Die Co-Vorsitzenden der Linken Janine Wissler (r) und Susanne Hennig-Wellsow geben eine Pressekonferenz. | dpa

Linke beginnt Wahl-Aufarbeitung "Vielstimmig statt vielfältig"

Stand: 02.10.2021 20:57 Uhr

Die Linke leckt nach dem desaströsen Wahlergebnis ihre Wunden und hat auf einer Vorstandssitzung mit der Aufarbeitung von Fehlern begonnen. Die Parteispitze sieht die "Vielstimmigkeit" als ein Hauptproblem.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Das Bundestags-Wahlergebnis von unter fünf Prozent eine Woche nach der Schocktherapie schönzureden, wäre gar nicht so einfach geworden. Und so versuchte es Parteichefin Janine Wissler auch gar nicht erst: "Wir haben alle gemeinsam am Sonntag mal tief in den Abgrund geschaut. Dass wir nicht ganz reingefallen sind, hat etwas mit diesen drei Direktmandaten zu tun." Die Direktmandate sorgen nämlich dafür, dass die Linke überhaupt noch - wenn auch extrem geschrumpft - im Bundestag vertreten ist.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

So begibt sich die Partei, die rund die Hälfte ihrer Stimmen einbüßte, nun auf Fehlersuche. Oder vielmehr: sie beginnt damit. "Es war die Einschätzung im Vorstand, dass wir in vielen Fragen, die zentral waren, zu sehr mit unterschiedlicher Stimme gesprochen haben", erklärt Wissler. "Was dann dazu führt, dass Leuten auf der Straße nicht mehr ganz klar ist: Wofür steht denn diese Linke?"

Wissler bringt es auf die Formel: Zu oft sei man nicht "vielfältig, sondern vielstimmig" gewesen. Co-Parteichefin Susanne Hennig-Wellsow wählt den klassisch-griechischen Begriff "Kakophonie", die zum Problem geworden sei.

Wagenknecht - der Elefant im Raum

Beide vermeiden es in diesem Zusammenhang, den Namen von Sahra Wagenknecht in den Mund zu nehmen. Doch das Beispiel, das Wissler zur Veranschaulichung wählt, legt nahe, dass sich die wohl prominenteste Linke durchaus angesprochen fühlen darf: Gerade bei der Frage der Geflüchteten hätte man viel stärker in den Vordergrund stellen müssen, was die Partei eine, meint Wissler. Wagenknecht hingegen hatte die Linke für ihre "Offene Grenzen"-Haltung teilweise heftig kritisiert.

Kaum jemand leugnet, dass es sicher kein Vorteil im Wahlkampf war, es mit einem noch recht frischen Parteiführungstandem zu tun zu haben: Wissler und Hennig-Wellsow waren erst im Februar gewählt worden. "Wir hätten einfach darauf dringen sollen, dass wir schon ein Jahr früher in die Verantwortung kommen, diese Partei zu führen", findet Hennig-Wellsow.

Personaldebatte vermeiden

Daran, dass man gerade in der Endphase des Wahlkampfs allzu deutlich mit SPD und Grünen zu flirten versuchte, allzu offensichtlich für ein rot-grün-rotes Bündnis warb, hat es aus ihrer Sicht nicht gelegen: "Keine falsche strategische Entscheidung" sei das gewesen. Ohnehin ist sich das Vorsitzenden-Tandem einig, dass die Fehler nicht in den letzten zwei bis drei Monaten liegen - sondern tiefer.

Um die abzustellen, will die Parteispitze nun zum einen mit den Landesverbänden reden, zum anderen aber auch mit der Basis. Wie genau, das steht noch nicht fest. Auffällig ist auch, dass die beiden eine Personaldebatte nun zunächst vermeiden wollen: "Wenn die Probleme so leicht zu lösen wären, dass man zwei bis acht Menschen austauscht und dann geht es schon wieder, dann wäre es etwas zu einfach", betont Wissler. Und: Der Job ihrer Partei im Bundestag sei es nun, Oppositionsarbeit zu machen.

Daran indes ist man bei der Linken - im Bund zumindest - seit Jahren gewöhnt. Ob die wahlbedingte Verkleinerung der Fraktion die beklagte "Vielstimmigkeit" einzudämmen hilft und den Oppositionsjob damit etwas einfacher gestaltet, ist alles andere als sicher.