Blick auf die Seestadt Aspern, einen neuen Stadtteil von Wien | Bildquelle: picture alliance / Karl Schöndo

Wohnungsnot in Deutschland Bauen nach Wiener Art?

Stand: 09.09.2018 02:01 Uhr

Für viele Menschen in Deutschland ist die Wohnungsfrage inzwischen zu einem fast unlösbaren Problem geworden. Mehr als eine Million Wohnungen fehlen. Mögliche Lösungsansätze gibt es unter anderem in Wien.

Von Volker Schwenck, ARD-Hauptstadtstudio

Manche der kleinen Häuschen haben schon ziemlich detaillierte Fassaden, andere sind flächig, wirken unfertig - reine Entwürfe eben. Das raumfüllende Architekturmodell zeigt Wohnhäuser, Einkaufszentren, Schulen und Kitas. In der Mitte liegt ein künstlicher See, es gibt breite Wege und weite Plätze, Fußgänger haben Vorfahrt. "Seestadt Aspern" heißt der Wiener Vorort, der zu drei Vierteln noch Vision ist.

20.000 Menschen sollen hier einmal leben, am Rande der boomenden österreichischen Metropole Wien. 3000 Wohnungen sind bereits gebaut, fast alles kommunaler oder geförderter Wohnungsbau. Am Ende sollen etwa 75 Prozent der Wohnungen hier zu günstigen Mieten zu haben sein.

SPD-Vize Thorsten Schäfer-Gümbel lässt sich das  Wiener Wohnbauwunder erklären. | Bildquelle: SWR/Volker Schwenck
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SPD-Vize Thorsten Schäfer-Gümbel wirkt vom Modell der "Seestadt Aspern" beeindruckt.

Beeindruckt vom Wiener Wohnungsbauwunder

SPD-Vize Thorsten Schäfer-Gümbel staunt und wirkt beeindruckt. Der Spitzenkandidat der Sozialdemokraten für die hessische Landtagswahl ist nach Wien gekommen, um sich das Wiener Wohnungsbauwunder erklären zu lassen. Von den ersten Plänen für Aspern bis zum Einzug in die ersten 3000 Wohnungen hat es gerade mal sieben Jahre gedauert.

In Deutschland misst man Großprojekte häufig in Jahrzehnten - wenn sie denn überhaupt erfolgreich realisiert werden. "Hier passiert etwas, was bei uns offensichtlich unmöglich scheint," so Schäfer-Gümbel. "Nämlich dass mit einem starken sozialen Wohnungsbau Wohnraum geschaffen wird, der bezahlbar ist, und zwar für alle."

Günstiger Wohnraum für 62 Prozent der Wiener

Anders als in deutschen Großstädten sind die Mieten in Wien nicht explodiert, trotz anhaltenden Zuzugs. Seit 2007 ist die Zahl der Einwohner um zwölf Prozent auf zuletzt 1,87 Millionen gestiegen - und Wien wächst immer weiter. 62 Prozent der Wiener leben trotzdem in relativ günstigen Wohnungen zu Kaltmieten von sieben bis neun Euro pro Quadratmeter.

Die sogenannten "Gemeindebauten" sind oft noch günstiger. 220.000 gehören der Stadt Wien, etwa nochmal so viel sind geförderte Wohnungen. Fast 450.000 Wohnungen in Wien können so besonders günstig angeboten werden. Der Rest ist rein privat finanziert. Hier sind die Preise höher, aber mit durchschnittlich etwa 13 Euro pro Quadratmeter immer noch weit von Münchner, Stuttgarter oder Berliner Normalmieten entfernt.

Kommunaler Wohnungsbau seit 100 Jahren

Seit 100 Jahren schon baut die Stadt Wien eigene Wohnungen. Die günstigen kommunalen Wohnungen werden zentral verteilt, und sie sind begehrt: Drei Jahre lang muss man unter Umständen auf den Zuschlag warten. Einkommensgrenzen gibt es nicht. So kommen zwar einerseits Menschen in den Genuss billigen Wohnens, die sich auch teurere Mieten leisten könnten. Andererseits bedeutet es aber auch, dass die Wohnadresse nicht zwingend etwas darüber aussagt, wie viel jemand verdient.

Die Viertel sind sozial gemischt - Stadtplaner mögen sowas. Auch im Neubauquartier Aspern wird die nur geringe Kriminalität der sozialen Durchmischung zugeschrieben.

Wohnhäuser im neuen Wiener Vorort "Seestadt Aspern" | Bildquelle: picture alliance / Robert Newald
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Rund 3000 Wohnungen stehen bereits in der "Seestadt". Bald sollen hier 20.000 Menschen leben.

Wien redet mit am Wohnungsmarkt

Über die kommunalen Bauten und einen Bodenfonds hat Wien großen Einfluss am Mietmarkt. Gezielt werden Gelände aufgekauft, möglichst vor der Baureife, und dann mit Auflagen zur Bebauung verkauft. 2,8 Millionen Quadratmeter Baugrund hat die Stadt so derzeit in der Hinterhand.

