Alice Weidel und Tino Chrupalla (l), die AfD-Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl, stehen zum Auftakt der Wahlkampftour der AfD auf der Bühne in Schwerin. | dpa
Analyse

Wahlkampfauftakt der AfD Auf der Suche nach dem Aufbruch

Stand: 12.08.2021 03:39 Uhr

Sätze, die nicht zünden. Ein Publikum, das nur langsam auftaut. Von der Euphorie früherer Zeiten ist bei der AfD derzeit wenig zu spüren. Das zeigt sich auch beim Wahlkampfauftakt. Was fehlt?

Eine Analyse von Kilian Pfeffer und Martin Schmidt, ARD-Hauptstadtstudio

"Liebe. Mutter, Vater, Kinder", steht auf einem AfD-Schild, das zentral vor der kleinen Wahlkampfbühne steht. Es ist das, was die Partei unter einer "normalen" Familie versteht. Auch im Wahlprogramm wird auffällig nur diese Form der Familie genannt. Fast provozierend also, wie ein kleines Outing vor Publikum wirkt da, was die lesbische Spitzenkandidatin Alice Weidel dann über ihre eigene Familie sagt. Sie habe schon früh gewusst, sagt die Spitzenkandidatin, dass sie eine Familie haben wolle. So wie sie es bei sich zu Hause kennengelernt habe.

Kilian Pfeffer ARD-Hauptstadtstudio
Martin Schmidt ARD-Hauptstadtstudio

"Ich wusste eben auch, dass es für mich nicht einfach werden würde", sagt Weidel. "Gerade deshalb bin ich so stolz auf die Familie, die ich mir mit meiner Partnerin aufgebaut habe." Sätze, die ein wenig klingen, als wolle sie betonen, dass sie damit doch auch "normal" sei. Doch sie laufen ins Leere, das Publikum wirkt am Alten Garten in Schwerin vor der prächtigen Kulisse des Schlosses seltsam unberührt.

Dass Weidel so überraschend offen über ihr Privatleben spricht, hat noch einen weiteren Grund. Immer wieder wird parteiintern beklagt, dass die Fraktionschefin ihren Führungsaufgaben nicht nachkommt, nicht an Telefonkonferenzen teilnimmt, Termine spontan absagt.

Auch im Wahlkampf wird sie deutlich weniger Termine als Tino Chrupalla wahrnehmen, bestätigt die AfD-Bundesgeschäftsstelle. Parteifreunde fragen sich, wieviel Lust sie tatsächlich auf die Aufgabe als Spitzenkandidatin hat. Mit ihren Sätzen geht Weidel jetzt in die Offensive. Doch bisher hat man innerhalb der AfD wenig Rücksicht genommen auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Erst später, als Weidel die Platte mit den klassischen AfD-Hits auflegt - gegen die Regierung wettern, sich über kriminelle Asylbewerber beschweren - tauen die rund 350 Zuhörerinnen und Zuhörer etwas auf. Von der Stimmung beim zurückliegenden Bundestagswahlkampf ist man allerdings noch viele Dezibel entfernt.

Alternative sucht alternative Themen

Woran liegt es, dass die AfD nicht durchzudringen scheint? Der Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder vom Wissenschaftszentrum Berlin sieht die Partei in der Krise und in der Defensive. Auch wegen ihrer innerparteilichen Streitereien, vor allem darüber, wie entschieden man sich von Rechtsextremisten abgrenzen sollte. "Vor allen Dingen: Sie hat kein Thema, mit dem sie im Wahlkampf wirklich punkten kann, was die Leute elektrisiert, und was sich augenblicklich auf der Tagesordnung befindet - anders als die Migrationskrise 2017."

Im Publikum sind viele AfDler und Mitglieder der Jungen Alternative. Aber auch Zuhörerinnen und Zuhörer, die sagen, dass sie einfach mal einen Eindruck von der AfD bekommen wollen. Sie finden Weidels Rede gut. Sie spreche aus, "was jedem ehrlichen Deutschen am Herzen liege", sagt ein Herr um die 60. Ihm sei wichtig, "aus dieser Diktatursituation herauszukommen und wieder freiheitlich leben zu können, seine Grundrechte wahrnehmen zu können, ob geimpft oder nicht." Seine Frau ergänzt: Sie habe das Gefühl, man dürfe nicht mehr sagen, was man denke.

Alice Weidel auf einer Bühne zum Wahlkampfauftakt in Schwerin. | picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Alice Weidel beim Wahlkampfauftakt in Schwerin Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Malerhose und Rhetorikcoach

Auftritt Tino Chrupalla. Gerade hatte der Handwerksmeister aus Weißwasser bei Görlitz noch eine Malerhose an, zu Showzwecken sozusagen, jetzt steht er im Anzug auf der Bühne. Aber mit dem Kostümwechsel verschwindet auch die Fähigkeit, authentisch als Malermeister zu sprechen. Chrupalla hat an seinen Auftritten gearbeitet, seit längerer Zeit berät ihn ein Rhetorikcoach intensiv. Doch er wirkt immer noch recht hölzern, wenn er davon spricht, dass man das Wahlergebnis "konsolidieren" müsse, wenn er "die Erosion der föderalen Struktur" beklagt, oder wenn er mit "spitzer Nadel in den Luftballon der Medien" stechen will.

Chrupalla spricht viel über Stolz, über das Vaterland. Und dass die AfD die einzige vernünftige Partei sei, dass die anderen Parteien gestoppt werden müssten: "Wir werfen uns dem Zeitgeist nicht an den Hals, wir biedern uns nicht an, wir verkaufen nicht unsere Seele", ruft der Spitzenkandidat. Doch gab es 2017 auf vielen Marktplätzen für die AfD noch großen "Endlich-sagt-es-mal-jemand"-Jubel, verhallen seine Worte nun zwischen den Deutschlandfahnen.

Ein Aufbruch sieht anders aus

Ohnehin ist Weidel der größere Star. Während Chrupalla spricht, muss Weidel neben der Bühne einen regelrechten Selfie-Marathon absolvieren und viele Hände schütteln, während sie Journalisten zur Begrüßung den Ellenbogen bietet.

Viele in der Partei hatten gehofft, dass von diesem Wahlkampfauftakt eine Aufbruchstimmung ausgeht, ein starker Impuls, mit dem man den Abwärtstrend der Partei stoppen könnte. Nach diesem Abend sieht es eher nicht danach aus.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. August 2021 um 05:50 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".