Kanzlerin Angela Merkel und SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz | Bildquelle: dpa

Jörg Schönenborn zum TV-Duell "Da steckt noch Musik drin"

Stand: 04.09.2017 12:57 Uhr

Angela Merkel hat in der Summe im TV-Duell mehr überzeugt als Martin Schulz. Das sagt ARD-Wahlexperte Jörg Schönenborn im Gespräch mit tagesschau.de. Auf der Schlusslinie des Wahlkampfs werde es noch eine spannende Koalitionsdiskussion geben. Da stecke noch Musik drin.

tagesschau.de: Herr Schönenborn, wer hat sich besser geschlagen? Angela Merkel oder Martin Schulz?

Jörg Schönenborn: Martin Schulz ist ja Fußballer. Er hat ein paar Ecken herausgespielt, aber am Ende hat sich für Frau Merkel ihre Abwehr- und Mauertaktik bewährt. Dabei darf man nicht vergessen: Das Spiel hat nicht bei 0:0 angefangen. Die Menschen hatten vorher bereits ein klares Bild. Etwa 50 Prozent würden sich bei einer Direktwahl für Merkel entscheiden, etwa 25 Prozent für Schulz. Wenn Sie jetzt die Zahlen nach dem Duell daneben legen, ergibt sich fast das gleiche Bild. Schulz hat den Rückstand ein klein wenig verringert. Aber am Ende bleibt es einfach dabei, dass Merkel mehr Menschen überzeugt hat.

alt Jörg Schönenborn

Zur Person

Jörg Schönenborn ist seit 2014 Fernsehdirektor des WDR. Der Wahlexperte war zuvor seit 2002 Chefredakteuer des WDR Fernsehens. Schönenborn moderiert zudem den Presseclub im Ersten. Bekannt ist er dem Publikum vor allem als Wahlmoderator der ARD.

tagesschau.de: Bei den vergangenen Wahlen war es ja auch so, dass die Umfragewerte der Herausforderer der SPD nach dem TV-Duell kurz stiegen, am Wahltag haben aber weder Frank-Walter Steinmeier noch Peer Steinbrück davon profitiert. Hat Martin Schulz überhaupt eine Chance, den Rückstand auf Angela Merkel aufzuholen?

Schönenborn: Gut ein Drittel ist unentschieden. Von den verbleibenden zwei Dritteln neigt eine Mehrheit zu den Regierungsparteien Union und SPD und eine starke Minderheit zu den Oppositionsparteien. Das heißt, vielleicht 40 Prozent der Wahlberechtigten wollen im Moment ihr Kreuz für Merkel oder für Schulz machen. Alle anderen sind nicht überzeugt oder haben sich längst für Alternativen entschieden, also für andere Parteien. Insofern ging es gestern um einen Ausschnitt des politischen Spektrums, die breite Mitte. Aber daneben ist viel Platz, und es gibt viele Themen. Ich glaube, dass viele, die das TV-Duell gesehen haben, jetzt noch interessierter auf die anderen Parteien gucken.

Mehr zum Thema

tagesschau.de: Hätte man dann nicht auch andere Kandidaten einladen müssen?

Schönenborn: Das Duell ist Tradition, und für sich genommen ist es ja auch ein Gewinn, dass wir die beiden mal in einem Ring gesehen haben. Inhaltlich ging es gestern um Nuancen, nicht um klare Alternativen. Und wenn Sie sich mal die Bilder angucken, dann sehen Sie: Die bestimmende Geste des Duells war gegenseitiges Kopfnicken. Die beiden haben nicht nur zusammen Politik gemacht, sondern haben ja auch in den meisten Themen Übereinstimmung. Deshalb glaube ich - auch mit unserer Sendung heute Abend im Ersten (Der Fünfkampf nach dem TV-Duell, 20.15 Uhr) -, verschiebt sich der Fokus auf die anderen Parteien. Und das dürfte für viele Wähler noch spannender werden.

 tagesschau.de: Was ist denn den Wählern wichtig? Was wollen die Wähler von einer neuen Regierung?

