Tino Chrupalla
Analyse

AfD-Chef im ARD-Sommerinterview Gefangen im Umfragetief

Stand: 09.08.2021 01:29 Uhr

Die AfD startet schleppend in den Wahlkampf. Der Partei fehlt ein populäres Thema, Affären und Skandale belasten ihre Erfolgsaussichten. Spitzenkandidat Chrupalla vermeidet im ARD-Sommerinterview dennoch klare Festlegungen.

Von Martin Schmidt, ARD-Hauptstadtstudio

Er kommt aus dem Urlaub, ein paar Tage hat auch er sich in der sächsischen Heimat mit der Familie gegönnt. Nochmal kurz durchschnaufen, bevor Tino Chrupalla in den kommenden Wochen wohl nicht mehr allzu viel Zeit daheim verbringen wird. Der AfD-Chef ist auch Spitzenkandidat seiner Partei - gemeinsam mit Fraktionschefin Alice Weidel. Reden halten, Hände schütteln, dutzende Auftritte stehen bevor. Los geht es am Dienstag, wenn sie in Schwerin auf großer Bühne offiziell in den Bundestagswahlkampf starten wollen. Doch zuvor steht für Chrupalla noch das ARD-Sommerinterview an.

Martin Schmidt ARD-Hauptstadtstudio

Auch viele seiner Parteifreunde schauen gespannt hin, erzählen schon im Vorfeld, sie würden hoffen, dass ihr Spitzenkandidat im Fernsehen endlich die klare Ansage macht, die sie von ihm bisher vermissen: Mit welchen Thema will die Partei wieder punkten und den Abwärtstrend stoppen? Hamburg, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg - seit Chrupalla vor fast zwei Jahren zum Parteichef gewählt worden ist, hat die AfD bei allen Landtagswahlen deutliche Stimmenverluste einstecken müssen. Im aktuellen ARD-Deutschlandtrend steht sie bundesweit nur noch bei zehn Prozent.

Gleich zwei Spendenaffären

Chrupalla sieht nicht, dass er selbst daran einen Anteil haben könnte. Er versucht sich in Optimismus: Das Wahlergebnis von 2017 werde man halten können, wenn nicht sogar ausbauen. Was kämpferisch klingt, ist eigentlich ein kleiner Rückzug, hatten einige in der AfD doch lange davon geträumt, die SPD überholen zu können. Ein Grund für das Umfragetief ist womöglich, dass die AfD zwar gerne behauptet, für die Mehrheit der Bevölkerung zu sprechen, sie sich beim genaueren Hinsehen aber meist gegen ihre Präferenzen positioniert. So auch Chrupalla im Sommerinterview: Zweifel an der Wirksamkeit der Impfungen, Zweifel am menschlichen Einfluss auf den Klimawandel, dazu die Forderung nach dem EU-Ausstieg Deutschlands - Umfragen zufolge sind die meisten Deutschen anderer Meinung.

Und dann sind da noch die hausgemachten Probleme: Zwei Spendenaffären belasten die AfD weiterhin. 270.000 Euro Strafe für eine illegale Parteispende an Co-Parteichef Jörg Meuthen. Gegen ihn prüft die Berliner Staatsanwaltschaft jetzt sogar die Aufnahme von Ermittlungen. 400.000 Euro Strafe wegen illegaler Spenden aus dem Ausland an Alice Weidel. Eine Klage der AfD dagegen hat das Berliner Verwaltungsgericht erst kürzlich abgewiesen. Die Frage, ob Meuthen noch an der Parteispitze tragbar ist, beantwortet Chrupalla nicht. Ob es in Anbetracht ihrer Spendenaffäre vielleicht nicht die beste Idee war, gemeinsam mit Weidel ein Spitzenkandidaten-Duo zu bilden? Auch hier will er keine Probleme erkennen: "Was habe ich mit diesen Dingen zu tun?", fragt Chrupalla, nicht unbedingt im Stil eines umsichtigen Parteichefs, der Probleme identifiziert und sich kümmert.

Keine Abgrenzung nach rechts

Ähnlich verhält er sich auch, geht es um die Rechtsextremisten in seiner Partei. Ausgerechnet in seinem sächsischen Landesverband stehen neben Chrupalla einige Personen zur Wahl, die sich gerne jenseits von roten Linien bewegen. Jens Maier zum Beispiel auf Listenplatz 2. Er spricht auf AfD-Veranstaltungen gerne vom "Schuldkult", der beendet gehöre. Auf Listenplatz 5 steht mit Andreas Harlaß sogar ein Parteifreund von Chrupalla, der gerichtsfest als lupenreiner Neonazi bezeichnet werden darf. Klare Kante gegen Rechtsganzaußen? Fehlanzeige. Der AfD-Spitzenkandidat möchte sich auch auf mehrere Nachfragen nicht distanzieren.

Jörg Meuthen sieht das mittlerweile anders. Er hat sich im "ZDF"-Sommerinterview von diesen Listenkandidaten seiner eigenen Partei distanziert und fordert das nun auch von seinem Co-Sprecher ein, aktuell beim Problemfall im NRW-Landesverband: Vize-Landeschef Matthias Helferich steht wegen Chatnachrichten mit NS-Bezügen in der Kritik. Doch Chrupalla will sich weiterhin nicht für ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn aussprechen. Wenn der Bundesvorstand morgen noch einmal in seiner Sitzung darüber abstimme, werde er sich erneut enthalten, sagt Chrupalla im Sommerinterview. Meuthen greift ihn für seine Haltung scharf an.

Streit zwischen den Vorsitzenden

Es sei schlichtweg unmöglich, die fehlende Bereitschaft seines Sprecherkollegen "gegen einen offenkundig mit nationalsozialistischen Bezügen liebäugelnden stellvertretenden Landesvorsitzenden und Bundestagskandidaten ein Parteiausschlussverfahren auf den Weg zu bringen, in irgendeiner Weise abzubügeln", schreibt Meuthen in einer internen Mail an den Bundesvorstand, die dem ARD-Hauptstadtstudio vorliegt. Chrupalla richte, so Meuthen weiter, mit seiner Enthaltung massiven Schaden für die Partei an.

Aber vielleicht kann Chrupalla gar nicht anders. Es waren vor allem seine Parteifreunde aus dem rechtsextremen Flügelnetzwerk, die ihn zum AfD-Chef gemacht haben. Ende des Jahres stehen nun erneut Vorstandswahlen an und Chrupalla hat bereits angekündigt, wieder kandidieren zu wollen. Wie soll er sich also von denen distanzieren, die ihn doch schon bald wieder wählen sollen?

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 08. August 2021 um 15:00 Uhr.

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Moderation 09.08.2021 • 10:24 Uhr

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