme Scholz auf 41 Prozent. Unions-Kandidat Armin Laschet liegt bei auf 16, Annalena Baerbock von den Grünen bei 12.

Die SPD insgesamt liegt laut DeutschlandTrend inzwischen fast gleichauf mit der Union. 23 Prozent für die Union, 21 für die SPD. Scholz profitiert auch von der Schwäche der anderen. Und der "Wumms", den er einst für die Coronahilfen erfand, erfasst jetzt offenbar seine SPD. Scholz will mit "Wumms" der krisenfeste Kanzlerkandidat sein. Egal, was kommt. "Wir brauchen ja jemanden, der das macht. Und ich glaube, diese Leistung traut mir jeder zu. Und wer das will, dass ein Kanzler, der das kann, das macht, muss schon das Kreuz bei der SPD machen."

Rund 30 Tage sind es noch bis zur Bundestagswahl. In den USA gibt es das Wort vom "October-Surprise", gemeint ist eine überraschende Wendung kurz vor der Wahl. Vielleicht ist der stille Aufstieg der SPD mit Scholz schon die August-Überraschung dieses Wahlkampfes gewesen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. August 2021 um 06:22 Uhr.