Das Foto zeigt den Abschnitt der Berliner Stadtautobahn, auf der sich ein mutmaßlicher Anschlag ereignet hat. | dpa

Anschlag in Berlin Tatverdächtiger kommt in Psychiatrie

Stand: 19.08.2020 20:38 Uhr

Nach dem mutmaßlichen islamistischen Anschlag in Berlin ist der Tatverdächtige in die Psychiatrie eingewiesen worden. Laut ARD-Informationen drohte der Mann bereits vor Jahren, viele Menschen umzubringen - und kam in Behandlung.

Nach einem mutmaßlich islamistisch motivierten Anschlag auf der Berliner Stadtautobahn muss der Tatverdächtige vorläufig in die Psychiatrie. Das habe ein Haftrichter antragsgemäß entschieden, teilte die Staatsanwaltschaft am Abend auf Twitter mit.

"Gezielte Angriffe auf andere Verkehrsteilnehmer"

Zuvor hatte der Sprecher der Berliner Generalstaatsanwaltschaft, Martin Steltner, bei einer Pressekonferenzdie gesagt, der mutmaßliche Täter werde verdächtigt, "quasi Jagd auf Motorradfahrer gemacht zu haben". Die Taten seien als "gezielte Angriffe auf andere Verkehrsteilnehmer" zu werten.

Am Dienstagabend habe der 30-jährige Iraker mit einem Opel zwei Motorräder und ein Auto gerammt sowie ein weiteres gestreift, so Steltner. Auch ein Rollerfahrer sei betroffen. Nach dem ersten Crash mit einem Motorrad, bei dem der Fahrer schwerst verletzt wurde, habe der Täter seine Fahrt fortgesetzt und weitere Zusammenstöße verursacht. Insgesamt wurden sechs Menschen verletzt, drei davon schwer.

Mindestens drei Fälle von versuchtem Mord

Als der Mann angehalten wurde, stellte er eine Munitionskiste auf das Autodach und erklärte, darin befinde sich ein gefährlicher Gegenstand. Das habe sich nach einer Überprüfung der Kiste nicht bestätigt.

Bisher gebe es keine Hinweise darauf, dass weitere Personen bei dem Tatgeschehen eine Rolle gespielt haben könnten, sagte Steltner. Dies werde aber weiter untersucht. Äußerungen des mutmaßlichen Täters im Anschluss und Rufe wie "Allahu Akbar!" etwa gäben Hinweise, die ins islamistische Milieu führten.

Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) zeigte sich bestürzt über den Anschlag. Unbeteiligte seien "aus dem Nichts heraus Opfer einer Straftat geworden". Den drei Schwerverletzten wünschte Geisel rasche Genesung. Einer von ihnen sei Angehöriger der Berliner Feuerwehr. Die Ereignisse zeigten schmerzhaft, "wie verletzlich unsere freie Gesellschaft ist". Berlin stehe weiterhin im Fokus des islamistischen Terrorismus.

Nicht als Gefährder eingestuft

Nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios war der Tatverdächtige bisher nicht als radikaler Islamist bekannt und wurde nicht vom Verfassungsschutz beobachtet. Er war auch nicht als islamistischer Gefährder eingestuft.

Bei der Polizei wird er als Kontaktperson eines islamistischen Gefährders geführt, allerdings nur, weil der Gefährder und er mehrere Monate in demselben Wohnheim untergebracht waren, heißt es aus Ermittlerkreisen. Hinweise auf eine enge persönliche Verbindung zwischen den beiden oder zu anderen radikalen Islamisten habe es bisher nicht gegeben.

Körperverletzung und Drohungen

Der Mann war der Polizei wegen mehrerer Straftaten bekannt - darunter Körperverletzungsdelikte. So auch vor zwei Jahren in seiner Unterkunft. In Ermittlerkreisen heißt es, er habe damals ebenfalls "Allah ist groß" gerufen und gedroht, er werde viele Menschen umbringen. In diesem Zusammenhang war er offenbar auch in psychiatrischer Behandlung.

Personen, die psychisch auffällig sind, sich nicht in einem islamistischen Umfeld bewegen und selbst radikalisieren, seien für die Sicherheitsbehörden in ihrer Gefährlichkeit besonders schwer einzuschätzen, erklärt ARD-Terrorismusexperte Michael Götschenberg. Grundsätzlich, so heißt es in Sicherheitskreisen, habe sich die Bedrohungslage mit Blick auf den islamistischen Terrorismus in den vergangenen Monaten spürbar beruhigt.

Der 30-jährige Iraker war 2016 nach Deutschland eingereist. Sein Asylantrag war abgelehnt worden, zuletzt lebte er mit Duldung in einer Berliner Wohnung zur Untermiete. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung wurden nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios keine Waffen gefunden. Die beschlagnahmten Datenträger werden zurzeit noch ausgewertet. Offensichtliche Hinweise auf Verbindungen zu islamistischen Kreisen fanden die Ermittler in der Wohnung nicht.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. August 2020 um 20:00 Uhr.