Anas Modamani zeigt sein Selfie mit Kanzlerin Merkel von 2015. | REUTERS

Fotos mit Kanzlerin Merkel Zwei Selfies, zwei Geschichten

Stand: 04.09.2021 10:22 Uhr

Zwei Selfies mit der Kanzlerin - in historischen Momenten: 2005 in Merkels erstem Wahlkampf und zehn Jahre später während der Flüchtlingskrise. Ein Schnappschuss schreibt Geschichte und verändert ein Leben.

Von Katja Paysen-Petersen, BR

Bei Jennifer Regler löste die Kamera 2005 aus. Angela Merkel war gerade auf Wahlkampftour für ihre erste Kanzlerkandidatur. Jennifer war damals Schülerin, 18 Jahre alt. Sie durfte also zum ersten Mal wählen und hoffte, dass Merkel Kanzlerin wird.

Für die CSU in Bayern engagierte sie sich als Wahlkampfhelferin. Auf dem CSU-Parteitag Anfang September 2005 in Nürnberg schaffte sie es neben die Kanzlerkandidatin. Beide lächelten, Merkel recht zurückhaltend, dann löste die Kamera aus. Wenig später wurde Merkel die erste Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland - und Jennifer studierte Medizin in München.

Jennifer Regler und Angela Merkel

Die erste Kanzlerkandidatin und eine begeisterte Wahlkampfhelferin - Jennifer Regler machte ihr Selfie mit Merkel im Jahr 2005.

Der junge Syrer und die "Flüchtlingskanzlerin"

Im September 2015 kam Anas Modamani endlich in Berlin an. Der damals 18-Jährige war über die Balkonroute aus Syrien geflohen. An diesem 10. September wollte er eigentlich nur kurz seine Flüchtlingsunterkunft verlassen und Einkaufen gehen. Aber im Hof war viel los: Journalisten, Polizisten, Bodyguards. Schließlich fuhr eine schwarze Limousine vor und eine Frau stieg aus, im türkisfarbenen Blazer.

"Ich dachte, es ist vielleicht eine berühmte Fußballspielerin oder eine Schauspielerin", erzählt der heute 24-Jährige rückblickend. Irgendwie schaffte er es neben sie, um ein Selfie zu machen. Beide lächelten, die Frau im Blazer hob sogar den Daumen. Dann drückte Modamani den Auslöser seines Smartphones. Dass die Frau neben ihm die deutsche Kanzlerin war, erfuhr er erst hinterher.

Anas Modamani mit Kanzlerin Merkel | REUTERS

Ein Selfie für die Geschichtsbücher - als Anas Modamani sich 2015 mit Angela Merkel fotografierte, wusste er noch nicht, dass sie die deutsche Kanzlerin ist. (Archivbild) Bild: REUTERS

Das Selfie mit Merkel schreibt Geschichte

Kurze Zeit später gehen die Fotos von Modamanis Selfie mit Merkel um die Welt - und durch die Sozialen Netzwerke. Der junge Syrer wird bekannt. Berliner schreiben ihn an, laden ihn zum Tee ein. So lernt er auch seine spätere Gastfamilie kennen, die ihn bei sich aufnimmt. Er schafft es raus aus der Flüchtlingsunterkunft, lernt Deutsch und beginnt ein Studium der Wirtschaftskommunikation.

Gegen Fremdenhass - und Austritt aus der CSU

Jennifer Regler, die Erstwählerin von 2005, wohnte zu diesem Zeitpunkt immer noch in München. Im Herbst 2015 sah sie die Selfies von Anas Modamani mit Merkel, die vielen Tausenden Geflüchteten am Münchner Hauptbahnhof, die große Hilfsbereitschaft. Zuvor hatten Merkel und die Bundesregierung entschieden, die Grenzen für die in Ungarn gestrandeten Geflüchteten nicht zu schließen.

Jennifer Regler war positiv überrascht: "Merkel wirkte immer so unnahbar und distanziert. Dass sie in so einem Punkt so anders handelt, auch gegen die Grundsätze ihrer Partei, das hätte ich nicht gedacht." Das Leid der Geflüchteten ging ihr nahe, Regler wollte ein Zeichen gegen Fremdenhass setzen. Zusammen mit Tausenden Münchnern begrüßte sie am Hauptbahnhof die Ankommenden mit einem Plakat: "Refugees welcome". Es war die Hochphase der deutschen Willkommenskultur. 

Doch als mehr und mehr Geflüchtete ankamen, die untergebracht und integriert werden mussten, wurden auch warnende Stimmen laut. Skepsis machte sich breit: Schaffen wir das? Kritik am Merkel-Kurs kam vor allem von der CSU und dem damaligen Parteichef Horst Seehofer. Der Streit um eine Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen spaltete fast die Union. CSU-Mitglied Jennifer Regler trat aus der Partei aus. "Da wollte ich nicht mehr Teil von sein. Ich fand das schon heftig, weil man die Unterschiede sah, auch in den Werten", erzählt sie heute.

Falschnachrichten auf Facebook

Im März 2016 verübten Islamisten in Brüssel einen Terroranschlag. 32 Menschen starben, außerdem drei der Attentäter. Plötzlich tauchte Anas Modamanis Selfie mit der Kanzlerin auf rechten Hetzseiten auf. Es wurde behauptet, "Merkels Flüchtling" sei der Attentäter von Brüssel. Der junge Syrer versuchte, dagegen anzugehen, aber die Falschnachricht verbreitete sich auf Facebook und anderen Kanälen.

Das Selfie mit Merkel wurde für ihn zum Fluch. Auch nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz tauchte sein Foto auf Facebook auf. Der Syrer ging mit Hilfe eines Anwalts rechtlich dagegen vor. Er wollte Facebook dazu verpflichten, die Posts zu löschen, aber er scheiterte vor Gericht. "Aber das war mir nicht so wichtig. Wichtig war mir, dass die Menschen so meine wahre Geschichte erfahren haben", sagt er.

Das Selfie mit der Kanzlerin würde Anas Modamani trotzdem wieder machen. "Diesmal würde ich sie umarmen, vielleicht sogar weinen. Die Frau hat mein Leben gerettet", sagt er. Und er macht sich Sorgen, was passiert, wenn Merkel nicht mehr Kanzlerin ist: "Wie geht es dann mit der Flüchtlingspolitik weiter? Kann ich hierbleiben?" Nach Syrien wird zumindest derzeit niemand abgeschoben, aber keiner weiß, ob und wann sich das ändert. Modamani will gerne in Deutschland bleiben. Momentan bemüht er sich um die Einbürgerung.

Und Jennifer Regler? Sie ist Neurologin geworden, hat geheiratet und zwei Kinder bekommen. Auch sie würde das Selfie mit der Kanzlerin wieder machen: "Gerade außenpolitisch hat Merkel ein Gewicht hinterlassen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandradio am 31. August 2021 um 14:11 Uhr.