Wahlplakate an einer Straße | imago images/Arnulf Hettrich
Hintergrund

Koalitionsoptionen Diese Bündnisse könnten möglich sein

Stand: 23.09.2021 04:44 Uhr

Nach der Wahl dürfte es bei der Frage nach Koalitionsoptionen unübersichtlich werden. Nie zuvor gab es so viele Parteien, die sich alles offen halten. Wer könnte eigentlich mit wem? Ein Überblick.

Von Corinna Emundts, tagesschau.de

"Uns steht eine hochspannende Phase der 'Anarchie' bevor", sagt der Politologe Thorsten Faas über die ersten Tage oder Wochen nach der Wahl: Man kenne bisher keine Verhandlungsverfahren für derart viele Koalitionsoptionen im Sechs-Parteien-System - auch aus politikwissenschaftlicher Sicht sei das bundespolitisches Neuland, so Faas im Gespräch mit tagesschau.de.

Corinna Emundts tagesschau.de

Das Besondere an dieser Bundestagswahl bleibt, dass bis auf die AfD die im Bundestag vertretenen Parteien kaum eine Koalitionsoption wirklich ausschließen. Wer mit wem nach dem Wahlabend verhandeln kann - vermutlich wird es noch am Wahlabend ein buntes Durcheinander. Hier ein Überblick:

Rot-Grün-Gelb oder Rot-Gelb-Grün (Ampel-Koalition)

Sollte eine Mehrheit nur durch ein Dreier-Bündnis jenseits einer Neuauflage der GroKo möglich sein, würde SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz eine rot-grün-gelbe Koalition wohl näher stehen als Rot-Grün-Rot. Damit ist diese Koalition nach aktuellem Stand der Vorwahlumfragen sowohl rechnerisch wie inhaltlich die wahrscheinlichste. Dafür müssten SPD und Grüne jedoch manch ambitionierten Plan opfern, wie etwa die Zusammenlegung der privaten und gesetzlichen Krankenversicherung.

Christian Lindner vor dunklem Hintergrund und einem Mikrofon in der Hand bei einer Wahlkampfveranstaltung. | picture alliance/dpa/dpa-Zentral

FDP-Chef Lindner steht intern unter Druck, mit der FDP nicht schon wieder in der Opposition zu landen. Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Die FDP wäre hier in der schwierigen Lage, sich gegen die beiden anderen bei ihren Schwerpunkten Steuerrecht und der Schuldenbremse durchzusetzen. Hier gibt es große programmatische Unterschiede - "das wäre der Knackpunkt", so Politologe Faas. In der FDP gilt dieses Bündnis schon jetzt eher als Wagnis: FDP-Parteichef Christian Lindner betont stets finanzpolitische Positionen, die sich deutlich gegen die Grünen richteten. Dies lässt sich jedoch auch als Taktik verstehen, die Preise für eine rot-grün-gelbe Koalition hochzutreiben.

Schwarz-Grün-Gelb (Jamaika-Koalition)

Für Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet ist dies nach derzeitigem Umfrage-Stand die einzige Machtoption für das Kanzleramt - sogar, wenn er mit der CDU/CSU prozentual nur auf Platz zwei landen würde. Vorausgesetzt, ein rot-grün-gelbes Bündnis käme nicht zustande. Auch wenn Laschet sich gerade mit FDP-Parteichef Lindner besonders gut versteht - ein Hindernis wären für ihn die Grünen als Bündnispartner nicht. Die Union könnte den Grünen sowohl beim Vorziehen des Kohleausstiegs sowie insgesamt bei der Umsetzung der Klimaziele entgegenkommen.

Bereits 2017 war es fast zu einem solchen Bündnis gekommen, es scheiterte an der FDP. Deswegen scheint der auch damals schon handelnde FDP-Vorsitzende Lindner intern stärker unter Druck, die Partei aus der Oppositionsrolle zu holen.

Allerdings hat hierbei jemand anderes Vorab-Phantomschmerzen - zumindest, wenn die SPD am Wahlabend vorne liegt: Die CSU mag nicht wirklich auf Platz Zwei mit ins Kanzleramt einziehen.

Auch für die Grünen ist Schwarz-Grün-Gelb alles andere als ein Selbstläufer. Zwar regiert in Baden-Württemberg ein grüner Ministerpräsident allein mit der CDU als Juniorpartner, in Schleswig-Holstein sogar das entsprechende Dreierbündnis. Dennoch sehen Grüne große Hindernisse bei der Verkehrs- und Agrarwende.

