Ein Mann spendet bei der Blutspende. | Bildquelle: dpa

Mangel an Blutspenden Bedrohlich blutarm

Stand: 03.09.2020 04:55 Uhr

Es gehört zu den Langzeitfolgen der Corona-Krise: Immer weniger Menschen spenden Blut. Die Bestände beim DRK sind bedrohlich leer - mancherorts reichen die Vorräte nur für anderthalb Tage.

Von Axel John, SWR

Wenn Patric Nohe morgens ins Büro kommt, öffnet er zuerst sein E-Mail-Postfach. Nohe ist Pressesprecher des Deutschen Roten Kreuzes in München. Schon zur frühen Stunde bekommt der Pressesprecher des Deutschen Roten Kreuzes in München die neuesten Daten zur Blutspende - und die sehen inzwischen schlecht aus.

"Die aktuelle Lage ist deutlich schlechter als im Corona-Lockdown. Damals hatten wir eine große Welle der Solidarität." Die Depots seien voll gewesen. "Aber inzwischen sind wir mit unseren Beständen am unteren Rand. Wenn die Leute jetzt zwei, drei Tage nicht kommen, haben wir ein ernsthaftes Problem." Der Vorrat an Blutkonserven beim DRK halte derzeit für anderthalb Tage.

Patric Nohe | Bildquelle: <SWR>
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DRK-Pressesprecher Nohe blickt mit Sorge auf die Zahlen.

Im Nordosten Deutschlands reichten die Reserven im Moment sogar nur für 24 Stunden. Das ist vom Normalzustand weit entfernt - der liegt bei vier Tagen. Blutpräparate haben eine maximale Haltbarkeit von 42 Tagen, daher können auf lange Sicht keine Vorräte gebildet werden. Darum ist eine kontinuierliche Spendenbereitschaft der Bevölkerung so wichtig. Daran fehlt es seit Wochen.

"Tut uns leid, wir können nicht liefern"

Bundesweit werden etwa 15.000 Konserven täglich gebraucht. Jetzt holen die Krankenhäuser die Operationen nach, die sie wegen Corona im Frühjahr verschoben haben. "Das Krankenhaus läuft jetzt wieder im Normalbetrieb", erklärt Gerd Engers aus Bad Kreuznach. Engers ist Anästhesist und Intensivmediziner im Diakonie-Krankenhaus. Rund 10.000 Operationen gibt es in der Klinik jedes Jahr. Engers bekommt den Mangel täglich zu spüren. "Die Situation ist angespannt - vor allem bei der Universalblutkonserve Null Negativ. Die können sie jedem Patienten im Notfall geben. Auf diese Konserve zuzugreifen, ist nicht mehr so leicht. Da hören wir vom DRK immer öfter: Tut uns leid, können wir nicht liefern."

Ein Mitarbeiter des DRK-Blutspendedienstes verstaut eine Blutkonserve in einem Kühlbehälter. | Bildquelle: dpa
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Bundesweit werden etwa 15.000 Konserven täglich gebraucht.

60 Prozent weniger Blut

Engpässe kann das DRK zwar noch ausgleichen. Die benötigten Blutgruppen werden dann aus anderen Landesteilen Deutschlands angeliefert. Das dauert aber. "Wenn es aber einen größeren Verkehrsunfall mit mehreren Verletzten gibt, fehlt dafür die Zeit", sorgt sich Mediziner Engers. Immerhin: Das Krankenhaus hat ein eigenes Depot, der Vorrat an Blut für die Versorgung sei gesichert. "Aber auch für uns wird es zunehmend schwieriger."

Daniel Beiser hört die Klagen aus Bad Kreuznach und hebt entschuldigend beide Arme in die Höhe. Er ist beim DRK-Blutspendedienst für Rheinland-Pfalz, das Saarland und Nordrhein-Westfalen tätig. "Die Krankenhäuser bekommen derzeit bis zu 60 Prozent weniger Blut, als sie bestellt haben. Ich bin seit zwölf Jahren mit dabei. So etwas habe ich noch nicht erlebt."

