Die drei Kanzlerkanddiaten im TV-Triell | EPA
Interview

TV-Triell der Kanzlerkandidaten "Für Laschet geht es um Schadensbegrenzung"

Stand: 13.09.2021 12:04 Uhr

Die Rolle des Angreifers passe eigentlich nicht zu Laschet, sagt Kommunikationswissenschaftler Brettschneider. Im tagesschau.de-Interview rät er der Union, weniger auf den Kandidaten und mehr auf Themen zu setzen.

tagesschau.de: Herr Brettschneider, was hat Sie bei diesem TV-Triell überrascht?

Brettschneider: Es war klar, dass es für Armin Laschet eine der letzten Chancen ist und er in die Offensive gehen muss. Vor allem nachdem auf dem Parteitag der CSU eine sehr hohe Erwartungshaltung an ihn formuliert wurde. Laschet wollte aufzeigen, dass das Handeln von Olaf Scholz im Widerspruch zum SPD-Programm steht. Aber darauf war Scholz gut vorbereitet. Er hat offenbar aus dem ersten Triell gelernt, dass er Vorwürfe nicht weglächeln kann und er eine Reaktion zeigen muss.

Überraschend war, dass Scholz dabei weniger in die Verteidigung gegangen ist, sondern aus dem Vorwurf eine regelrechte Leistungsschau konstruiert hat. Scholz hat die Vorwürfe so am Ende sogar für sich nutzen können. Annalena Baerbock konnte einigermaßen entspannt zuschauen. Am Ende schneidet sie auch in den Umfragen als die sympathischste Kandidatin ab, da sie am wenigsten in diese Scharmützel verwickelt war.

tagesschau.de: Laschets Angriffe gingen vermutlich auf Kosten der Sympathiewerte ...

Brettschneider: Es ist ein Risiko solcher Angriffe. Das kann leicht verbissen wirken und zu Lasten der Sympathie gehen. Aber Sympathiewerte sind nicht ausschlaggebend, sie gehören zu den unwichtigsten Kandidateneigenschaften. Wichtiger sind für die Kandidaten die Werte der Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit - und die Gratwanderung, bei aller Attacke, nicht verkniffen rüberzukommen. Das ist Laschet gelungen.

tagesschau.de: Nehmen die Wählerinnen und Wählern denn Laschet die neue Rolle des Angreifers auch ab?

Brettschneider: Die Rolle des Angreifers passt nicht zu ihm. Als er den Parteivorsitz übernahm, zeigte er sich als Versöhner und Zusammenführer. Genau das ist ja das Problem der CDU: Ihr fehlt eine durchgängige Erzählung. Bei der Bewertung singulärer Ereignisse wie Trielle vergessen wir oft die langfristige Einbettung. Es ist nie der eine Auftritt, der alles herumreißen kann. Ein Triell muss Bestandteil einer guten Kommunikationsplanung über einen längeren Zeitraum sein. Das ist bei Scholz zu erkennen. Dort wirkt es wie aus einem Guss. Bei der Union war diese Strategie lange Zeit gar nicht erkennbar. Auch weil die Frage des Kandidaten schon mit Querelen versehen war. Die CDU-Parteizentrale hat versäumt, die Merkel-Nachfolge länger vorzubereiten. Das einzelne Triell hat nur einen Effekt, wenn es in eine größere Strategie passt. Dann ist es ein Instrument von vielen.

tagesschau.de: Konnte Laschet trotzdem punkten?

Brettschneider: Eine wichtige Funktion der Trielle ist, dass die Anhänger der Parteien für die letzten Wochen mobilisiert werden. Dass sie also in Gesprächen mit Nachbarn, mit dem Freundeskreis oder am Arbeitsplatz wieder für die CDU eintreten. Normalerweise muss diese Mobilisierung deutlich früher in einem Wahlkampf erfolgen. Dennoch ist dies Laschet beim Triell - nach den Umfragen von Infratest dimap - gelungen. Die zweite Gruppe ist die der unentschiedenen Wählerinnen und Wähler. Und die konnte keiner der Kandidaten wirklich erreichen.

Frank Brettschneider | picture alliance/dpa
Zur Person

Frank Brettschneider ist Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim. Er forscht unter anderem zur Politischen Kommunikation wie etwa Wahlforschung.

tagesschau.de: Wären die Stimmen der Parteianhänger nicht ohnehin die, die Laschet am Ende bekommen hätte?

