Bartsch Sommerinterview draußen
Analyse

Bartsch im ARD-Sommerinterview Ein Hauch von Robin Hood

Stand: 01.08.2021 21:19 Uhr

Von den Reichen nehmen, den Armen geben - das ist das Lieblingsmotto von Linkspartei-Spitzenkandidat Bartsch. Das ARD-Sommerinterview hat aber auch gezeigt: Einiges, was im Wahlprogramm steht, will er so ernst nicht nehmen.

Von Kerstin Palzer, ARD-Hauptstadtstudio

Regenfronten über Berlin machen es schwierig. Der erste Anlauf zum Sommerinterview muss abgebrochen werden, der Spitzenkandidat der Linkspartei steht im Regen. Doch dies ist - wenn man Dietmar Bartsch beobachtet - lediglich tatsächlich der Fall, nicht im übertragenen Sinn. Bartsch gibt sich gelassen. Und das sowohl im Nassen als auch etwas später im Studio, nach einem Zwangsumzug der Senderegie.

Kerstin Palzer ARD-Hauptstadtstudio

Der Spitzenkandidat wirkt entspannt und optimistisch. Sechs Prozent in aktuellen Umfragen scheinen Bartsch nicht aus der Ruhe zu bringen. "Die Küken werden im Herbst gezählt", meint Bartsch und will damit offenbar noch einen großen Erfolg der linken Wahlkampagne bis zur Bundestagswahl ankündigen.

Bartsch lockert Parteilinie auf

Dafür zieht er bei den politisch kniffligen Fragen auch mal seine ganz eigene Linie durch und lockert die Parteilinie dabei auf. Fast nebenbei ergänzt Bartsch die rigorose Linie seiner Partei, dass die Bundeswehr aus allen Auslandseinsätzen abgezogen werden muss. In Zypern beispielsweise gelte das nicht, findet Bartsch. Dafür fabuliert er lieber davon, dass eine Welt ohne Armeen doch ein Traum und eine "wunderbare Utopie" sei. Das klingt so vage, dass man es als politische Forderung nicht ernst nehmen kann.

Mal wieder drängt sich der Eindruck auf, hier spricht jemand, der weiß, was für Kompromisse nötig sind und sein werden, wenn die Linke als Koalitionspartner in Frage kommen will. Schon früher hatte Bartsch gesagt, dass seine Partei nicht erst an Koalitionsgesprächen teilnehmen wird, wenn die NATO abgeschafft ist. Ein Realo durch und durch.

Spagat zwischen den Strömungen der Partei

Das zeigt sich auch, als es um die Hilfseinsätze der Bundeswehr in den Hochwassergebieten in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen geht. Selbst wenn im Wahlprogramm der Linkspartei steht, dass die Bundeswehr nicht als planmäßige Kompensation für den Katastrophenschutz herangezogen werden solle, findet Bartsch es gut, dass man es jetzt gemacht hat. "Richtig und vernünftig" nennt er die Hilfe der Soldaten im Hochwassergebiet.

Es ist ein Spagat zwischen den linken Strömungen in seiner Partei und dem Werbefeldzug dafür, dass Bartsch bei einer grün-rot-dunkelroten Regierung unbedingt mitregieren will. Dass diese Koalition zurzeit nach allen Umfragen gar nicht möglich wäre, ist etwas, was der Spitzenkandidat nicht hören will.

Steuerliche Entlastungen für viele Arbeitnehmer

Was Bartsch dagegen in den Fokus stellt, ist die Wählbarkeit der Linken für große Bevölkerungsgruppen. Viele Menschen sollen steuerlich entlastet werden, sogar Unternehmen. "Wir sind doch nicht behämmert", sagt Bartsch. "Unternehmen sind wichtig, dass wir Arbeitsplätze haben, dass ordentlich bezahlt wird."

Am fröhlichsten wirkt Bartsch, wenn man ihn fragt, wie die Linkspartei all die Wahlkampf-Geschenke, die sie verspricht - zum Beispiel einen Mindestlohn von 13 Euro, deutlich mehr Urlaub für alle, einen kostenlosen Personennahverkehr - gegenfinanzieren will. Dann erklärt er seine neue schöne Welt, in der es deutlich unangenehmer werden soll für Milliardäre und Millionäre. Von denen will er nehmen, um vielen anderen zu geben. Da lässt er nicht gelten, dass dann auch etliche Unternehmen Deutschland verlassen könnten.

Der Gegensatz zwischen denen, die Milliarden verdienen und Kindern in Armut, das ist das Thema, mit dem Bartsch das Ruder in diesem Wahlkampf-Sommer noch herumreißen will. Ein Hauch von Robin Hood umweht ihn dann. Abwarten, ob die Wählerinnen und Wähler ihm, aber vor allem seiner Partei, das abnehmen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 01. August 2021 um 15:00 Uhr und Bericht aus Berlin am 01. August 2021 um 18:05 Uhr.

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

avatar
nie wieder spd 01.08.2021 • 23:37 Uhr

@ um 22:47 von État DE gauche

„Falls Sie mit "anders" besser meinten: wo hat die Linke, oder Linkspartei-ähnliche Politik jemals in der realen Welt zum Erfolg geführt?“ Wo ist eine solche, linke Politik denn jemals ernsthaft versucht worden?