Annalena Baerbock und Robert Habeck nach der Bundestagswahl | EPA
Analyse

Baerbock und Habeck Es ist kompliziert

Stand: 01.10.2021 04:18 Uhr

Lange Zeit dominierte bei der Grünen-Spitze Harmonie. Doch der harte Wahlkampf hat auch Spuren bei Baerbock und Habeck hinterlassen. Die Rollen der beiden scheinen sich gerade zu verschieben. Nur Teil eines Plans?

Von Nina Barth, ARD-Hauptstadtstudio

Keiner weiß, wie ein Vier-Augen-Gespräch zwischen den beiden Parteivorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck abläuft. Aber die Vermutung liegt nahe, nicht mehr ganz so harmonisch wie noch vor ein oder zwei Jahren. Das ist nicht überraschend, die harten Wahlkampfwochen, die Fehler der Kanzlerkandidatin Baerbock und die Fakenews, denen die Grünen ausgesetzt waren, haben ihre Spuren hinterlassen. Überraschend ist vielleicht vielmehr, wie lange Baerbock und Habeck es geschafft haben, zumindest nach außen hin das harmonische Bild aufrecht zu erhalten. In der Politik - und mit Blick auf andere Parteien - ist das eher ungewöhnlich.

Nina Barth ARD-Hauptstadtstudio

Machtpoker bei den Grünen?

Klar ist aber auch, wenn von zwei Machtmenschen, unter deren gemeinsamer Führung die Grünen einen kaum gekannten Aufwind erlebt haben, einer in die zweite Reihe treten muss, dann bleibt etwas zurück. Als Habeck im April die Nominierung von Baerbock als erste Grünen-Kanzlerkandidatin in der Geschichte der Partei verkündete, war offensichtlich, wie schwer ihm das fiel. Und er machte auch keinen Hehl daraus.

Er habe sich erstmal schütteln müssen, sagte Habeck damals im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio. Aber Habeck hat bei der Entscheidungsfindung offenbar nicht einfach so klein beigegeben. Wer ihn kennt, der weiß, das würde nicht zu ihm passen. War die Einigung auf Baerbock als Kanzlerkandidatin, die beide gemeinsam getroffen haben, möglicherweise mit einem Deal verbunden? Etwa: Wenn es nicht so läuft wie erhofft, soll Habeck im Falle einer Regierungsbeteiligung Vizekanzler werden, nicht die Kanzlerkandidatin.

Ein Kompromiss?

Es wäre ein Kompromiss. Aber offiziell bestätigt den keiner. Hinter vorgehaltener Hand ist bei den Grünen zu hören, dass dies gut möglich ist. Doch was die Partei im Moment am wenigsten brauchen kann, sind Personaldiskussionen - wie verheerend die sein können, zeigt die Union. Und so bemühte sich Habeck in dieser Woche, die Diskussion wieder einzufangen.

"Die Frage, wer Vizekanzler wird, ist völlig irrelevant", betonte Habeck bei einem ersten Treffen der gewählten und ausscheidenden Abgeordneten der Fraktion. Die Partei stehe in 120-prozentiger Geschlossenheit hinter dem Bundesvorstand und hinter Baerbock als Person. Sein Statement war vorher nicht angekündigt worden, aber wohl abgesprochen. Habeck wirkte fast patzig. Und er machte den Eindruck, als müsse er sich vor der eigenen Partei rechtfertigen. Gut möglich, dass er von dort Druck bekommen hat.

Ziel verfehlt

Und dennoch: Das Rollenverhältnis zwischen Baerbock und Habeck scheint sich zu verschieben. Die Grünen haben mit 14,8 Prozent ihr historisch bestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl geholt, aber sie wollten ins Kanzleramt. Dieses Ziel haben sie deutlich verfehlt. Das Ergebnis ist am Ende enttäuschend. Und alle wissen, Baerbock hat mit eigenen Fehlern viel dazu beigetragen. Als Kanzlerkandidatin trägt sie eine besondere Verantwortung, auch wenn keiner weiß, ob es mit Habeck besser gelaufen wäre.

Der hätte während des Wahlkampfes vermutlich so manches Mal am liebsten in die Tischplatte gebissen vor Ärger. Die Umfragewerte für die Grünen und ihre Kanzlerkandidatin sanken immer weiter. Manchmal wirkte Habeck leicht genervt, bei öffentlichen Auftritten eher kühl im Umgang mit Baerbock. Trotzdem hat er ihr den Rücken gestärkt, stand loyal hinter ihr. Jetzt wollen beide gemeinsam - das betonen sie immer wieder - Sondierungs- und Koalitionsgespräche führen mit einem insgesamt zehnköpfigen Grünen-Team.

Sollte es den Deal zwischen Baerbock und Habeck tatsächlich gegeben haben, war das am Ende vielleicht sogar ein kluger Schachzug. Beide wussten, worauf sie sich einlassen. Die Harmonie vom Anfang mag weg sein, aber sie haben die Verhältnisse geklärt - zumindest untereinander.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. Oktober 2021 um 09:00 Uhr.

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Moderation 01.10.2021 • 14:58 Uhr

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