Brettschneider: Normalerweise ja. Bei TV-Duellen haben in der Vergangenheit immer Menschen mit Parteibindung auch durch ihre parteipolitische Brille geguckt und sich bestätigt gefühlt. Aber das große Problem Laschets ist im Augenblick, dass viele CDU-Anhänger, wegen der großen Unzufriedenheit mit Laschet, sich in Umfragen für die SPD aussprechen. Diejenigen, die abtrünnig werden wollten, zurückzuholen, ist der erste Schritt, den er gehen muss. Ob ihm das gelungen ist, werden wir sehen.

tagesschau.de: Der Eindruck bleibt, dass alles, was Laschet derzeit macht, als falsch bewertet wird. Wie kommt er aus dieser Situation heraus?

Brettschneider: Laschet kommt da nicht mehr heraus. Es geht jetzt darum, Schaden zu begrenzen.

tagesschau.de: Was würden Sie ihm raten?

Brettschneider: Ich würde der Partei raten, weniger auf den Kanzlerkandidaten zu blicken, sondern mehr ihre Themen in den Mittelpunkt zu rücken. Die CDU hätte viel früher auf die Themen setzen sollen, bei denen ihr die größten Kompetenzen zugeschrieben werden. Das ist die innere Sicherheit, äußere Stabilität und Wirtschaft.

Dazu kommt das richtige Framing - also welcher Rahmen dieser Wahl aufgedrückt wird. Die erste Erzählung - Zweitstimme ist Kanzlerstimme - wird die der SPD sein. Scholz liegt vorne, die SPD wird den Kandidaten in den Vordergrund rücken. Die CDU wird hingegen die Zweitstimme als Richtungsstimme framen. Es geht demnach also nicht um den Kanzler, sondern um die Frage, welche politische Richtung eine Regierung in Deutschland haben wird. Das hat Laschet bei der Steuerpolitik und bei der CO2-Abgabe bereits versucht.

tagesschau.de: Welche Wirkung kann so ein TV-Triell überhaupt erzielen?

Brettschneider: Uns fehlen die Erfahrungswerte der TV-Trielle. Bei einer Dreierkonstellation gibt es andere Dynamiken und andere Abläufe. Einen wirklichen Meinungswandel erleben wir aber nur selten. Unentschlossene Wähler reagieren eher auf einzelne Aussagen. In diesem Triell gab es keine herausragenden Aussagen, die auch haften bleiben. Das war bei Schröder oder Merkel anders. Selbst wenn, dann sehen wir, dass dieser Effekt nach spätestens einer Woche wieder verschwunden ist. Es geht immer um die Frage, ob eine Geschichte für die nächsten Tage weitergesponnen wird. Und die sehe ich hier nicht. Es gibt keinen Aufreger über den man noch lange reden könnte. Das ist ein Vorteil für Scholz.

tagesschau.de: Was geschieht in den nächsten zwei Wochen?

Brettschneider: Scholz wird versuchen, Fehler zu vermeiden. Baerbock und Laschet werden auf die unentschiedenen Wählerinnen und Wähler zugehen und Inhalte zuspitzen. Sie werden versuchen, holzschnittartig die Unterschiede herauszustellen. Das Thema Geldwäsche ist wohl für die Unentschiedenen und die allgemeine Öffentlichkeit zu komplex. Vermutlich wird die CDU versuchen, deutlich zu machen, dass wer Scholz wählt, auch Esken, Kühnert oder die Linkspartei in der Regierung bekommt. Das wird aber vermutlich nicht reichen. Auf den eigentlichen Gamechanger müssen wir also noch warten.

Das Gespräch führte Dietmar Telser, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. September 2021 um 16:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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DrBeyer 13.09.2021 • 14:53 Uhr

@État de gauche 14:43

"Wäre die CDU eine Mitte-rechts Partei, wäre eine Koalition mit der AfD eine Selbstverständlichkeit." Nein, denn Sie haben offensichtlich eines noch nicht verstanden: Da die AfD zwar eine demokratisch gewählte, aber keinesfalls eine demokratische Partei ist, ist eine Koalition für jede andere im Bundestag vertretene Partei völlig ausgeschlossen. Auch für jede Mitte/Rechts-Partei.