Blick ins Studio während des dritten TV-Triells mit den Kandidaten Scholz, Baerbock, Laschet. | dpa
Analyse

Bundestagswahl 2021 Ein Wahlkampf in ungewöhnlichen Zeiten

Stand: 24.09.2021 17:11 Uhr

Drei Spitzenkandidaten und das Rennen komplett offen: Ein ungewöhnlicher Wahlkampf mit vielen Überraschungen geht zu Ende. Oft ging es um Sympathiewerte, aber auch um Sachfragen.

Eine Analyse von Christian Feld, ARD-Hauptstadtstudio

Es waren gut 450 Minuten: So lange haben Annalena Baerbock, Armin Lascht und Olaf Scholz nur in TV-Sendungen miteinander diskutiert. Hinzu kommen viele weitere Interviews, Wahlkampftermine und Reden auf Marktplätzen. Es gab also viele Gelegenheiten, bei denen über Wahlprogramme und politische Ideen gestritten wurde.

Christian Feld ARD-Hauptstadtstudio

Und doch hat sich bei manchen der Eindruck eines "merkwürdigen" Wahlkampfes festgesetzt, in dem Kleinigkeiten mehr Aufmerksamkeit bekamen als Zukunftspläne. Ein korrigierter Lebenslauf, ein unnötiges Buch, ein deplatziertes Lachen. Das sind die Stichworte, die den Befund vom inhaltsleeren Wahlkampf plausibel klingen lassen.

Doch es ist komplizierter. Die Ausgangslage war außergewöhnlich: Angela Merkel verlässt freiwillig das Kanzleramt. Nach 16 Jahren endet eine Ära. Gleichzeitig könnten die Aufgabe für eine kommende Bundesregierung kaum größer sein. Die Pandemie bleibt eine Belastung, sie droht Existenzen zu zerstören. Sie war auch ein deutlicher Fingerzeig, wo es digital im Land hapert. Und: Die Folgen des Klimawandels sind durch die zerstörerischen Fluten im Sommer den Deutschen noch greifbarer geworden.

Grüne Glaubwürdigkeit bekam Schrammen

Es schien der richtige Zeitpunkt zu sein für die Grünen und deren Ur-Thema Klimaschutz. Die erste grüne Kanzlerkandidatin warb im Frühjahr für Aufbruch, präsentierte sich als Alternative zum "Weiter so" der anderen Parteien. Doch bevor sie, die Parteivorsitzende ohne Regierungserfahrung, mit Inhalten Vertrauen aufbauen konnte, legte sie sich selbst Steine in den Weg. Ein unnötiges Buch mit vielen abgeschriebenen Passagen wurde zum Symbol für die Fehler. Entschuldigungen zum Trotz bekam die eigene Glaubwürdigkeit schwere Schrammen. Es sollte dauern, bevor Baerbock die Tiefschläge überwinden konnte.

Es war ein Wahlkampf ohne Gewissheiten. Das bekam auch Unionsmann Laschet zu spüren. Er lag in den zwar Umfragen zwar lange vorne. Doch seine Botschaften wirkten oft nicht klar genug. Die Unzufriedenheit darüber behielt Markus Söder, "Kanzlerkandidat der Herzen", nicht für sich. Und wenn es nicht rund läuft, kann ein kurzer Moment zum großen Problem werden. Krisensituationen wie ein Hochwasser sind eigentlich die Stunde der Macher. Laschet lacht einmal an falscher Stelle. Der Image-Schaden ist massiv.

Sympathiewerte und Sachthemen

Es sind die Schlagzeilen rund um Baerbock und Laschet, die über eine längere Strecke die Diskussion übertönen, welche inhaltlichen Vorstellungen die beiden haben. Lenkten die scheinbaren Kleinigkeiten von wirklich wichtigen Fragen ab? Ja und Nein. Wählerinnen und Wähler entscheiden in Deutschland nicht direkt, wer nach Merkel ins Kanzleramt einziehen soll.

Und dennoch spielen Fragen nach Image und Glaubwürdigkeit des Spitzenpersonals eine wichtige Rolle. Außerdem, so sagt Meinungsforscher Nico Siegel von Infratest Dimap: "Die Kritik, dass die Inhalte im Wahlkampf viel zu kurz kommen, ist nicht neu, die beobachten wir seit vielen Jahrzehnten." Inhalte hätten nach seiner Einschätzung bei dieser Wahl durchaus eine große Rolle gespielt. Als Beispiel nennt er die Diskussion über Wirtschafts- und Steuerpolitik.

Aufholjagd der SPD

Es war auch ein Wahlkampf mit Überraschungen. Olaf Scholz galt lange als abgeschlagen. Im Wahlkampf setzte er auf Ruhe, schien Fehler vermeiden zu wollen. Für das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" ließ sich in Merkel-Rauten-Pose ablichten. Versprechen: Veränderung plus Sicherheit. Scholz gelang eine Aufholjagd in den Umfragen, plötzlich ging er in Führung.

"Kein Charisma, bitte!" war ein Artikel der "New York Times" überschrieben. Die Deutschen hätten es gerne langweilig in der Politik. Der Kölner Psychologe Stephan Grünewald versucht regelmäßig, die Stimmung der Deutschen zu erspüren. Mit seinem Team führt er tiefenpsychologische Interview und Gruppendiskussionen. Auf eine ausgewiesene Wechselstimmung ist er vor der Wahl nicht gestoßen, stattdessen auf eine ambivalente Haltung.

Angst vor den "Jahrhundert-Herausforderungen"

Die "Jahrhundert-Herausforderungen" seien den Menschen durchaus klar, nicht aber, wie sie bewältigt werden könnten, sagt Grünewald im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio: "Sie spüren, dass eigentlich eine ungeheure Wandlung notwendig ist, haben aber gleichzeitig Angst davor." War es nun ein merkwürdiger, ein ungewöhnlicher Wahlkampf? Vielleicht. Mit Sicherheit war es ein Wahlkampf in ungewöhnlichen Zeiten.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 24. September 2021 um 15:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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Mauersegler 24.09.2021 • 21:55 Uhr

21:13 von kurtimwald Online

"Es sind nicht die ständig Online-Leute, die Mehrheiten ergeben. Es ist halt aufwändiger und teurer, diese Wähler zu erreichen." Deshalb machen die Wahlforscher ja auch keine Onlinebefragungen. Sie befragen einen repräsentativen Querschnitt Aug' in Aug', telefonisch oder schriftlich. Ausgewertet wird mit komplizierten Modellen. Ihr Einwand geht ins Leere.