Daniel Beiser | Bildquelle: <SWR>
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So etwas habe ich noch nicht erlebt", sagt Daniel Beiser.

Schwankungen im Sommer gebe es seit Jahren immer wieder. Corona habe die Lage aber jetzt deutlich verschärft, schildert Beiser. Termine zum Spenden in Schulen oder Firmen könnten wegen der Corona-Auflagen weiter nicht stattfinden. Viele Unternehmen seien zudem nahezu verwaist, weil die Belegschaft im Homeoffice arbeitet.

Auch Blutspende-Busse fahren nicht. In den Fahrzeugen können die Abstände nicht eingehalten werden. Die Busse bleiben daher weiter in den Garagen. Beiser und seine Kollegen versuchen vieles, um einen Notstand abzuwenden. Sein Team setzt sich mit registrierten Stammspendern in Kontakt und bittet auch telefonisch im persönlichen Gespräch darum, Termine wahrzunehmen. Einladungen werden zweimal verschickt, über die Dörfer fahren Lautsprecherwagen. "Ich arbeite derzeit auch an einem neuen Social-Media-Konzept, um mehr Menschen über das Internet zu erreichen. Wir müssen in dieser neuen Situation auch neu werben. Wenn das aber so weitergeht, werden wir die Lieferungen an Krankenhäuser weiter kürzen müssen."

Plätze für Blutspender stehen in einem Veranstaltungsraum | Bildquelle: dpa
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Niemand da: Zu wenig Menschen spenden derzeit Blut.

Appelle und Hoffen

In München hat DRK-Pressesprecher Nohe gerade die neuen Daten auf den Tisch bekommen. Dass die Bereitschaft zum Spenden so gering sei, gehöre auch zu den Langzeitfolgen von Corona. "Nach zweieinhalb Monaten daheim wollen die Menschen natürlich raus, wegfahren, etwas mit Familie und Freunden erleben. Andere wiederum haben Existenzsorgen in der Firma. Da denken die Menschen nicht ans Blutspenden. Ich verstehe das selbstverständlich. Am Ende aber kommen dann weniger Bürger zu deutlich weniger Terminen, die wir aktuell anbieten können."

Nohe hofft jetzt auf die nächsten Wochen. "Der Sommer und die Ferien neigen sich dem Ende zu. Die Menschen sind wieder zuhause und kehren in ihren Alltag zurück. Vielleicht spüren wir das auch bei den Spende-Terminen." Sorgen macht Nohe und seinen Kollegen aber der Herbst. "Das ist neben dem Frühjahr die klassische Erkältungszeit. Mit Husten und Schnupfen geht kaum jemand zum Blutspenden - vor allem nicht in Corona-Zeiten." Und wie geht es jetzt konkret weiter? Nohe zuckt mit den Schultern. "Ein normales Jahr können wir einschätzen. Aber eine solche Pandemielage hatten wir noch nie. Wir schauen in die Glaskugel - und sehen nichts."

Anästhesist Engers in Bad Kreuznach versucht sich inzwischen selbst zu helfen. Mit einem Verfahren mit Eiseninfusion können Patienten auch eigenes Blut bilden, dass ihnen dann bei einer größeren Operation wieder verabreicht wird. "Diese Vorgehensweise hat nicht nur, aber auch mit der aktuellen Krise zu tun", erklärt Mediziner Engers. "Wenn die Spender fehlen, müssen wir uns Alternativen überlegen, um an Blut heranzukommen."

Über dieses Thema berichtete NDR 1 Welle Nord am 14. August 2020 um 08:00 Uhr in den "Nachrichten für Schleswig-Holstein".

Korrespondent

Axel John | Bildquelle: SWR/Alexander Kluge Logo SWR

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