Martin Schulz in Aachen | REUTERS

Vor der Wahl Kampf um die letzten Stimmen

Stand: 23.09.2017 17:17 Uhr

Es ist die letzte Wahlkampf-Runde - und ein Drittel der Wähler hat sich noch nicht entschieden. "Ran an den Speck", gab Merkel ihren Helfern auf der Zielgeraden mit. Und SPD-Kanzlerkandidat Schulz kündigte an: Er werde "kämpfen bis zur letzten Minute".

Am Tag vor der Bundestagswahl werben die Parteien letztmals um die Stimmen noch unentschlossener Bürger. Zwar liegen Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Union in den Umfragen weit vorne. Doch jeder Dritte hat sich demnach noch nicht entschieden - und vor allem diese Wähler wollen die Parteien auf der Zielgeraden noch erreichen.

CDU-Chefin Angela Merkel, die ihren offiziellen Wahlkampf bereits gestern beendet hatte, rief bei einem Termin mit jungen CDU-Wahlkämpfern in Berlin noch einmal zum Werben um die Unentschlossenen auf. "Ran an den Speck. Jede Stimme ist wichtig", sagte sie. Sie betonte, es sei wichtig, über soziale Gerechtigkeit zu sprechen. "Aber es ist genauso wichtig, dass wir darüber reden, wie wir unseren Wohlstand erarbeiten." Als weitere Ziele hob sie unter anderem Sicherheit, eine bessere digitale Ausstattung von Schulen, Familienförderung und Europa als Friedensprojekt hervor. Merkel besuchte auch ihren Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern.

Martin Schulz: "Es geht um richtig viel"

In Aachen hatte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz seinen voraussichtlich letzten Auftritt vor der Wahl. Nochmals warb er für einen Regierungswechsel unter seiner Führung. "Wir kämpfen bis zur letzten Minute", sagte er. "Ich glaube, ihr spürt das alle: Es geht um richtig viel." Der 61-Jährige forderte unter anderem Chancengleichheit, bezahlbaren Wohnraum, stabile Renten und einen Neustart in der Pflege. Es gelte, eine "Regierung der sozialen Kälte" und einen Erfolg der AfD zu verhindern, sagte er. "Es droht zum ersten Mal seit 1945, dass im Bundestag wieder die Totengräber der Demokratie das Wort ergreifen."

Enger Kampf um Platz drei

Auch im Kampf um Platz drei versuchen die Parteien noch einmal, Wähler zu mobilisieren. Bei seinem Auftritt in Düsseldorf beschwor FDP-Chef Christian Lindner die Zuhörer, seiner Partei nicht nur zurück ins Parlament, sondern auch zur Regierungsverantwortung zu verhelfen. In seiner einstündigen Rede kritisierte er die amtierende Große Koalition besonders für ihre Renten- und Einwanderungspolitik. Schwerpunkte setzte er auf die Themen Digitalisierung und Bildung.

Linken-Spitzenmann Dietmar Bartsch trat bei einer Veranstaltung in Rostock auf. Der DPA gegenüber zeigte er sich mit Blick auf den Wahlausgang optimistisch. Es habe sich im Wahlkampf gezeigt, dass die Ausrichtung auf die soziale Gerechtigkeit richtig gewesen sei. Viele Menschen hätten Sorge, ob sie dauerhaft die Miete bezahlen oder die Aufwendungen für Pflege und Gesundheit tragen könnten.

Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir von den Grünen tourten auch heute durch mehrere Städte. Auf Twitter schrieb Özdemir, morgen gehe es "um die Zukunft Europas". Ziel müsse eine ökologische und soziale Erneuerung des Kontinents sein. Die AfD-Spitzenkandidaten Alice Weidel und Alexander Gauland haben keine Wahlkampfauftritte mehr geplant.

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Rekorde im Bundestag und bei Bundestagswahlen

Populismus im Wahlkampf

Was der bisherige Wahlkampf auch gezeigt hat: Die Stimmung ist hitzig - vor allem in Ostdeutschland. Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, äußerte sich besorgt. "Diese Wut und der Hass, der dieser Tage auf der Straße zu beobachten ist, beunruhigt mich schon sehr", sagte er der "Berliner Zeitung". "Ich deute das als Ausdruck von Demütigung und Ohnmacht."

Krüger, selbst ehemaliger DDR-Bürger, sagte, viele Ostdeutsche hätten den tiefen Bruch 1989/90 und in den Folgejahren bis heute nicht verkraftet. Und es seien neue Risse in der Gesellschaft entstanden. Zwar werde die deutsche Einigung zu Recht als Erfolgsgeschichte erzählt. "Aber dieser Erfolg ist an denen, die da demonstrieren, häufig vorbeigegangen. Viele sind im neoliberalen Transformationsprozess aus der Bahn geraten, und es waren meist jene, die schon in der DDR nicht zu den Oberen gehörten."

Mit Blick auf das Erstarken der AfD sagte Krüger: "Wir können nur hoffen, dass wir am Wahltag nicht unser blaues Wunder erleben." Nach jüngsten Umfragen könnten die Rechtspopulisten mit elf bis 13 Prozent drittstärkste Kraft im Parlament werden.