Der Präsident des deutschen Bundestags, Wolfgang Schäuble (CDU) kommt vorgefahren zu den Gremiensitzungen der Partei nach der Bundestagswahl 2021 im Konrad-Adenauer-Haus | dpa

Wolfgang Schäuble Dem Strippenzieher bleibt die Hinterbank

Stand: 30.09.2021 14:23 Uhr

Minister, Strippenzieher, Ratgeber, Bundestagspräsident - und nun Hinterbänkler? Wolfgang Schäuble hatte Laschet als Kanzlerkandidaten möglich gemacht - und verliert nun sein letztes Amt.

Von Georg Schwarte, ARD-Hauptstadtstudio

Wolfgang Schäuble hatte gerade erst Grund zu Feiern. Neun Tage vor der Bundestagswahl wurde er 79 Jahre alt. "Ich brauche nichts mehr werden. Ich will nichts mehr werden", sagte der CDU-Politiker zuletzt immer wieder. Er war ja schon so vieles.

Georg Schwarte ARD-Hauptstadtstudio

Und jetzt ist Schäuble trotzdem schon wieder etwas geworden: dienstältester Bundestagsabgeordneter nämlich. 49 Jahre ist er nun im Parlament. Nicht einmal August Bebel hat das geschafft. Es ist ein einsamer Rekord in der deutschen Parlamentsgeschichte "Natürlich bin ich lange dabei. Das muss man sich auch klarmachen vor anderen", sagt Schäuble, der Politik seine Leidenschaft nennt.

1972 kam er als Abgeordneter nach Bonn. Viel ist seitdem passiert. Auch wenn sie damals nicht nur stockkonservativ waren, sagt Schäuble heute. "Als ich in den Bundestag kam, wurde Annemarie Renger gerade die erste Bundestagspräsidentin. Ganz so ist es auch nicht, dass die Frauen da nur mit Schürzchen und Häubchen rumgelaufen sind."

Machtmensch Schäuble für Laschet

Aber ganz so bunt und divers wie heute war es eben auch nicht. Wolfgang Schäuble, ein Machtmensch, ein Minister und in der CDU bis vor Kurzem der alte weise Mann, den sie um Rat fragten. Das, sagt er, war der Grund, warum er mit 79 nochmal antrat. Die Jungen in der CDU hätten ihn gedrängt. Schäuble sei derjenige, der notfalls auch mal mahnen und zusammenführen könne.

Schäuble führte zusammen. Zuletzt auf seine ganz eigene Art. In einer Nachtsitzung soll er es gewesen sein, der Markus Söder und die CSU ausbremste und damit Armin Laschet als Kanzlerkandidat möglich machte. Der Machtmensch Schäuble pokerte und lag am Ende daneben. CSU-Abgeordnete wie Emmi Zeulner nehmen Schäuble diese Strippenzieherei übel. Ihr Vorwurf: "Hinterzimmerpolitik." Das gehe nicht. "Das ist eine Politik wie vor gefühlt 100 Jahren, wie sie von einer Politikergeneration um Wolfgang Schäuble praktiziert wurde."

Hinterzimmerpolitik eines Mannes, der - Ironie der Geschichte - durch seinen Einsatz für Laschet jetzt das Amt verliert, das er so liebte. Bundestagspräsident. Die stärkste Fraktion im Bundestag besetzt dieses Amt - und das ist nun nicht mehr die Union, sondern die SPD.

"Isch over" für Schäuble

Schäuble trifft der Verlust nicht unvorbereitet: Schon vor der Wahl lag die Union in Umfragen hinter der SPD. Er wisse durchaus um die Möglichkeit, als einfacher Abgeordneter zu enden", sagte er damals. "Darauf bin ich eingestellt und das ist kein Problem für mich." "Isch over", würde er wohl selbst sagen. Seine Tage als Bundestagspräsident sind gezählt.

Schäuble wich in 49 Jahren Politik keinem Streit aus. "Ich bin nicht pflegeleicht. Ich bin nicht bequem. Ich bin aber loyal", sagte er einmal über sich, der in seinem hohen Alter durchaus auch Vorteile erkennt. "Man gewinnt an Freiheit."

Jetzt dürfte Schäuble als dienstältester Abgeordneter der Republik zumindest als Alterspräsident am 26. Oktober die erste Sitzung des 20. Deutschen Bundestages mit einer Rede eröffnen. Hinter ihm wird jemand anderes sitzen und für Schäuble das Mikrofon einschalten. Vier Jahre lang war er als Bundestagspräsident dafür zuständig gewesen.  

Über dieses Thema berichtete mdr aktuell am 30. September 2021 um 13:17 Uhr.