Annalena Baerbock im Sommerinterview der ARD | EPA
Analyse

Baerbock im ARD-Sommerinterview Kein Fehler - aber auch kein Impuls

Stand: 22.08.2021 22:24 Uhr

Nach einem Wahlkampf mit Patzern will Grünen-Kanzlerkandidatin Baerbock die Wende schaffen. Im ARD-Sommerinterview räumte sie Fehler ein und gab sich kämpferisch - doch so richtig schien der Funke nicht überzuspringen.

Von Kristin Joachim, ARD-Hauptstadtstudio

Kerzengerade sitzt Annalena Baerbock auf ihrem Sessel. Für die gesamten fünfundzwanzig Minuten des Interviews ist ihr die Anspannung und Konzentration anzusehen. Das Momentum zeigt für die Grünen gerade nach unten. Nur noch fünf Wochen bleiben, um den Trend zu drehen.

Kristin Joachim ARD-Hauptstadtstudio

Die Kanzlerkandidatin der Grünen weiß, dass sie hier zugleich die Chance hat, viele Menschen davon zu überzeugen, am 26. September doch ihr Kreuz bei den Grünen zu machen und gleichzeitig das Risiko besteht, dass ihr vielleicht doch ein Fehler unterläuft, der ihr Image weiter beschädigt.

"Wir können dieses Land erneuern"

Ihre Strategie wird schnell klar: Die Kanzlerkandidatin Baerbock nimmt sich zurück, stellt die Partei nach vorn, die Inhalte, den Teamgedanken und betont die Wechselstimmung in der Gesellschaft. Besonders deutlich wird das bei der Frage, ob sie nach den Rückschlägen der letzten Monate noch die Richtige fürs Kanzleramt sei. Es ginge doch darum, deutlich zu machen:

Wir können dieses Land erneuern, und zwar nicht als eine Person, nicht nur als Kanzlerkandidatin, als Kanzlerin alleine, sondern mit den vielen Menschen, die dieses Land gemeinsam voranbringen wollen. Und vor allen Dingen auch mit vielen, vielen grünen Menschen bei uns im Team. Es geht also auch darum, eine andere Art von Politik im Kanzlerinnenamt zu machen.

Baerbock wirbt um Vertrauen

Auf die Fehler der Vergangenheit angesprochen, redet Baerbock diese nicht klein. "Ja, es gab Rückschläge, auch in der Kandidatur." Das nächste Buch, das sie schreiben wolle? Eine Neuauflage des ersten Buches, denn darin habe sie zu viele Fehler gemacht. Welcher Fehler passiert ihr kein zweites Mal? Zu viele Dinge gleichzeitig tun.

Baerbock wirbt offensiv um Vertrauen, sie spricht die Zuschauer sogar direkt an, gerade bei ihrem Kernthema Klimaschutz. Hier macht sie deutlich, dass es nur mit den Grünen eine Chance auf einen Wandel gebe: "Wir sind fünf Wochen vor einer Bundestagswahl. Sie, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, können sich entscheiden, wollen wir weitermachen wie bisher. So tun, als geht uns die Klimakrise nichts an?"

Baerbock will dabei auch nahbar erscheinen. Sie wirbt um Vertrauen, nicht nur als Kanzlerkandidatin, sondern auch als Frau, als Mutter, "die mitten im Leben steht, doch deutlich zu machen, ich weiß, wo es drängt. Ich weiß, wo der Schuh drückt, gerade, wenn man zum Beispiel keinen Kita-Platz bekommt."

Keine Rücktrittsforderungen, aber ein paar Seitenhiebe

Angriffslustig zeigte sich Baerbock beim Thema Afghanistan. Sie forderte für die nächste Legislaturperiode einen Afghanistan-Untersuchungsausschuss, "unabhängig davon, wer dann die Regierung anführt. Das, was an Desaster passiert ist, das können wir nicht einfach verschweigen, weil es geht darum, aus diesen Fehlern zu lernen", so Baerbock. Gleichzeitig ist sie bemüht, nicht über das Ziel hinauszuschießen. Mit Rücktrittsforderungen hält sie sich zurück.

Seitenhiebe versetzt sie den Kanzlerkandidaten von CDU und SPD, Armin Laschet und Olaf Scholz in der Steuerpolitik und vor allem beim Klimaschutz. Mit Scholz und Laschet gebe es hier nur ein "Weiter so". Es brauche aber einen klimagerechten Umbau der Gesellschaft.

Beim Kernthema der Grünen geht Baerbock besonders ins Detail, ist faktenorientiert. Die Botschaft geht dabei irgendwie etwas verloren. Vielleicht ist das auch das Grundproblem der Grünen: Obwohl das Klimathema gerade Konjunktur hat, schaffen sie es nicht, aus ihrem Umfragetief herauszukommen. Wie Klimaschutz sozial gerecht gestaltet werden kann, lässt sich auch schlecht in kurze Wahlkampfslogans packen. Am Ende hat Baerbock keine Fehler gemacht. Um eine Kehrtwende in den Umfragen einzuleiten, fehlte aber der klare neue Impuls.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 22. August 2021 um 18:05 Uhr im "Bericht aus Berlin - Sommerinterview".