Schönenborn: Ich glaube, dass die Wählerschaft im Moment ziemlich geteilt ist zwischen "Weiter so" und "Es muss sich etwas ändern". Die "Weiter so"-Fraktion ist sehr groß. Wir haben seit der Einheit keine Legislaturperiode gehabt mit so konstant sinkenden Arbeitslosenzahlen, mit so konstantem Wachstum. Wir haben, wenn man in andere Länder guckt, das Gefühl, auf einer Insel der Glückseligen zu leben. Angela Merkel und Martin Schulz stehen für dieses "Weiter so" - wenn auch mit leichten Nuancen.

Es gibt aber auch viele Menschen, die entweder das Gefühl haben: "Das reicht nicht, die Zukunft ist nicht so rosig wie die Gegenwart!" Oder auch jenen Teil, der eben sozial nicht so weich gebettet ist wie die breite Mitte. Und die wollen wissen: "Bleibt es ewig so, dass man von niedrigen Löhnen nicht leben kann." Und es gibt Menschen, die wollen wissen: "Bleibt es so, dass die Politik vor allem die Alten verwöhnt und nicht weiß, wie die Jungen das bezahlen sollen?" Und es gibt natürlich auch sehr viele Menschen, die sehen, wie digitale Technik die Welt verändert. Und die auch wissen, dass viele, viele Jobs in vier, in acht, in zwölf Jahren so nicht mehr da sein werden. Das sind zum Beispiel drei Zukunftsfragen und Zukunftsthemen, auf die es keine Antwort gab.

1/9

TV-Duell: So sehen es die Zuschauer

TV-Duell Blitzumfrage-Hauptumfrage: Wen fanden Sie überzeugender?

55 Prozent der Befragten fanden Angela Merkel überzeugender.

tagesschau.de: Obwohl die SPD ja versucht hat, eine Gerechtigkeitsdebatte in den Wahlkampf einzubringen. Aber wenn es um die Digitalisierung ging, blieben beide Kandidaten im TV-Duell schwammig …

Schönenborn: … was mich gewundert hat, weil im früheren Wahlkampf mal Bildungschancen und Vorbereitungen auf eine veränderte Berufswelt ja ein großes Thema waren.

tagesschau.de: Was macht denn die Union für die SPD so unangreifbar, was hat denn die SPD überhaupt für eine Chance, gegen die Union zu punkten, wenn sie sich auf diesen Feldern nicht profiliert?

Schönenborn: Ich glaube, man muss das historisch sehen. Der größte Einschnitt innenpolitisch in unserer jüngeren Geschichte waren die Arbeitsmarktreformen Mitte der 2000er-Jahre. Die sind bis auf Details von den beiden großen Parteien gemeinsam gewollt und beschlossen worden. Aber der SPD ist es von einem großen Teil ihrer Wählerschaft verübelt worden. Die SPD kämpft immer noch gegen den Verdacht, dass sie nicht wirklich etwas für die sogenannten kleinen Leute tut. Es ist ihr in zwölf Jahren nicht gelungen, diesen Verdacht vollständig auszuräumen. Auf der anderen Seite hat Frau Merkel sehr geschickt nicht nur in außenpolitischen Krisen agiert, sondern: Sie gibt ja letztlich allen Menschen das Gefühl, dass sie sich kümmert.

tagesschau.de: Was meinen Sie, welche Koalition wird am Ende herauskommen?

Schönenborn: Ich glaube, es gibt eine gute Chance, dass wir auf der Schlusslinie des Wahlkampfs eine spannende Koalitionsdiskussion haben. Denn je mehr Menschen sich jetzt der Entscheidung zuwenden, desto mehr werden sie rechnen: Wieviel ist Schwarz plus Gelb? Wieviel ist Schwarz plus Grün? Wieviel ist Schwarz plus Grün plus Gelb? Da der Wahlkampf bislang thematisch nicht viel Spannung gebracht hat, glaube ich, steckt da noch Musik drin.

Das Interview führte Günter Marks, tagesschau.de

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 03. September 2017 um 22:55 Uhr und das ARD-Mittagsmagazin am 04. September 2017 um 13:00 Uhr.

Darstellung: