Die SPD-Bundestagsabgeordneten Anna Kassautzki und Erik von Malottki im Hafen von Greifswald | dpa

Neue SPD-Bundestagsfraktion Jünger, diverser, weiblicher

Stand: 28.09.2021 14:25 Uhr

Mit dem Wahlsieg der SPD zieht eine neue Generation in den Bundestag ein. Die Fraktion wird deutlich jünger und weiblicher. Heute kam sie zur ersten gemeinsamen Sitzung im Bundestag zusammen.

Von Georg Schwarte, ARD-Hauptstadtstudio

8.30 Uhr morgens im Reichstagsgebäude auf der Plenarsaalebene. Vor der Ausweisausgabe für neue Bundestagsabgeordnete stehen sie und staunen, die neuen, sehr jungen Gesichter der SPD. "Ist schon krass", sagt der 30-jährige Tim Klüssendorf. Er ist Direktkandidat aus Lübeck und einer von über 100 neuen SPD-Abgeordneten. Für ihn sind das Gänsehautmomente. "Erstmal das Gebäude von außen zu sehen und dann fragen sie dich: 'Sind sie auch neuer Abgeordneter?' Und ich konnte sagen: 'Ja.' Das ist schon cool", erzählt Klüssendorf.

Georg Schwarte ARD-Hauptstadtstudio

Die neue Fraktion ist 206 Mitglieder stark. Sie ist jünger und weiblicher. Mit 41 Abgeordneten kommen doppelt so viele aus dem Osten wie in der letzten Legislaturperiode. Heute findet die erste gemeinsame Sitzung im Plenarsaal des Bundestages statt. "Das ist ein besonderer Moment", sagt auch der amtierende SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich "Wir haben eine Fraktion, in der mehr als die Hälfte neu ist. Ein Durchschnittsalter von 45 Jahren." Mützenich ist mit 62 Jahren älter und er will als Fraktionschef bleiben.

Mützenich als ordnende Hand an der Spitze

Gestern schon gab es den Treueschwur des Kanzlerkandidaten Olaf Scholz, der Mützenich demnächst im Bundestag auf der Regierungsbank als Kanzler gegenübersitzen möchte. "Ohne ihn hätten die Parteivorsitzenden, der Generalsekretär und ich das gar nicht geschafft", so Mützenich. Umgekehrt lobte Scholz: "Rolf Mützenich ist ein guter Mann. Den brauchen wir da" - als ordnende Hand an der Spitze der Fraktion.

Eigentlich - heißt es - habe Mützenich gar keine Lust mehr gehabt, nachdem er 2019 nach dem plötzlichen Aus von Andrea Nahles den Job als Fraktionschef übernahm. Heute ist das für Mützenich kein Thema. "Ich wunder mich immer, dass Leute über meine Lust nachdenken. Ich trete als Fraktionschef an und werde meinen Beitrag dazu leisten, dass Olaf Scholz Kanzler der Bundesrepublik Deutschland wird."

Morgen wollen sie den Fraktionschef wählen, heute soll man sich aber erst einmal kennenlernen. Aber zuerst folgt die Sitzplatzsuche im Reichstagsgebäude.

Kühnert: "Ein bewegender Moment"

Die Fraktion bildet sich neu und auch der Politprofi Kevin Kühnert, Ex-Juso-Chef, amtierender SPD-Bundesvize, steht vor dem Plenarsaal, schaut an die Decke und ist ehrlich ergriffen von Ort und Zeit. "Erst mal ist das persönlich ein ganz bewegender Moment", sagt Kühnert. Er, der das Berliner Politikgeschäft seit Jahren kennt, ist heute als neuer Bundestagsabgeordneter Anfänger wie viele hier. "Als Abgeordneter hier jetzt in den Plenarsaal zu gehen, wer da nicht angefasst ist, der hat Nerven wie Drahtseile."

Kühnert hat mit dafür gesorgt, dass ein Schwung der Jusos jetzt in der Fraktion sitzt, dass diese Fraktion jünger, diverser, weiblicher wurde. 56 Prozent sind unter 40 Jahre alt, 25 Prozent sogar 30 Jahre oder jünger.

"Viel Schwung in der Bude"

Die Warnung von FDP und Union, dass diese Fraktion linksunterwandert sei und deshalb kein verlässlicher Verhandlungs- und Regierungspartner, winkt Kühnert gelassen ab. "Wir sind hier nicht als K-Gruppe reingekommen, um uns als etwas ganz anders zu entpuppen, als das wir angetreten sind", sagt Kühnert. Man sei als Vertreter der SPD gewählt und so werde man auch agieren.

Nadja Sthamer, die 30-jährige Direktkandidatin aus Leipzig, gehört auch dazu. Gerade holt sie sich ihren vorläufigen Abgeordnetenausweis. Sie erlebe dieses neue Kapitel ihres politischen Lebens mit Demut, Dankbarkeit und ganz viel Aufregung, sagt sie. Dass die SPD jünger wird, sei für sie ein Vorteil. "Ich glaube, hier kommt insgesamt mit allen neuen, die hier antreten, sehr viel Schwung in die Bude. Und das tut doch gut", sagt sie und lacht.

Mützenich hofft auf schnelle Verhandlungen

Schon diese Woche wollen die SPD mit Grünen und FDP sondieren. Die Einladung dazu steht, sagt Fraktionschef Mützenich, der weder Lust noch Vergnügen hat an Inszenierung. Er bittet alle jetzt um die nötige Ernsthaftigkeit.

Denn Mützenich hat noch die Szenen vor Augen, als FDP, Grüne und Union 2017 bei den später gescheiterten Sondierungen abends auf dem Balkon der Parlamentarischen Gesellschaft Hof hielten. "Ich glaube beide kleinen Parteien müssen sich klar darüber werden, dass das Schauspiel, dass sie hier vor vier Jahren auf Balkonen absolviert werden, den Aufgaben nicht gerecht wird." Er hofft auf schnelle Verhandlungen.

Kühnert glaubt an Bündnis mit Grünen und FDP

Dass bei den Grünen schon darüber nachgedacht wird, ob Habeck oder Baerbock Vizekanzler werden sollen, sind für einen wie Mützenich Störgeräusche, die von der eigentlichen Aufgabe der Regierungsbildung ablenken. "Schwierigkeiten werden wir auf der Strecke dahin lösen" sagt er. Heute aber findet erst einmal die neue SPD-Fraktion zueinander.

Kevin Kühnert glaubt jedenfalls an die "Ampel", an Scholz und daran, dass irgendwann alle merken, dass Armin Laschet diese Wahl verloren hat. Für den SPD-Bundesvize ist sein neuer Job als Bundestagsabgeordneter übrigens nicht nur ein neuer Job. "Man spürt einfach die Verantwortung" sagt er. "Das klingt billig, aber wenn man hier im Reichstagsgebäude steht, dann sickert dieses Gefühl langsam ein."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 28. September 2021 um 12:05 Uhr und 13:25 Uhr.