Silouhette vor einem Kreuz | dpa

Ein Jahr nach Missbrauchsstudie Außer Versprechen nicht viel passiert

Stand: 23.09.2019 04:23 Uhr

Vor einem Jahr erschütterte die Missbrauchsstudie der katholischen Kirche das Land. Außer Versprechen folgte nicht viel. Ändert sich das bei der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz, die heute beginnt?

Sebastian Kisters

Von Sebastian Kisters, HR

"Wahrheit" und "Gerechtigkeit" für die Opfer, versprach der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, vor einem Jahr im Dom zu Fulda. An diesem Tag stellte er die Missbrauchsstudie der Katholischen Kirche vor. Mehr als 1600 Kleriker haben sich demnach nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland an Schutzbefohlenen vergangen. Die Macher der Studie betonten an diesem Tag in Fulda, man müsse ein "mindestens" bei allen Aussagen zu Opfern und Tätern mitdenken. Denn die Zahlen lieferten die Bistümer selbst. Kein Wissenschaftler durfte für die Studie kirchliche Archive betreten.

Ein Jahr danach: Was ist geworden aus "Wahrheit" und "Gerechtigkeit"? Ein Treffen mit Doris Reisinger. In ihrem Buch "Nicht mehr ich" beschreibt sie, wie sie als Nonne von Geistlichen missbraucht wurde - im Kloster, selbst im Beichtstuhl. "Wahrheit", sagt sie, "das heißt, dass man erfährt, wer Taten begangen hat. Nein!" Und Gerechtigkeit? "Dann müssten auch Vorgesetzte, die Taten gedeckt oder vertuscht haben, zur Verantwortung gezogen werden. Darüber wird in der Kirche nicht einmal diskutiert."

Kardinal Reinhard Marx | picture alliance/dpa

Die Versprechen von Kardinal Marx sind nach Ansicht der Opfer nicht eingelöst worden. Bild: picture alliance/dpa

Sie sieht bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche keine Fortschritte. Im Gegenteil. "Dass sich der Papst im Februar beim Missbrauchsgipfel in Rom nicht entblödet, zu sagen: 'Es ist der Teufel'. Das ist ein Versuch, das Böse auszulagern, nicht die Verantwortung für Missbrauch zu übernehmen." Für sie heißt das: Aufklärung sei von höchster Stelle - vom Vatikan - nicht erwünscht.

Studie sei "keine Aufarbeitung"

Was sagt der Macher der Missbrauchsstudie? Der Psychiater Harald Dressing spricht leise, aber deutlich. Vor einem Jahr, als die Studie in Fulda vorgestellt wurde, saß er auf einer Pressekonferenz neben Kardinal Marx. Als der Bischof gefragt wurde, ob denn ein deutscher Bischof angesichts dieses Skandals Konsequenzen für sich in Betracht zöge, antwortet Marx sichtlich überrascht: "Nein!"

Karnevalswagen zum Missbrauchsskandal (Archivbild) | picture alliance / dpa

Auch im Karneval wurde der Missbrauchsskandal thematisiert. Bild: picture alliance / dpa

Bei der Vorstellung der Studie neben Marx auf dem Podium: Der Missbrauchsbeauftragte der Bischöfe, Stephan Ackermann. Dressing erzählt, wie er dem Bischof vor der Pressekonferenz gesagt habe, dass diese Frage kommen werde. Ackermann sei darüber verwundert gewesen. "Es ist in keiner Institution denkbar, dass nach so einem Skandal nicht ein einziger Verantwortung übernimmt", sagt Dressing heute. Er nennt es "erschreckend".

Der Psychiater sagt, die Studie sei keine Aufarbeitung. Dieser Prozess habe nicht einmal ansatzweise begonnen. "Jeder Täter hatte Mitwisser und Verharmloser. Es ist notwendig, dass solche Menschen, die möglicherweise immer noch in Verantwortung sind, auch Verantwortung übernehmen. Ein kollektives Bekenntnis von Schuld und Scham ist nicht ausreichend."

Keine Namen, keine Netzwerke

Für die vor einem Jahr vorgestellte Missbrauchsstudie hätten sie nur auf anonymisierte Daten aus den Bistümern zugreifen können. "Mehr hat uns die Kirche nicht gewährt. Jetzt steht an, die Beschuldigten zu nennen. Die Mitwisser, die Verantwortlichen, die Netzwerke, die den Missbrauch vertuscht haben. Eine Wahrheitskommission muss Zugang zu allen Akten bekommen."

Auf ihrer Vollversammlung, die ab heute beginnt, werden die deutschen Bischöfe möglicherweise auch darüber diskutieren. Der Missbrauchsbeauftragte der Bischöfe, Stephan Ackermann, wehrt jedoch ab. "Viele, die Verantwortung getragen haben, sind nicht mehr im Dienst oder verstorben. Deshalb können sie nicht mehr zurücktreten." Verantwortung wird in die Vergangenheit ausgelagert.

In einem Punkt gibt es Hoffnung

Und doch, in einem Punkt gibt es Hoffnung, sagt Matthias Katsch. Er ist selbst Missbrauchsopfer und jetzt Sprecher der Opfervereinigung "Eckiger Tisch". Gemeinsam hätten Bischöfe, Expertinnen, Experten und Betroffene über Entschädigungszahlungen für Missbrauchsopfer diskutiert. Nun gibt es einen Vorschlag. Bis zu 300.000 Euro sollen Opfer bekommen.

Matthias Katsch, ehemaliger Schüler des Canisius-Kollegs, steht vor der Jesuitenschule. | picture alliance/dpa

Missbrauchsopfer Katsch hofft noch auf eine positive Entscheidung der Bischöfe. Bild: picture alliance/dpa

Viele von ihnen hätten nie vertrauliche Beziehungen aufbauen können, Depressionen seien eine häufige Folge des Missbrauchs. Eine geregelte Arbeit, ein geregeltes Einkommen sei deshalb manchmal unmöglich gewesen. Katsch wird das Konzept den Bischöfen am Dienstag in Fulda vorstellen. Er hofft, dass es zu einer schnellen Entscheidung kommt. "Denn vielen von uns läuft die Zeit davon."

So geht es auf der Vollversammlung der Bischöfe in Fulda wieder um Missbrauchsopfer. Um "Wahrheit" und "Gerechtigkeit". Die Kirche könnte sich bewegen. Ein bisschen. Vielleicht.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. September 2019 um 12:00 Uhr.