Robert habeck umarmt die Grünen-Spitzenkandidatin bei der Bundestagswahl 2021 bei der Wahlparty in Berlin. | dpa
Analyse

Wahlergebnis der Grünen Irgendwo zwischen Erfolg und Enttäuschung

Stand: 27.09.2021 09:12 Uhr

Ein wenig Ernüchterung neben großer Freude - das Wahlergebnis löst bei den Grünen gemischte Gefühle aus. Der Blick zurück zeigt Fehler, der Blick nach vorn gibt Selbstvertrauen.

Von Kristin Joachim und Christian Feld, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Es ist 1:37 Uhr. Winfried Kretschmann geht. Kurz danach verlässt auch der Rest der grünen Führungsspitze die Sigmund Freud PrivatUniversität in Berlin. Zu welchem Ergebnis ist man gekommen? Die Frage läuft ins Leere.

Kristin Joachim ARD-Hauptstadtstudio
Christian Feld ARD-Hauptstadtstudio

Sieben Stunden zuvor - auf der anderen Straßenseite. Sie kommen zusammen auf die Bühne der Columbiahalle - die grüne Kanzlerkandidatin und der Mann, der es auch gerne geworden wäre. Jubel in der Halle. Annalena Baerbock könnte es sich jetzt einfach machen. Und natürlich lobt sie zunächst das "historisch beste Wahlergebnis" der Partei. Doch sie belässt es nicht dabei. Es folgen selbstkritische Töne. Sie spricht von "eigenen Fehlern - auch von mir". Die erste grüne Kanzlerkandidatin gibt zu: "Wir wollten mehr."

Und auch Robert Habeck sagt im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio, man habe "Hoffnungen geweckt, die wir nicht erfüllt haben". Und so muss dieser Abend die grüne Partei mit gemischten Gefühlen zurücklassen.

Mit besten Voraussetzungen in den Wahlkampf

Selbst wenn man den Begriff "historisch" vermeiden will - mit einer besseren Ausgangslage waren die Grünen noch nie in einen Bundestagswahlkampf gegangen. So sah es zumindest bis zum Frühjahr aus. Die eigene Umfragewerte lagen konstant bei 20 Prozent. Da Bundeskanzlerin Angela Merkel freiwillig abtreten würde, gab es keine Konkurrenz mit Amtsbonus. Die Union zerstritten, die SPD schwach. Klimaschutz war zu einem zentralen Thema geworden.

Baerbock und Habeck hatten die früher rauflustige Partei zu nie dagewesener Geschlossenheit geführt. Ganz offen hatten die Grünen den Machtanspruch formuliert: Wir spielen auf Platz eins.

Da schien es konsequent, zum ersten Mal in der Parteigeschichte auch eine Kanzlerkandidatin ins Rennen zu schicken. Mit Programm und Kandidatin setzten die Grünen ganz auf "Veränderung" und "Aufbruch". Annalena Baerbock: 40 Jahre, ohne Regierungserfahrung. Es hätte eine Chance sein können, wenn denn auch die Menschen in Deutschland bereit wären für eine solche Kandidatur.

Vertrauensverlust statt Pluspunkte

Es war eine Wette, die offenbar nicht aufgegangen ist. Baerbock musste nach ihrer Nominierung Vertrauen aufbauen, sich bekannt machen, auch ältere Wählerinnen und Wähler überzeugen. Doch das ging gründlich schief. Die Fehler von Baerbock sind zur Genüge beschrieben worden: zu spät gemeldete Einkünfte, ein mehrfach korrigierter Lebenslauf. Vor allem ein eilig fertig gestelltes Buch mit vielen abgeschriebenen Passagen wurde zum Symbol. Das Ergebnis: das Vertrauen früh angeschlagen.

Das hat auch bei Baerbock deutliche Spuren hinterlassen. Die Verunsicherung war ihr bei öffentlichen Auftritten anzusehen. Und so wurde der Wahlkampf, bevor er überhaupt richtig begonnen hatte, zu einer brutalen Fahrt im Gegenwind. Es dauerte lange, bis inhaltliche Fragen wieder in den Vordergrund rückten. Bei den TV-Dreikämpfen agierte sie offensiv, konnte in den Umfragen aber vor allem in den Kategorien Sympathie und Tatkraft punkten. Der Befund: nett, sympathisch, sicher auch fachlich kompetent. Aber Kanzlerin? Wohl eher nicht.

Fehler liegen nicht nur bei Baerbock

Erhebung von infratest dimap zeigen, dass sie vor allem die ältere Wählerschaft nicht überzeugen konnte. Und die Jungen machen nur einen kleinen Anteil aus. Sicher, es gab - nicht öffentlich - auch Diskussionen, ob es mit Habeck besser gelaufen wäre. Der Beweis lässt sich rückwirkend nicht führen. Darüber hinaus wäre es viel zu einfach, alle Schuld für das Endergebnis bei der Spitzenkandidatin abzuladen.

Bundesgeschäftsführer Michael Kellner gibt "schlechte Krisenkommunikation" zu. "Die Partei war am Limit - und drüber", sagt am Abend ein Parteistratege. Und es war die gesamte Partei, der es stellenweise nicht gelang, die eigenen Positionen verständlich zu machen. Das Energiegeld als sozialer Ausgleich zum steigenden CO2-Preis ist dafür nur ein Beispiel.

Starke Position am Koalitionstisch

Und jetzt? Auf der grünen Wahlparty ist keine Euphorie zu spüren, aber auch wahrlich keine betrübte Stimmung. Der Blick geht jetzt nach vorne. Jürgen Trittin, Spitzenkandidat bei der Bundestagswahl 2013, sieht die Grünen in einer "strategisch guten Position". Die weiteren Verhandlungen werden Baerbock und Habeck gemeinsam führen. "Das machen wir beide", so Habeck. Auf die "Substanz" komme es an. Eine Ampel könne gelingen, das schließe aber auch Jamaika-Gespräche nicht aus.

Eine Strategie könnte sein, dass zunächst Grüne und FDP versuchen, Differenzen zu überbrücken, um dann die möglichen größeren Koalitionspartner zu treiben. Eine solche Konstellation kennt Habeck aus Schleswig-Holstein. Doch insbesondere eine mögliche Koalition mit Union und FDP dürfte intensive parteiinterne Diskussionen auslösen. Hört man sich bei der Grünen Jugend um, löst das schon jetzt Unbehagen bis Widerstand aus.

Und dann wäre da die kommende Bundestagsfraktion, die deutlich jünger und linker ausfallen dürfte. Der Traum vom grünen Kanzleramt ist bei diesem ersten Anlauf geplatzt. Es muss nicht der letzte gewesen sein. Baerbock spricht am Abend von einem "Auftrag für die Zukunft". Vier Jahre erfolgreiche Jahre Regierungsbeteiligung könnten das Kampfgewicht der Kandidatin deutlich erhöhen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau extra am 27. September 2021 um 16:00 Uhr.