In der Integrativen Kindertagesstätte "Kinderland" waschen sich die ein-bis zweijährigen Mädchen und Jungen die Hände. | Bildquelle: dpa

Bertelsmann-Stiftung Studie rät von kostenloser Kita-Betreuung ab

Stand: 28.08.2017 05:57 Uhr

Die gute Nachricht: Die Qualität der Kindertagesstätten steigt laut einer neuen Erhebung. Die regionalen Unterschiede sind allerdings gewaltig. Kostenlose Kitaplätze - wie von der SPD gefordert - halten die Autoren auf absehbare Zeit für illusorisch.

Von Jens Eberl, WDR

Diese Studie dürfte wenige Wochen vor der Bundestagswahl auf großes Interesse stoßen: Es geht um den "Länderreport Frühkindliche Bildungssysteme 2017", den die Bertelsmann-Stiftung heute vorstellt - und in dem sie davon abrät, Elternbeiträge für Kitas zurzeit komplett abzuschaffen. Sie attackiert damit ein zentrales Wahlversprechen der SPD, die die völlige Beitragsfreiheit für die Betreuung und Ausbildung von Kindern erreichen will.

"Erst wenn die Qualität stimmt und genügend Betreuungsplätze zur Verfügung stehen, können wir die Beitragsfreiheit angehen", sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. Die Beteiligung der Eltern müsse aber fair gestaltet werden und dürfe keine Zugangsbarriere für Kinder werden. "Deshalb sollten Kita-Beiträge einkommensabhängig gestaffelt und Familien mit besonders niedrigen Einkommen komplett entlastet werden", ergänzt er.

"Kraftakt von Bund, Ländern, Kommunen - und Eltern"

Die Studie kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass enorme Anstrengungen nötig sind, um mehr Menschen für den Job des Erziehers zu gewinnen: "Ohne attraktivere Rahmenbedingungen für das Kita-Personal wird es schwer, dem steigenden Fachkräftebedarf nachzukommen. Der Ausbau in Qualität und Quantität erfordert einen Kraftakt von Bund, Ländern, Kommunen und auch Eltern."

Der Run auf die Krippen und Kitas der Republik ist nach wie vor ungebrochen. Vor wenigen Wochen präsentierte das Statistische Bundesamt neue Zahlen: Am 1. März dieses Jahres wurden rund 763.000 Kinder unter drei Jahren in einer Einrichtung oder von einer Tagesmutter betreut. Das waren 41.300 Kinder mehr als im Vorjahr. Zum Vergleich: Im Jahr 2006 waren es lediglich 287.000.

Seit August 2013 räumt der Staat einen bundesweiten Rechtsanspruch für Kinder ab dem ersten Geburtstag auf einen öffentlich geförderten Betreuungsplatz ein. Aktuell besucht erst rund ein Drittel der Null- bis Dreijährigen eine Kita oder wird von einer Tagesmutter betreut. Schätzungen gehen aber davon aus, dass der Bedarf in dieser Altersgruppe eher bei 50 Prozent liegt. Die Nachfrage dürfte also anhalten. Hinzu kommt, dass Geburten in Deutschland wieder zugenommen haben. Und: Auch viele Flüchtlinge benötigen inzwischen einen Betreuungsplatz für ihre Kinder.

Sandkasten in einer Düsseldorfer Kita | Bildquelle: dpa
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In Sachen Kinderbetreuung gibt es in Deutschland große regionale Unterschiede.

Große regionale Unterschiede

Insgesamt stellt die Studie zwar verbesserte Bedingungen in den Kitas fest, darin kommen aber auch große regionale Unterschiede zutage. Wer sein Kind in Sachsen in die Kita schickt, findet dort schlechtere Bedingungen vor als in Bayern. In Baden-Württemberg ist es besser als in Nordrhein-Westfalen. "Die Bildungschancen von Kindern hängen heute erheblich von ihrem Wohnort ab", urteilt Dräger. "Wir brauchen verlässliche Kita-Qualität in ganz Deutschland."

Insgesamt wurde das Zahlenverhältnis zwischen Betreuern und Kindern besser. Das hat eine Auswertung der Personalschlüssel ergeben. Demnach kamen im März 2016 auf eine vollzeitbeschäftigte Fachkraft 4,3 Kinder. 2012 waren es noch 4,8 Kinder. Das ist erfreulich.

Allerdings hat die Bertelsmann-Stiftung in ihrer aktuellen Studie zum ersten Mal auch die Personalschlüssel der 402 Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland ausgewertet und dabei zeigen sich enorme Unterschiede.

Immer noch zu viele Kinder pro Fachkraft

In einigen Gebieten Brandenburgs kommen knapp dreimal so viele Krippenkinder auf eine Fachkraft wie in bestimmten Kreisen Baden-Württembergs. Doch auch innerhalb der Bundesländer selbst sind die Unterschiede groß. In Bayern kümmern sich die Erzieher durchschnittlich um 3,7 Kinder. Zwischen den Kreisen gibt es jedoch eine große Spannweite, was das Verhältnis Betreuer-Kinder angeht: So liegt der Personalschlüssel mancherorts bei 1 zu 2,7, andernorts bei 1 zu 5,0.

Fast alle Kinder ab drei Jahren in Betreuung

Am besten ist der Personalschlüssel in Baden Württemberg (3,0), am schlechtesten in Sachsen (6,5). Wenngleich sich die Kita-Qualität bundesweit tendenziell verbessert, sind die Unterschiede zwischen den Bundesländern nach wie vor gravierend. Grundsätzlich schneiden die neuen Bundesländer in der Studie deutlich schlechter ab als der Westen. In westdeutschen Krippengruppen kümmert sich eine Fachkraft um deutlich weniger Kinder (1 zu 3,6) als in Ostdeutschland (1 zu 6,0).

Allerdings befinden sich in Ostdeutschland über die Hälfte der unter Dreijährigen in Betreuung, während es in Westdeutschland lediglich 28 Prozent sind. Ab dem dritten Lebensjahr sind bundesweit fast alle Kinder in Kindertagesbetreuung.

Studie fordert mehr Personal

Um einen kindgerechten Personalschlüssel zu erreichen, müsse deutlich mehr Personal eingestellt werden, schließt die Studie aus ihren Ergebnissen. 107.200 vollzeitbeschäftigte Fachkräfte seien notwendig. Außerdem müssten weitere 4,9 Milliarden Euro jährlich bereitgestellt werden. Sollten die Eltern von Kindergartenbeiträgen befreit werden, würde dieser Betrag deutlich steigen.

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