Ein Bischof hält während einer katholischen Messe in der Münchner Sankt Paul Kirche ein Kreuz in den Händen | Bildquelle: dpa

Geld für Missbrauchsopfer Sind 50.000 Euro genug?

Stand: 24.09.2020 17:34 Uhr

Missbrauchsopfer der katholischen Kirche sollen bis zu 50.000 Euro Entschädigung bekommen. Nicht nur Betroffene zeigen sich enttäuscht über die Ergebnisse der Herbstvollversammlung der Bischöfe.

Von Tilmann Kleinjung, BR

Normalerweise bleiben die Bischöfe in Fulda unter sich. Hinter den Mauern des Priesterseminars. Diesmal aber wird wegen der Distanzgebote in einem größeren Sitzungssaal getagt. Also müssen die Bischöfe rüber ins Fuldaer Schloss und raus in die Wirklichkeit.

An einer Straßenecke hat sich eine Gruppe Missbrauchs-Betroffener aufgebaut und fordert eine angemessene Entschädigung für ihr Leiden. Die Bischofskonferenz hatte bereits bei ihrer letzten Tagung im Frühjahr beschlossen, sich bei den Zahlungen an Betroffene an staatlichen Schmerzensgeldtabellen zu orientieren. Und der Vorsitzende der Bischofskonferenz,Georg Bätzing, nennt nun auch eine Zahl: Er spricht von bis zu 50.000 Euro, die im Einzelfall ausgezahlt werden können.  

"Es gibt nur zwei Referenzurteile, die diese Höhe setzen. Wir gehen wirklich in einen hohen Bereich. Aber wir haben uns entschlossen, in dem Kontext zu bleiben, in dem auch die Gesetzgebung unseres Landes steht."

Enttäuschung bei Betroffenen

Ab dem 1. Januar 2021 können alle Betroffenen von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche Leistungen beantragen. Wer welche Leistung erhält, entscheidet ein Gremium, das sich aus externen, von der Kirche unabhängigen Fachleuten zusammensetzt: Mediziner, Pädagogen, Juristen. Grundlage der Entscheidung sei eine niederschwellige Plausibilitätsprüfung, verspricht Bätzing. "Jetzt haben wir eine unabhängige Stelle, die in Vergleichbarkeit alle Situationen betrachtet, entscheidet und auch die Anweisung des Geldes vornimmt." Das sei ein erheblicher Fortschritt.

Die meisten Betroffenen dürfte diese Lösung dennoch enttäuschen. Die Erwartung war eine andere, nachdem die Bischöfe schon über Vorschläge diskutierten, die sechsstellige Summen vorsahen. Matthias Katsch von der Betroffenenvertretung Eckiger Tisch beklagt außerdem, dass Missbrauchs-Opfer bei der Erarbeitung dieser Lösung nicht beteiligt wurden. Natürlich gehe es auch um die Summe. Lege man ein ganzes Leben in die Waagschale, lande man im deutlich sechsstelligen Bereich. Dies wäre auch so, wenn die Fälle vor Gericht gingen. "Es geht aber nicht vor Gericht, weil es verjährt ist."

Viele Baustellen bei der katholischen Kirche

Die katholische Kirche befindet sich mitten in einem Reformprozess, dem synodalen Weg. Auch hier stand der Missbrauchsskandal am Anfang: Die Erkenntnis, dass es im System der katholischen Kirche Faktoren gibt, die Missbrauch und dessen Vertuschung begünstigen. Deshalb diskutieren die Bischöfe gemeinsam mit Vertretern der Basis über Wege aus der Kirchenkrise, über flachere Hierarchien, über eine Reform der Sexualmoral, über Ämter für Frauen. Die Predigt, die der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki während der Tagung in Fulda zum Thema Gottvertrauen hielt, wurde durchaus als Warnung an seine Mitbrüder verstanden, es mit den Reformen nicht zu übertreiben.

"Und genauso braucht es unser Vertrauen in Gott, dass wir seinem Wort trauen können und dass es nichts braucht, was diesem Wort hinzugefügt werden muss."

Streit um Rolle von Frauen

Hinter verschlossenen Türen wurde wohl auch Klartext gesprochen. Vor allem die Frage, ob Frauen zu Diakoninnen geweiht werden können, ist unter den Bischöfen heftig umstritten. Woelki sieht dafür keinen Spielraum. Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer wünscht sich dagegen eine offene Debatte über Frauen als Diakoninnen oder Priesterinnen. "Ich persönlich bin guter Dinge, dass wir weiterkommen. Ich glaube fest an die Führung des Heiligen Geistes. Und lasse mich hier gern überraschen."

Gegenwind für Reformer gibt es auch aus Rom. In mehreren Schreiben haben Abteilungen des Vatikan deutlich gemacht, dass sie die katholische Kirche in Deutschland auf einem Holzweg sehen, etwa in Fragen der Ökumene oder bei der Beteiligung von Laien in der Leitung von Gemeinden. Heiner Wilmer fühlt sich von Papst Franziskus grundsätzlich ermutigt, Reformen anzugehen. Aber:

"Es gibt bestimmte Kommunikationswege zwischen Rom und Deutschland, aber auch zwischen unserer katholischen Kirche in Deutschland und dem Vatikan, die so sind, dass man sagen könnte: Hier könnte man Kommunikation auch verbessern."

Alles nur ein Kommunikationsproblem? Das Misstrauen im Vatikan gegenüber einer allzu reformfreudigen Kirche in Deutschland ist mit Händen zu greifen. Die Ungeduld der Kirchenbasis genauso. Und mittendrin stehen die deutschen Bischöfe.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 24. September 2020 um 17:21 Uhr.

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