SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz stellt sich in der Wahlarena den Fragen von Bürgern. | dpa

Wahlarena mit Schulz "Ihr Schicksal ist mir nicht egal"

Stand: 19.09.2017 01:45 Uhr

Knapp eine Woche vor der Wahl gibt Martin Schulz noch einmal alles: In der ARD-Wahlarena inszeniert er sich als Kümmerer - und scheint für jedes Problem eine Lösung parat zu haben. Das wird mitunter etwas peinlich.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Diese 75 Minuten dürften ganz nach dem Geschmack von Martin Schulz gewesen sein: Noch vor zwei Wochen im TV-Duell mit der Kanzlerin kam sein Thema soziale Gerechtigkeit kaum zur Sprache. In der ARD-Wahlarena hat er dieses Problem nicht. Im Gegenteil: Weite Strecken der Sendung kann er nutzen, um seine Programmpunkte anzubringen.

Sandra Stalinski tagesschau.de

Die zumeist zahmen Fragen der 150 repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ausgewählten Bürger bieten Schulz zahlreiche Steilvorlagen. Doch auch dort, wo er nicht danach gefragt wurde, bringt er seine Themen unter: Was die SPD tue, um die langen Arbeitszeiten von Eltern zu verringern, die sich in der Folge oft gar nicht mehr um ihre Kinder kümmern könnten? Dafür wolle die SPD eine Familienarbeitszeit beziehungsweise ein Familiengeld einführen. Das viel größere Problem seien aber eine Million fehlende Ganztagsschulplätze, Kitagebühren, sachgrundlose Befristungen und das Hangeln von einem Praktikum zum nächsten. All diese Baustellen will er angehen. Eine Frage - fünf Verbesserungsvorschläge.

Martin, der Kümmerer

Für jedes beschriebene Problem scheint Schulz in der Wahlarena eine Lösung parat zu haben. Seine "Nationale Bildungsallianz" mit zwölf Milliarden Euro Mehrausgaben soll die Lücke zu den skandinavischen Ländern schließen. Ein Neustart in der Pflege soll mehr Personal, mehr Pflegeplätze und 30 Prozent mehr Gehalt für Pflegekräfte bringen. Qualifizierung von Arbeitslosen soll Fachkräftemangel beheben.

SPD-Chef Schulz in der Wahlarena. | dpa

SPD-Chef Schulz in der ARD-Wahlarena Bild: dpa

Er inszeniert sich als Kümmerer - "ich nehme das mal als Anregung mit" -, als Mann, der die Sorgen der kleinen Leute kennt - "ich war, wie Sie wissen, Bürgermeister in Würselen" - und vor allem als einer, dem die Menschen dieses Landes am Herzen liegen - "ihr Schicksal ist mir nicht egal".

Schulz kann punkten

Peinlich wird dies, wo er es mit der emotionalen Anteilnahme übertreibt: Eine Mutter von sechs Kindern beklagt sich über ihren niedrigen Rentenbescheid und will wissen, wie er dieses Problem lösen will. Da verfällt Schulz in ein langes andächtiges Schweigen. So lange, dass die Fragestellerin schon irritiert fragt, ob er sie verstanden habe. Er habe eine Moment inne gehalten, weil er sich an seine Mutter erinnert fühlte, die fünf Kinder hatte. Was Schulz in diesem Moment nicht wissen kann: Die Kamera zeigt ihn nur von hinten, so dass sein Schweigen wirkt, als stünde er auf dem Schlauch.

Durch sein Bemühen, knapp eine Woche vor der Wahl nochmal alle SPD-Themen aufzuzählen, wirken Schulz' Antworten manchmal sprunghaft. Doch er kann an vielen Stellen punkten: Ob er genau wie Merkel gerade auch mit schwierigen internationalen Partnern auf Augenhöhe sprechen könne? Durch seine frühere Funktion als Präsident des Europäischen Parlaments kenne er die internationalen Staats- und Regierungschefs sehr gut. Doch er werde gegenüber Trump und Erdogan nicht so zurückhaltend sein wie Angela Merkel.

Unterschiede zur Union

Wie er die Waffenexporte in Krisengebiete beenden wolle? Ein Reduzieren deutscher Waffenexporte allein werde nicht reichen, antwortet Schulz - er will auch die Rüstung begrenzen. Und kritisiert Merkel: Die brauche - indem sie das Zwei-Prozent-Ziel der Nato akzeptiere - pro Jahr 25 bis 30 Milliarden mehr für die Rüstung. Sie wolle dieses Geld aus dem Bundeshaushalt nehmen. "Ich auch, aber für Kitagebührenfreiheit, die Investitionen in die Pflege, die Verkehrswende."

Der Herausforderer lässt keine Gelegenheit aus, um die Unterschiede zur Bundeskanzlerin und zur Union zu betonen. Auch das ist womöglich eine Lehre aus dem TV-Duell, wo die beiden Konkurrenten als sehr harmonisch wahrgenommen wurden.

Angesprochen auf die dramatische Entwicklung der Miet- und Immobilienpreise - eine junge Akademikerfamilie mit zwei Einkommen könne sich ein Haus in Darmstadt nicht mehr leisten - wirbt er für die Mietpreisbremse: "Ich wollte sie mit meiner Partei verschärfen, Merkel hat das abgelehnt". Schulz nutzt die Gelegenheit, um gleich nochmal für kostenlose Kitagebühren zu werben. Denn auch das würde die finanzielle Belastung der Fragestellerin schließlich senken.

Schulz in seinem Element

"Oh ja, es gibt Unterschiede und über die kann am 24. September abgestimmt werden", resümiert Schulz bei einem seiner Lieblingsthemen - der Musterfeststellungsklage gegen VW. "Ich bin der Einzige in Deutschland, der massiv auf diesem Thema beharrt", sagt er. Die Musterklage, verfasst von SPD-Justizminister Heiko Maas, der sich dann viele Betroffene anschließen könnten, liege vor. "Und wissen Sie, wo sie liegt? Im Kanzleramt!" Er habe die Kanzlerin x-mal danach gefragt., doch das Gesetz sei ihr nicht präzise genug. "Ja, dann schreiben Sie doch rein, was Sie präzisiert haben wollen."

Wie sehr Schulz bei der Tuchfühlung mit den Bürgern in seinem Element ist, wird ganz am Ende der Wahlarena noch einmal deutlich, als er sich gegen den Protest der Moderatoren noch einen Schlusssatz vorbehält: "So etwas wie das hier müssten Bundeskanzler einmal im Monat machen, irgendwo hingehen und sich das anhören."

Über dieses Thema berichtete die Wahlarena am 18. September 2017 um 20:15 Uhr.