Das Siegel des Bundesnachrichtendienstes | Bildquelle: dpa

Bundesnachrichtendienst Der Pakt mit den Paten des Terrors

Stand: 21.11.2018 04:37 Uhr

Der BND arbeitet mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI zusammen - ein fragwürdiger Partner, wie ARD-Recherchen zeigen: Denn der ISI unterstützt Terroristen - und der BND weiß das.

Von Thomas Reutter, SWR, und Daniel Harrich

Seit Jahren kooperiert der Bundesnachrichtendienst (BND) mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI, um an Informationen aus islamistischen Terrorzellen zu gelangen. Jetzt räumt erstmals ein ehemaliger BND-Chef ein, dass der ISI auch Terroranschläge gegen den Westen unterstützt. Diese Zusammenarbeit nennt der frühere BND-Präsident Gerhard Schindler im ARD-Interview "alternativlos". Um den nachrichtendienstlichen Auftrag zu erfüllen, müssten moralische Vorstellungen "hintangestellt" werden.

Der ehemalige ISI-Direktor, General Asad Durrani, der in Deutschland ausgebildet wurde, beschreibt das doppelte Spiel des ISI. Durrani war als ISI-Chef ein enger Partner des deutschen Nachrichtendienstes, Militärattaché und Botschafter in Berlin. Er ist einer von 380 pakistanischen Führungsoffizieren, die in Deutschland von der Bundeswehr ausgebildet wurden.

Schindler | Bildquelle: Diwafilm GmbH
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Ex-BND-Präsident Schindler: "Man muss seine Moralvorstellungen ein Stück weit hintanstellen."

Risiko der Kooperation bewusst eingegangen

Dass Durranis ISI den islamistischen Terrorzellen außerordentlich nahe stand, war dem BND von Anfang an klar. Deutschland setzte trotzdem - oder gerade deshalb - auf Pakistan, um an Informationen aus erster Hand zu kommen. Das Risiko dabei, mit Paten des Terrors zusammenzuarbeiten, ging der BND bewusst ein.

Schindler, der von 2012 bis 2016 BND-Präsident war, erklärt nun: "Der ISI ist ein riesiger Apparat, und es war nicht immer klar, welche Abteilung des ISI gerade mit uns zusammenarbeitete und welche Abteilung im Grunde genommen durch Unterstützung der Taliban oder durch Unterstützung von Al-Kaida gegen uns arbeitete."

Süffisant lächelnd sagt Durrani: "Wenn du gut bist, spielst du ein doppeltes oder dreifaches Spiel. Wenn du ein doppeltes Spiel spielst, spiel das Spiel - aber spiel es gut." ARD-Recherchen decken auf, wie der ISI die pakistanische Terrorgruppe Lashkar-e Taiba unterstützt, die für viele Anschläge verantwortlich ist, auch gegen deutsche Truppen in Afghanistan.

Asad Durrani, ehemaliger Leiter des pakistanischen Geheimdienstes ISI | Bildquelle: Diwafilm GmbH
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Ex-ISI-Chef Durrani: "Wenn du ein doppeltes Spiel spielst, spiel es gut."

Pakistanische Partner ausgerüstet und ausgebildet

Trotzdem setzt der Westen nach wie vor auf den ISI, rüstete die pakistanischen Partner aus, bildete sie weiter aus und unterstützte sie nach Kräften. Die ARD-Doku "Spur des Terrors" zeigt: Je stärker die Islamisten wurden, desto mehr investierten die Amerikaner, Briten und Deutschen in die pakistanischen Partner im Kampf gegen den Terror.

Der ISI hatte das Geschäftsmodell "Terror" entwickelt und perfektioniert. Erstaunlich offen sprechen darüber ehemalige Geheimdienstchefs wie Ernst Uhrlau und Michael Hayden. US-General Hayden war Direktor der CIA und der NSA und wirkt im Interview nachdenklich bis selbstkritisch. Über seine Zeit als Geheimdienstchef erklärt Hayden: "Pakistan war ein Verbündeter, aber ein Verbündeter aus der Hölle."

Michael Hayden | Bildquelle: Diwafilm GmbH
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Ex-CIA-Direktor Hayden: "Pakistan war ein Verbündeter aus der Hölle."

"Es ist ein schmutziges Geschäft"

Ein Pakt mit dem Teufel? Die Bundesregierung hält sich da eher zurück mit der öffentlichen Einschätzung ihrer Partner beim ISI im Kampf gegen den Terror: "Da kann man sich nie so sicher sein", sagt Markus Potzel, der Sonderbeauftragte der Bundesregierung für Afghanistan und Pakistan. Richard Kemp, ehemaliger Geheimdienstkoordinator des britischen Kabinetts, wird da sehr viel deutlicher: "Es ist ein sehr schmutziges Geschäft. Riesige Geldsummen werden von den USA, Großbritannien, Deutschland und der EU gezahlt, die letztendlich dafür genutzt werden, Anschläge gegen uns zu finanzieren."

Nehmen die Geheimdienste also bewusst die Finanzierung von Terroranschlägen in Kauf, um an Informanten und Verbindungsmänner heranzukommen? Der ehemalige BND-Präsident Ernst Uhrlau sagt, Deutschland sei auf die Partnerschaft mit dem ISI angewiesen: "Ohne ISI läuft und lief damals überhaupt nichts. Es ist allen Beteiligten klar gewesen, dass es ein Spiel hinterm Vorhang gab."

"Moralvorstellungen hinten anstellen"

Wo ist die rote Linie? Gibt es eine Grenze der Zusammenarbeit? Der ehemalige BND-Chef Schindler will sich da nicht festlegen. Für ihn gibt es in der Welt der Geheimdienste nicht die Guten und die Bösen. Und dann fügt er im Interview hinzu: "Das hat wahrscheinlich dieses Business so an sich, dass man seine Moralvorstellungen ein Stück weit hintanstellen muss, um seinen Auftrag erfüllen zu können."

Im Rahmen des Themenabends "Saat des Terrors" sendet das Erste um 21.45 Uhr die Dokumentation "Spur des Terrors".

Über dieses Thema berichtete das Erste am 21. November 2018 um 21:45 Uhr in der Dokumentation "Spur des Terrors".

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