Wahlkampfveranstaltung der AfD in Bayern. | dpa
Analyse

AfD im Wahlkampf Auffällig unauffällig

Stand: 15.09.2021 17:50 Uhr

Kaum Provokationen, kaum Empörung - die AfD fällt im Wahlkampf nicht weiter auf. Intern spitzen sich jedoch die ungeklärten Machtfragen zu. Und manche AfDler blicken mit Sorge in die nähere Zukunft.

Eine Analyse von Martin Schmidt, ARD-Hauptstadtstudio

Sie ist ruhig geblieben, hat ihre Botschaften untergebracht und nicht allzu heftig ausgeteilt - einige in der AfD haben am Montagabend tief durchgeatmet. Bei gleich zwei großen Diskussionsrunden in ARD und ZDF mit den Spitzenkandidaten der Oppositionsparteien war Alice Weidel dabei. Beide Male hat sie diese auch bis zum Ende absolviert.

Martin Schmidt ARD-Hauptstadtstudio

Das war im Wahlkampf 2017 noch anders: Damals hatte sie das Fernsehstudio nach Fragen zum rechtsextremistischen Thüringer AfD-Landesvorsitzenden Björn Höcke erbost verlassen und seitdem immer wieder Journalisten in Interviews harsch angeblafft.

Berater für Weidel und Chrupalla

Einige Parteifreunde, die Weidel gerne "Eisprinzessin" nennen, fürchten daher vor ihren Auftritten um die Außenwirkung der AfD. Doch Weidel hat dazugelernt, sich beraten lassen, lächelt Angriffe der politischen Gegner heute deutlich entspannter weg.

Auch ihr Co-Spitzenkandidat Tino Chrupalla hat Berater um sich, darunter einen Trainer, der seit seiner Wahl zum Parteivorsitzenden daran arbeitet, ihn in Interviews souveräner aussehen zu lassen. Auch wenn das noch nicht immer gelingt: Jüngst fiel ihm im Interview mit einem ZDF-Kinderreporter kein deutsches Lieblingsgedicht ein.

Dass es im Wahlkampf erstaunlich ruhig um die AfD ist, liegt aber nicht nur daran, dass sich das Spitzenkandidaten-Duo in Selbstbeherrschung versucht. Auffällig ist, wie sich die anderen Parteien, die Medien und auch die Wähler an die AfD gewöhnt haben. "Wir sind die langweiligste Partei im Wahlkampf", so beschreibt es ein Mitglied des Bundesvorstands. In Koalitions-Gedankenspielen sei die AfD außen vor - keiner will mit ihr und auch sie würde mit niemandem ernsthaft über eine Zusammenarbeit sprechen.

Die Erregung bleibt aus

War noch vor Jahren jede Provokation für eine skandalträchtige Schlagzeile gut, bleibt die große Erregung heute aus. So zum Beispiel bei einem zentralen Wahlkampfthema, dem Klimaschutz: Die AfD sieht keinen maßgeblichen Einfluss des Menschen auf den Klimawandel. Sie rät in ihrem Wahlprogramm schlicht, der Erwärmung positiv zu begegnen. Eine These, die beim politischen Gegner nur noch Schulterzucken auslöst.

Ähnlich sieht es bei anderen Themen aus: Mit den Forderungen nach einem deutschen Austritt aus der Europäischen Union oder dem sofortigen Ende aller Corona-Schutzmaßnahmen stellt sich die AfD ohnehin gegen die breite Mehrheit der Bevölkerung - anders als sie es stets zu vermitteln versucht.

Stabile Umfragewerte

Das ist wohl einer der Gründe, warum die Partei für sich eine "gläserne Decke" in den Wahlumfragen erreicht hat, wie mancher in der AfD vermutet. Seit Monaten stehen sie zwischen zehn und zwölf Prozent. Im Vergleich mit anderen Oppositionsparteien ist das zwar erstaunlich stabil, dennoch auf einem zu niedrigen Niveau, um dem eigenen Anspruch "Volkspartei" gerecht zu werden.

