Party-Exzess vor G20-Gipfel Polizeipräsident bedauert "missliches Verhalten"

Stand: 27.06.2017 21:34 Uhr

500 Berliner Polizisten sollten den Hamburger G20-Einsatz unterstützen. Doch fast die Hälfte wurde zurückgeschickt: Offenbar haben sie sich völlig daneben benommen. Polizeichef Kandt bedauerte das Verhalten, zeigte aber auch Verständnis.

Der Berliner Polizeipräsident Klaus Kandt hat das unangemessene Verhalten von Berliner Polizisten in Hamburg bedauert. Gleichzeitig versuchte er, die Beamten teilweise auch zu verteidigen. So hätten die Kollegen in ihrer Freizeit auf einem nicht-öffentlichen Gelände gefeiert, sagte Kandt am Dienstagabend in der rbb-"Abendschau". Diese Feier sei jedoch aus dem Ruder gelaufen. Das Verhalten sei "misslich und grenzüberschreitend" gewesen, fügte Kandt in einer rbb-Sondersendung hinzu.

Polizisten müssen mit disziplinarischen Maßnahmen rechnen

Chatverlauf Berliner Polizei in Hamburg (Quelle: rbb)
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Chatverlauf Berliner Polizei in Hamburg

Die Vorwürfe würden nun "sehr zügig" aufgeklärt, dafür brauche es aber "zwei, drei Tage Zeit". Die Hundertschaftführer seien am Dienstag bereits vernommen worden. Er gehe davon aus, "dass es am Ende Konsequenzen geben wird", sagte Kandt. Dabei kämen Disziplinarmaßnahmen und auch die Versetzungen in andere Bereiche in Frage, betonte der Polizeipräsident. Aller Wahrscheinlichkeit nach habe es sich aber weder um Straftaten noch um Ordnungswidrigkeiten gehandelt. Wie viele Polizisten an den Vorfällen in der Lettow-Vorbeck-Kaserne beteiligt waren, ist noch unklar.

"Gegen den Zaun gepinkelt"

Wie am Dienstag bekannt geworden war, hatte die Hamburger Polizei mehr als 220 Berliner Polizisten wegen ihres skandalösen Benehmens "mit sofortiger Wirkung" aus dem Einsatz entlassen. In der Unterkunft auf einem Kasernengelände in Bad Segeberg nordöstlich von Hamburg habe eine Minderheit der Berliner Beamten ein "unangemessenes und inakzeptables Verhalten" gezeigt, teilte ein Sprecher der Hamburger Polizei mit. Nach rbb-Informationen kam es außerdem zu einer Auseinandersetzung mit einer Einheit aus Wuppertal (Nordrhein-Westfalen).
 
"Fakt ist, es ist gefeiert worden, zu laut und es ist gegen den Zaun gepinkelt worden. Alles andere ist offen", so Kandt. Er habe bereits mit dem Hamburger Polizeipräsidenten telefoniert und auch ein Gespräch mit seinem Wuppertaler Kollegen geführt. In der kommenden Woche würden aber erneut fünf Hundertschaften zur Unterstützung der Hamburger Polizei in die Hansestadt entsandt. Die Frage, ob er an Rücktritt gedacht habe, wies Kandt in der rbb-Abendschau lachend zurück. "Das ist sehr hoch gegriffen", sagt er. 2016 hätten Berliner Polizisten mehr als 30 Unterstützungseinsätze in anderen Bundesländern geleistet. Dafür habe er auch Dankesschreiben bekommen.

Polizeiskandal
Hamburg hat drei Berliner Einsatzhunderschaften zurückgeschickt.

Polizeisprecher findet Verhalten "einfach nur peinlich"

Wie Berlins Polizeisprecher Thomas Neuendorf dem rbb am Dienstag sagte, sollen die Polizisten exzessiv gefeiert haben. Zwei sollen vor aller Augen Geschlechtsverkehr gehabt haben, eine Polizistin soll im Bademantel mit einer Dienstwaffe hantiert haben, Männer sollen gemeinschaftlich uriniert haben. Neuendorf: "Es ist einfach nur peinlich, wie sich die Kollegen dort verhalten haben." In einem Chatverlauf von Berliner Polizisten, der dem rbb zu den Vorfällen vorliegt, ist die Rede von "Tanzen auf Containern, Fickerei, strippen mit Waffen, pissen im Zugverband".

Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) erklärte in einer Mitteilung: "Polizeibeamte haben eine Vorbildfunktion – das gilt in Berlin genauso wie in anderen Städten. Falls sich die Vorwürfe des Fehlverhaltens bestätigen, muss das in der Polizei ordentlich geklärt werden. Die Arbeit der Berliner Polizei darf durch solche Vorfälle keinen Schaden nehmen."

In Berlin herrscht Erstaunen bis Entsetzen
rbb
28.06.2017 09:32 Uhr

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Linke: Auflösung betroffener Hundertschaften prüfen

Auch die innenpolitischen Sprecher der Fraktionen im Abgeordnetenhaus forderten unisono Aufklärung. Der SPD-Abgeordnete Tom Schreiber sagte im rbb, es müsse genau geklärt werden, wer an den Aktionen beteiligt war. "Sollten sich die Vorwürfe erhärten, dürfen wir nicht generalisieren." Der Linken-Politiker Hakan Taş sagte, so ein Verhalten sei "nicht hinnehmbar". Möglicherweise müsse die Auflösung einzelner Hundertschaften geprüft werden, wie das schon früher einmal der Fall gewesen sei, sagte Taş dem rbb am Dienstag. Senatssprecherin Claudia Sünder sagte auf einer Pressekonferenz, die Beamten hätten sich "nicht mit Ruhm bekleckert".

Ähnlich äußerte sich der Grünen-Innenpolitiker Benedikt Lux. Ein solches Verhalten schade dem Ansehen der Polizei. Man solle "professioneller mit Langeweile umgehen" als in dieser Form, so Lux im rbb. Der FDP-Politiker Marcel Luthe sprach von einem generellen Führungsproblem bei der Berliner Polizei. Die Führungskräfte hätten offensichtlich nicht rechtzeitig eingegriffen. Der Polizeipräsident habe schon früher ein Personalproblem eingeräumt und erklärt, man nehme, "was man kriegen kann". Den einzelnen Polizisten könne man deshalb keinen Vorwurf machen.

Polizisten sollten bei Gipfel zum Einsatz kommen

Die Beamten gehören zu den 500 Berliner Polizisten, die seit dem Wochenende in Hamburg sind, um den Einsatz zum G20-Gipfel zu unterstützen. Sie sollten ursprünglich erst in einigen Tagen durch andere Beamte ausgetauscht werden.
 
Während des Gipfeltreffens am 7. und 8. Juli sollen in Hamburg fünf Einsatzhundertschaften der Berliner Bereitschaftspolizei im Einsatz sein - außerdem  drei Boote der Wasserschutzpolizei, Taucher, Wasserwerfer und Kriminalbeamte zur Bearbeitung von möglichen Straftaten.  
 
Zum G20-Gipfel werden 15.000 Polizisten aus ganz Deutschland eingesetzt.

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