Rot-Grün-Rot (Linksbündnis) oder Magdeburger Modell

Würde man die Wahlprogramme übereinanderlegen, gäbe es trotz der großen Unterschiede in der Außen- und Sicherheitspolitik wohl die meisten inhaltlichen Überschneidungen bei Rot-Grün und der Linkspartei. Eine satte Mehrheit für Rot-Grün-Rot ist derzeit jedoch nicht in Sicht. Weil ein Kanzler Scholz bei jeder Abstimmung über Bundeswehr-Auslandseinsätze um Abweichler-Stimmen bei der Linkspartei bangen müsste, bleibt dieses Bündnis eher unwahrscheinlich. Noch viel unwahrscheinlicher wäre deswegen das sogenannte Magdeburger Modell - eine von der Linkspartei tolerierte rot-grüne Bundesregierung.

Rot-Grün

Dass es für jene Koalition reichen könnte, die 1998 die Kohl-Regierung ablöste, ist unwahrscheinlich. Völlig auszuschließen ist sie jedoch nicht: Vor allem dann, wenn die Linkspartei unter die Fünf-Prozent-Hürde fallen sollte und die Kleinparteien zusätzlich acht oder neun Prozent auf sich ziehen könnten: Dann wäre eine Regierungsmehrheit bereits mit etwa 44 Prozent erreicht.

Trotz der Sympathiebekundungen von Scholz Richtung Grüne bleiben dort Zweifel - ob er ein Zweierbündnis mit der Union nicht bequemer fände. Seine aktuelle Neigung zum Klimaschutz deuten manche eher als strategisch, um rot-grüne Wechselwähler an sich zu binden. Denn als besonders grün haben die Grünen Scholz weder als Hamburger Bürgermeister noch als SPD-Finanzminister erlebt.

Große Koalition

Eine Neuauflage der Großen Koalition unter Führung der Union wäre keine realistische Option - sie würde die SPD diesmal sicher vollends spalten. Aber in umgekehrter Farbfolge unter einem Kanzler Scholz sähe die Welt für die Sozialdemokratie wohl anders aus: Denn das Leiden am "GroKo-Modell" der SPD rührte ja bisher daher, dass die Erfolge der jeweiligen Regierung immer eher mit der Union unter Kanzlerin Angela Merkel nach Hause gingen. Unions-Spitzenkandidat Laschet jedenfalls hat für sich diese Option auf Nachfrage im Triell von ARD und ZDF explizit nicht ausgeschlossen.

Schwarz-Gelb

Schwarz-Gelb wäre sicher Laschets und Lindners Wunschkonstellation - jedoch ist sie nach derzeitigem Stand der Vorwahlumfragen nicht realisierbar. Inhaltlich wären sich die beiden bei Koalitionsverhandlungen jedenfalls vermutlich recht schnell einig - schneller womöglich als Rot-Grün: Denn die SPD will ja beispielsweise bisher den für 2038 geplanten Kohleausstieg nicht vorziehen. Hier wäre die SPD näher bei Laschet.

Armin Laschet | AP

Zwischendurch schien Schwarz-Grün denkbar und der Union das Kanzleramt auch nach Merkel sicher - womöglich kam Armin Laschet deswegen so spät gegen die SPD in den Angriffsmodus. Bild: AP

Schwarz-Grün

Im Frühjahr noch sah es danach aus, dass Union und Grüne diesmal zusammen regieren könnten - was sich beide Seiten durchaus vorstellen können - spätestens seit den an der FDP gescheiterten Jamaika-Verhandlungen im Jahr 2017. Doch die Vorwahl-Umfragen geben dieses Bündnis durch die Schwäche der Union und der abgeflachten Grünen-Euphorie derzeit nicht mehr her.

Rot-Schwarz-Grün (Kenia-Koalition)

Auch wenn nach derzeitigem Umfragestand bei diesem Bündnis zwei Drittel der Wählerinnen und Wähler repräsentiert wären, ist dieses Bündnis inhaltlich schwer umzusetzen - und würde insbesondere die Grünen als kleinsten Partner auf ein programmatisches Minimum schrumpfen, das die Partei zerreißen würde. Zudem braucht es die Grünen derzeit als Drittpartner nicht, da sich eine GroKo-Mehrheit stabilisiert.

Rot-Schwarz-Gelb (Deutschland-Koalition)

Ähnlich erginge es der FDP in einem sehr breit angelegten Bündnis, das eine Große Koalition um die FDP erweitert. De facto wäre es ein Viererbündnis wegen der CSU, die in der GroKo öfter eine Sonderrolle einnahm. Insgesamt wären viel Reibungsverluste in Sicht. Ein solches Bündnis in Sachsen-Anhalt zeigte bereits bei der Wahl des Regierungschefs Reiner Haseloff, wie wackelig das Konstrukt ist - er erhielt erst beim zweiten Wahlgang die nötige Mehrheit.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 23. September 2021 um 07:11 Uhr.

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Moderation 23.09.2021 • 14:49 Uhr

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