Viele AfD-Wahlkämpfer merken dieser Tage den Unterschied zu 2017: Vor den Bühnen auf den Marktplätzen ist oft deutlich weniger los. Damals konnte die Partei noch mit ihrer Haltung zur Flüchtlingspolitik punkten und viele Nichtwähler anlocken.

Veranstaltungen "für die eigene Blase"

"Früher wollten viele mal gucken kommen, wer wir sind", erzählt ein Bundestagsabgeordneter. Heute dagegen komme kaum noch jemand, um sich wirklich zu informieren: "Wir machen die vielen Veranstaltungen hauptsächlich für die eigene Blase", meint er und erklärt so auch die stabilen Umfragen. Auf Dauer müsse die Partei jünger, netter, humorvoller werden - und sich weniger mit sich selbst beschäftigen, ist er sich sicher.

Internes Gerangel

Denn während die AfD nach außen zurzeit sehr ruhig wirkt, spitzen sich die ungeklärten Machtfragen intern weiter zu. Da sind die Posten, die die kommende Bundestagsfraktion zu vergeben hat. Waren viele Neulinge vor vier Jahren noch etwas blauäugig in ihr AfD-Bundestagsabenteuer gestartet, haben sich Ansprüche entwickelt. "Wir haben es hier fast ausschließlich mit Egoisten zu tun, von denen jeder etwas werden will", heißt es aus dem Bundesvorstand. Da Alexander Gauland nicht mehr anstrebt, Fraktionsvorsitzender zu werden, wollen Chrupalla und Weidel künftig als Duo führen. Doch der Widerstand vor allem gegen Weidel regt sich schon länger.

Weidels Familienmodell

Mitunter fällt in Gesprächen die Wortwahl auch gegenüber Weidels Familienmodell heftig aus - sie lebt zusammen mit ihrer Lebensgefährtin und zwei Kindern. Im Kontrast dazu steht im AfD-Wahlprogramm, die Familie als Keimzelle der Gesellschaft bestehe aus "Vater, Mutter und Kind". Homophob äußerte sich kürzlich auch Thüringens AfD-Landeschef Höcke auf einer Wahlkampfveranstaltung, als er Polizisten, die Gegendemonstranten nicht beruhigen wollten, vorwarf, "verschwuchtelt" worden zu sein.

Weidel bekommt dieser Tage erneut zu spüren, dass ihre Parteifreunde nicht gerade zimperlich miteinander und vor allem mit ihr umgehen. Es gibt längst konspirative Treffen, Chat-Gruppen - das übliche AfD-Umsturz-Planungsprogramm. Am Ende jedoch könnte es wie so häufig scheitern, sagt einer: Viele wollten Weidel loswerden, "aber wenn sich dabei selbst alle als Nachfolger ansehen, wird es schwierig."

Eine unbeherrschbare Fraktion?

Ohnehin werde sich die künftige AfD-Fraktion noch schwerer führen lassen, heißt es selbst aus dem Lager der Spitzenkandidaten. Auf den Landeswahllisten stehen auf aussichtsreichen Plätzen einige Personen, die mit ihrem selbstbewussten Auftreten, ihrer extrem rechten Einstellung oder auch beidem kombiniert für Aufsehen sorgen dürften.

So haben sehr viele der Bundestagsabgeordneten ein klares Wahlziel: Das Ergebnis von 2017 irgendwie halten, auf jeden Fall zweistellig bleiben - aber bitte nicht deutlich besser abschneiden. "Die Fraktion darf nicht zu groß werden", ein Satz, den viele der bisherigen Abgeordneten in Hintergrundgesprächen bestätigen. Das werde sonst unbeherrschbar. "Mitregieren werden wir ja eh noch nicht", erklärt einer - auf die genaue Zahl der Abgeordneten komme es daher sowieso nicht an.