In Deutschland ist das komplett anders. Hier haben Städte ihre Wohnungen und Grundstücke oft längst an private Investoren verkauft, um Haushaltslöcher zu stopfen. Die wollen vor allem Rendite erzielen - mit billigen Mietwohnungen geht das nicht. 2006 wurde zudem im Rahmen der Föderalismusreform beschlossen, dass der Bund sich aus der gezielten Förderung des Sozialwohnungsbaus zurückzieht. Die Länder bauten in der Folge kaum noch Wohnungen für Menschen mit kleinerem Geldbeutel.

SPD-Vize Thorsten Schäfer-Gümbel im Gespräch mit dem Wiener Bürgermeister und Landeshauptmann Michael Ludwig, SPÖ. In der Mitte die hessische SPD-Generalsekretärin Nancy Faeser | Bildquelle: SWR/Volker Schwenck
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Wiens Bürgermeister und Landeshauptmann Michael Ludwig, SPÖ, erklärte Schäfer-Gümbel das Wiener Wohnungsbaumodell.

Immer weniger Sozialwohnungen in Deutschland

Bis 2020 rechnet die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe mit bundesweit weniger als 1,1 Millionen Sozialwohnungen. Damit hat sich der Bestand in 20 Jahren mehr als halbiert. Einige Experten fordern gar die komplette Aufgabe des Sozialwohnungsbaus. Der Markt sorge besser und effektiver für günstigen Wohnraum, sagen sie.

Thorsten Schäfer-Gümbel hält das für eine Täuschung. Eine hemmungslose Privatisierung der letzten Jahrzehnte sei mitverantwortlich für die derzeitige Misere - genau so wie eine eher marktorientierte Politik der Union.

Koalitionsvertrag: 1,5 Millionen neue Wohnungen

Freilich haben die Sozialdemokraten auch in der Vorgängerregierung mitregiert. Das Kapitel zum Wohnungsbau im neuen Koalitionsvertrag trägt die Handschrift der Genossen. Mindestens zwei Milliarden Euro sollen in den sozialen Wohnungsbau investiert werden. 1,5 Millionen Wohnungen sollen entstehen - etwa so viele fehlen derzeit auch.

Mehr sei mit der Union als Koalitionspartner nicht drin gewesen, so Schäfer-Gümbel: "Das Wichtigste, das jetzt passiert, ist, dass das Grundgesetz wieder geändert wird und der Bund in Zukunft überhaupt weiter sozialen Wohnungsbau betreiben darf", erklärt er. "Wenn es nach Union und anderen gegangen wäre, hätte es diese Möglichkeit ab übernächstem Jahr gar nicht mehr gegeben."

Offen kritisiert der hessische Sozialdemokrat Wohnungsbauminister Horst Seehofer. Der schien sich zum Ende der Sommerpause mit der "Mutter aller Probleme" erneut anzuschicken, eine Migrationsdebatte führen zu wollen. Schäfer-Gümbel wünscht sich mehr Engagement des Ministers etwa beim Wohnungsbau.

Modernisierungskosten vertreiben Mieter

Die Fraktionsvorsitzende der grünen Opposition ist noch deutlicher. "Weggeduckt" habe sich Seehofer bei dieser zentralen sozialen Frage. Katrin Göring-Eckardt steht im Hof eines großen Berliner Wohnhauses, umringt von Mietern. Ein britischer Investor hat die fast 100 einstigen Sozialwohnungen gekauft. Jetzt wird gründlich saniert. Nach Abschluss der monatelangen Arbeiten wird die Miete deutlich steigen. Für 75 Quadratmeter etwa von 545 Euro kalt auf fast 1000 Euro. Das ist dann auch für manche Normalverdiener oder Rentner ein Problem.

Einige zogen vorsorglich schon aus und suchen jetzt auf dem leergefegten Berliner Wohnungsmarkt. Andere wehren sich mit Hilfe des Mietervereins und werben um Unterstützung aus der Politik. Deshalb ist auch Göring-Eckardt gekommen. "Wir haben heute Menschen in dieser Republik, die geben 30, 40, sogar über 50 Prozent ihres Einkommens nur fürs Wohnen aus", schimpft die Grüne. "Das ist die soziale Frage, um die es in diesem Land gerade geht."

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring Eckardt | Bildquelle: dpa
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Für Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring Eckardt ist bezahlbarer Wohnraum eine zentrale soziale Frage.

Wohnungsgipfel im Kanzleramt

Am 21. September soll es im Kanzleramt einen Wohnungsgipfel geben. Das "Bündnis für bezahlbares Wohnen und Bauen" wurde schon 2014 ins Leben gerufen, als das Bauen noch in der Verantwortung der damaligen Umweltministerin Barbara Hendricks lag.

"Ich bin sehr gespannt, was bei dem Gipfel herauskommt", sagt Schäfer-Gümbel. Er hat sich in Wien eine Menge Anregungen geholt, wie eine soziale Wohnungsbaupolitik in Hessen oder in ganz Deutschland aussehen könnte. Der SPD-Vize glaubt, dass Wahlen gewinnt, wer die Alltagssorgen der Menschen anspricht. Wohnen stehe da ganz weit oben.

Mehr zu diesem Thema sehen Sie am heute um 18.30 Uhr im Bericht aus Berlin.

Über dieses Thema berichtete der Bericht aus Berlin am 09. September 2018 um 18:30 Uhr.

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