AfD-Parteichef Jörg Meuthen und die Soitzenkandidaten Tino Chrupalla und Alice Weidel  | REUTERS
Analyse

AfD nach der Bundestagswahl Zurück im Machtkampf

Stand: 27.09.2021 15:55 Uhr

Im Wahlkampf galt ein Burgfrieden, doch schon am Tag danach ist die AfD zurück im Machtkampf. Das liegt auch am Wahlergebnis, das ein deutliches Ost-West-Gefälle aufweist.

Eine Analyse von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Manchmal sagen Gesten mehr über die innere Spaltung einer Partei als Worte: AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel bescheinigte sich selbst in der "Elefantenrunde" von ARD und ZDF, vier Jahre eine "sehr erfolgreiche Fraktionsvorsitzende" gewesen zu sein und kündigte an, sich im Tandem mit Tino Chrupalla am Mittwoch zur Wiederwahl zu stellen. Als er das hörte, schlug AfD-Parteichef Jörg Meuthen - rund 15 Kilometer entfernt bei der Wahlparty in Berlin-Marzahn - für alle deutlich sichtbar die Hände über dem Kopf zusammen.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Der Kampf der Parteilager um die Deutungshoheit des AfD-Ergebnisses hatte bereits am Wahlabend begonnen und brach am Tag darauf für alle offen sichtbar aus.

"Wir haben mit dem Wahlprogramm und sicher auch mit den Spitzenkandidaten eher unsere eigene Blase bedient", kritisiert Parteichef Meuthen im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio. Soll heißen: Die AfD hat es aus seiner Sicht versäumt, der Union angesichts deren historisch schlechten Ergebnisses Stimmen abzuluchsen. Ein verbaler Tritt vor das Schienbein für das Spitzenkandidaten-Duo Chrupalla und Weidel.

"Ich lasse mir das Ergebnis nicht schlecht reden - von niemandem", konterte Weidel am Montag, die sich in der Bundespressekonferenz mit Meuthen ein handfestes Deutungs-Duell lieferte: Während Weidel das Ergebnis "stabil" nennt, legte Parteichef Meuthen mit dem Satz nach, er halte "Zufriedenheit für unangebracht".

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AfD aus Wählersicht

Zuwächse im Osten

Dass sich die AfD bereits am Tag nach der Bundestagswahl wieder öffentlich zerfleischt, hätten Beobachter kaum für möglich gehalten. Kaum auszudenken, was geschehen wäre, wenn die Partei  bundesweit unter die psychologisch wichtige Marke von zehn Prozent gerutscht wäre. Dies wäre innerparteilich zweifelsohne als Wahl-Debakel wahrgenommen worden.

So ist der blaue Balken zwar empfindlich auf 10,3 Prozent geschrumpft. Trotzdem können Weidel und Chrupalla nun weiter für sich beanspruchen, dass die AfD aus der bundesrepublikanischen Parteienlandschaft kaum mehr wegzudenken ist.

Der Haken daran: Dies ist vor allem auf die Zuwächse im Osten zurückzuführen. Stärkste Kraft ist sie in Sachsen und Thüringen mit rund einem Viertel der Stimmen, 16 Direktmandate hat sie erobert. Anders als im Westen, fühlt sich die AfD hier als "Volkspartei", wie sie sich immer wieder selbst nennt. Doch dieses Ost-West-Gefälle birgt für die Partei Gefahren, denn sie droht, die innere Spaltung noch zu vertiefen.

Radikalerer Rechtsaußenkurs

Denn die östlichen Landesverbände setzen auf einen deutlich radikaleren Rechtsaußenkurs als die im Westen: Allen voran Thüringens AfD-Chef Björn Höcke, der - vom Verfassungsschutz als "rechtsextrem" eingestuft wird. Und der regelmäßig die "Anbiederung" von Parteichef Meuthen an andere Parteien geißelt, im Wahlkampf Corona-Impfungen mit "Genmanipulation" gleichsetzte.

Die vom Ex-"Flügel" dominierten Ostverbände jedenfalls fühlen sich nun in ihrem Kurs bestätigt. "Wir werden natürlich schauen: Was haben wir in den östlichen Bundesländern besser gemacht als in den westlichen", bemerkt genüsslich AfD-Chef Chrupalla. "Es wäre gut, wenn man vom Osten lernt", stichelt auch Thüringens Co-Parteichef Stefan Möller. Parteienforscher prophezeien angesichts dessen bereits eine weitere Radikalisierung der AfD.

Jedenfalls ist es mit dem zuletzt weitgehend eingehaltenen Burgfrieden der Parteilager, der einen auffällig unauffälligen Wahlkampf ermöglichte, nun bereits wieder vorbei. Beim Parteitag im Dezember wird über den künftigen Bundesvorstand und damit auch den künftigen Kurs entschieden. Ob er wieder antritt, ließ Bundessprecher Meuthen zuletzt offen. Auf die Unterstützung von Weidel jedenfalls kann er dabei kaum hoffen.

Kampf um Fraktionsvorsitz

Deutlich früher jedoch steht eine weitere Vorentscheidung an: Bereits an diesem Mittwoch will sich das Spitzenkandidaten-Duo Chrupalla und Weidel zum Fraktionsvorsitzenden-Tandem wählen lassen. Chrupalla, den viele als "fleißigen Wahlkämpfer" loben, gilt dabei als gesetzt. Gegner von Weidel könnten jedoch versuchen, über die Fraktionsführung nicht im Paket, sondern einzeln abstimmen zu lassen, hört man aus der Partei. Meuthen ließ bereits durchblicken, dass er dies begrüßen würde. Wenn das gelänge, geriete Weidels Kandidatur ins Wanken

Dass sie angesichts eines weitgehend schlagzeilenarmen Wahlkampfs und eines nicht allzu überraschenden Wahlergebnisses gar nicht so sehr im Lichtkegel des öffentlichen Interesses stand, war für die AfD eine fast schon ungewohnte Rolle. Das hat sich angesichts des nun bereits wieder offen ausgebrochenen internen Machtkampfs schlagartig wieder geändert.    

Über dieses Thema berichtete Bayern 2 am 27. September 2021 um 16:00 Uhr.