Alternative Kraftstoffe

Pack die Alge in den Tank

Stand: 04.08.2018 03:28 Uhr

Forscher wollen Flugzeuge mit Algen in die Luft bringen: Sie sind die Grundlage für Biokerosin. Das könnte die Klimabilanz des Luftverkehrs verbessern - und die der reisefreudigen Deutschen.

Von Jan-Peter Bartels, HR

Deutschland macht Urlaub, in diesen Wochen. Die Tourismusbranche jubelt: Supersommer 2018, ein Topjahr. Drei Viertel der Deutschen reisen, so eine Studie des Verbands der Reisewirtschaft (DRV): Fast jeder zweite mit dem Flugzeug und wenn ins Ausland, dann am liebsten nach Spanien.

Beim Hin- und Rückflug von Berlin auf die spanischen Kanaren werden pro Passagier rund anderthalb Tonnen CO2 emittiert, so das Bundesumweltamt: in etwa so viel, wie ein Mensch in Indien im ganzen Jahr verursache. Also besser gar nicht fliegen? Für die meisten auch keine Lösung.

"Kerosin in der Luftfahrt ist alternativlos"

Helfen soll Microchloropsis, eine Salzwasseralge. Thomas Brück forscht daran, in einem Vorort von München. Futuristisch wirkt sein Algentechnikum: Hohe Säle, in grünliches Licht getaucht und voller Wasserbecken. Jedes davon ähnlich wie ein Flipper-Automat, aber etwas größer, etwas flacher und nur ein paar Zentimeter tief. Der Wissenschaftler simuliert hier die Licht- und Klimabedingungen aus verschiedenen Teilen der Erde.

Das Algentechnikum wirkt futuristisch.

Er züchtet, vereinfacht gesagt, Algen mit einem hohen Fettanteil: Bio-Öle, die in Kerosin umgewandelt werden können. Zum Wachsen bindet die Pflanze CO2, das später bei der Verbrennung wieder entsteht. Der Prozess ist also CO2-neutral. "Kerosin ist in der Luftfahrt in den nächsten 80 bis 100 Jahren alternativlos. Batterien sind zu schwer, ebenso wie die Tankisolierung bei Wasserstoff. Ich setze ganz auf unsere Technik", sagt Brück.

Biokerosin ist schlicht zu teuer

Mit bio-synthetischem Kerosin hat sich auch die Lufthansa beschäftigt: Schon 2011 hob der erste Linienflug mit Biokerosin im Tank ab. Die Airline erprobte zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), wie sich das auf die Triebwerke auswirkt. Ergebnis: Keine Probleme. Das Biokerosin erwies sich als gleichwertig.

Lufthansa experimentierte weiter, arbeitete mit einer Beimischung und betankte zeitweise Flugzeuge am Flughafen Oslo mit fünf Prozent Biokerosin. Die Airline sah sich als Pionierin, wurde Gründungsmitglied der deutschen Klimaschutz-Initiative Aireg. Diese will den Einsatz alternativer Kraftstoffe in der Luftfahrt forcieren. Aber nun hat die Lufthansa die Mitgliedschaft gekündigt.

Aktuell setze die Airline auch keine alternativen Treibstoffe mehr ein, erklärt Lufthansa auf tagesschau.de-Anfrage: Klimafreundlicher Luftverkehr sei ein wichtiges Ziel, heißt es, das Interesse an alternativen Kraftstoffen unverändert hoch. Unabdingbar für ihren Einsatz sei aber unter anderem die Wirtschaftlichkeit. Kurzum: Zwar sind in diesem Jahr die Kerosin-Preise gestiegen, aber im Vergleich ist Biokerosin immer noch schlicht zu teuer.

Fläche von Algerien mit Algen bepflanzen

Ein Problem, das Brück lösen will. In den 1200 Litern Wasser im Algentechnikum der TU München kann er mit den Algen ein paar Hundert Liter Kerosin im Jahr herstellen. Das würde nur für einen kurzen Testflug reichen: Ein großer Airbus auf dem Weg von Frankfurt nach New York beipielsweise verbraucht mehr als 100.000 Liter Kerosin.

Um genug Biokerosin zu produzieren, dass es für den Massenmarkt reicht, müsste man allerdings die Fläche von Algerien mit den Algen bepflanzen.

Aber Brück ist sicher, dass sein Verfahren auch im großen Maßstab funktionieren würde und dann die Preise sinken würden. "Wir brauchen nur Sonne, Meerwasser und vor allem Fläche", erklärt er. Dazu könnte man Brachflächen in südlichen Ländern wie Spanien oder Italien nutzen. "Der große Vorteil ist: Es gibt keine Teller-Tank-Diskussion, denn die Algen konkurrieren nicht gegen Nahrungsmittel wie beispielsweise der Rapsanbau." Um genug zu produzieren, dass es für den Massenmarkt reicht, müsste man allerdings die Fläche von Algerien mit den Algen bepflanzen.

Elektrisches Fliegen teilweise denkbar

Alternative Antriebe sind auch ein Thema für die Flugzeughersteller. Sie versuchen zwar, auch an anderen Stellschrauben zu drehen und die Flugzeuge effizienter zu machen. Der neue A320neo verbrauche bis zu 15 Prozent weniger Kerosin, so Daniel Werdung von Airbus. Aber: "Langfristig kommen wir um alternative Antriebe nicht herum, um die Klimaziele zu erreichen." Elektrisches Fliegen sei zumindest teilweise denkbar: Airbus wolle in etwas mehr als zehn Jahren einen hybrid-elektrischen Jet für bis zu 100 Passagiere serienreif haben.

Algenforscher Brück hofft, in etwa fünf Jahren einen industriellen Prototyp fertig zu haben, eine Massenfertigung liege aber noch in weiter Zukunft. Es wird also noch einige Jahre dauern, bis die blubbernden grünen Algen tatsächlich das schlechte Gewissen der vielreisenden deutschen Urlauber beruhigen können.