Ein Polizist mit Handschellen und einer Pistole am Gürtel vor einem Streifenwagen. | Bildquelle: dpa

Nach Missbrauchsfall Bergisch Gladbach Ermittler fordern mehr Befugnisse

Stand: 25.11.2019 17:50 Uhr

Rund 1800 Menschen, die in Chats Bilder austauschen - warum kam der Missbrauchsfall Bergisch Gladbach so spät an Licht? Das LKA fordert mehr Befugnisse - auch die Menge an Datenmaterial macht Probleme.

Von Michael Heussen, WDR

Warum ist man den Tätern nicht früher auf die Schliche gekommen? Diese vorwurfsvolle Frage müssen sich Ermittler immer wieder stellen lassen. Denn es scheint unvorstellbar, dass rund 1800 Mitglieder in Chatgruppen kinderpornografische Bilder und Videos austauschen, ohne dass es irgendjemandem auffällt. Unter anderem verhindert der vergleichsweise strenge deutsche Datenschutz ein gezielteres Vorgehen gegen mögliche Täter.

In den USA etwa müssen Internetprovider entsprechende Bilder  und Videos an eine zentrale Behörde schicken. In Deutschland gibt es eine solche Verpflichtung nicht - noch nicht. "Besser wäre es, so etwas gleich auf europäischer Ebene anzugehen. Das wäre sinnvoll", sagte Kriminalrat Sven Schneider, Leiter des Cybercrime-Kompetenzzentrums beim Landeskriminalamt (LKA) in Nordrhein-Westfalen, in einem Interview mit der "Rheinischen Post".

Gesetzesänderung gefordert

Bislang fällt es den Ermittlern schwer, in die Chats der Täter einzudringen. Als "Eintrittskarte" in diese abgeschirmten Bereiche müssen eigene Bilder angeboten werden. Das ist rechtlich nicht möglich. Schneiders Forderung: "Das Gesetz sollte dahin geändert werden, dass wir computergenerierte, täuschend echt aussehende Bilder, etwa von nackten Kindern, einbringen und damit verbreiten dürfen, um in die Chats zu kommen und dadurch am Ende die echten Opfer zu schützen."

Tatsächlich hatte Bundesjustizministerin Christine Lambrecht vergangene Woche eine entsprechende Reform angekündigt. "Die Ermittler sollen künftig computergenerierte Bilder verwenden können, wenn sich die Taten nicht anders aufklären lassen", sagte die SPD-Politikerin.

250 Ermittler müssen sichten

Doch selbst wenn das gelingen sollte: Den Kreispolizeibehörden fehlt das Personal, um die enormen Datenmengen bewältigen zu können. Um sie zu entlasten, sollen sie zukünftig nur für die Sicherung der Daten zuständig sein. Das Landeskriminalamt übernimmt die Aufbereitung und die Auswertung. Im Fall Bergisch Gladbach ist von zehn Terrabyte Daten die Rede. 250 Ermittler müssen es sichten, müssen Täter und Opfer identifizieren, müssen Tathandlungen bewerten.

Man müsse davon ausgehen, dass das sichergestellte Datenmaterial größer sei als im Fall Lügde, sagt LKA-Direktor Frank Hoever. "Lügde war mit dem Campingplatz räumlich begrenzt. In dem neuen Fall besteht die Verbindung der Täter vor allem übers Netz, und es sind mehr Personen beteiligt, von denen sich einzelne Täter auch persönlich kennen und auch Beziehungen zueinander haben."

Zahl der Straftaten beim Kindesmissbrauch gestiegen

Im Missbrauchfall Bergisch Gladbach war der massenhafte Missbrauch von Kindern durch Mitglieder eines Chat-Netzwerkes aufgedeckt worden. Mit der Festnahme eines Verdächtigen im Oktober hatten die Ermittlungen den Anfang genommen. Die Ermittler fanden in seinem Handy Chat-Gruppen mit bis zu 1800 Mitgliedern.

Im Fall Lügde waren vor Kurzem zwei Männer zu hohen Freiheitsstrafen mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Sie hatten Kinder und Jugendliche in mehreren hundert Fällen auf einem Campingplatz sexuell missbraucht und das teilweise gefilmt.

Laut Polizeilicher Kriminalstatistik hat die Zahl der Straftaten zugenommen: 2018 wurden 12.321 Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern gezählt (plus 6,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr) und 7449 Fälle von Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung kinderpornographischer Schriften (plus 14,4 Prozent). Die Aufklärungsquote lag jeweils bei rund 90 Prozent. Allerdings: Keiner weiß, wie hoch die Dunkelziffer ist.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 31. Oktober 2019 um 17:00 Uhr.

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