Ein Schild mit der Aufschrift "Ab hier gilt Maskenpflicht!" hängt am Eingang der Fußgängerzone in Berchtesgaden | dpa
Reportage

Berchtesgadener Land Warum wirkt der längste Lockdown kaum?

Stand: 20.01.2021 08:00 Uhr

Seit drei Monaten leben die Menschen im Berchtesgadener Land im Ausnahmezustand. Doch trotz Lockdowns bleiben Corona-Zahlen hoch. Warum bloß?

Von Veronika Beer und Christine Haberlander, BR

Vor drei Monaten blickte Deutschland in den Süden: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Landrat Bernhard Kern verhängten über das kleine Berchtesgadener Land an der Grenze zu Österreich einen faktischen Lockdown.

Wegen extrem gestiegener Corona-Zahlen galten ab 20. Oktober Ausgangsbeschränkungen. Schulen und Kitas mussten schließen, auch Restaurants blieben zu, Veranstaltungen wurden verboten. Für zunächst zwei Wochen. Doch direkt danach folgte der Rest Deutschlands mit unterschiedlich strengen Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie.

Zahlen bleiben hoch

Zwischenzeitlich lag der Inzidenzwert für Berchtesgaden bei weit über 300. Und noch immer sind die Zahlen erstaunlich hoch: Im gesamten Landkreis gab es in den zurückliegenden sieben Tagen 183,1 Fälle pro 100.000 Einwohner - weit entfernt von den angepeilten 50, die den Menschen zwischen Laufen und Königssee ein normales Leben zurückbringen könnten.

Warum sinken die Zahlen nicht endlich stärker, trotz zweiwöchigen Vorsprungs? Wirklich erklären kann sich das niemand. Wahrscheinlich lebten einige ihr Leben einfach so weiter wie vor der Pandemie. Andere seien nachlässig mit dem Mund-Nasen-Schutz, vermutet Landrat Kern. Echte Hotspots gibt es nicht. "Vielleicht ist doch der eine oder andere dabei, der sagt: 'Ich will das gar nicht wissen. Ich mache in meinem Leben einfach weiter wie bisher'", mutmaßt der Landrat.

Ein Trauerspiel

In der von Tourismus geprägten Gegend sorgt das bei manchen Menschen für Frust. Im "Bürgerbräu" in Bad Reichenhall stehen die Stühle gestapelt auf den Tischen. An der Schänke wird seit Wochen kein Bier mehr gezapft. Ein Trauerspiel für den Besitzer Christoph Graschberger. Die Traditionsgaststätte und die Brauerei sind geschlossen, etwa 100 Mitarbeiter in Kurzarbeit. Bei allem Verständnis für die Maßnahmen, ertappe er sich immer mal wieder bei der Frage, ob es den Lockdown in dieser Form gebraucht hätte.

"Für die Gastronomie hat es isoliert betrachtet nichts gebracht", sagt Graschberger. "Andererseits ist das Infektionsgeschehen so hoch, dass wahrscheinlich kaum Gäste da wären, wenn offen wäre. Insofern kann man sagen: mitgefangen, mitgehangen!"

Leerer Saal einer Gaststätte | Christine Haberlander

Gestapelte Stühle im "Bürgerbräu" in Bad Reichenhall: Etwa 100 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Bild: Christine Haberlander

Keine Touristen für Predigtstuhlbahn

Gedrückte Stimmung herrscht auch an der Predigtstuhlbahn, einer denkmalgeschützten Kabinenseilbahn in Bad Reichenhall. Hier wird zwar gearbeitet, aber seit drei Monaten dürfen keine Fahrgäste mehr auf den Berg transportiert werden. Stattdessen wird die Talstation auf Vordermann gebracht, gestrichen und geschmiert - damit alles tipptopp ist, wenn endlich wieder Fahrgäste erlaubt sind. Doch das könnte noch lange dauern, befürchtet Geschäftsführer Klaus Unterharnscheidt.

"Wenn man eine Arbeit hat, die unheimlich viel Spaß macht und die man nicht ausführen kann, das ist natürlich schon bedauerlich. Normalerweise haben wir jetzt Saison und fahren 50 Mal am Tag rauf und runter", sagt Unterharnscheidt. "Aber lieber sicher und gesund auf dem Berg als mit zu großem Risiko. Das hilft am Ende keinem."

Gondel in Talstation | Christine Haberlander

Hier geht trotz Stillstand etwas voran: Die denkmalgeschützte Kabinenseilbahn in Bad Reichenhall wird derzeit auf Vordermann gebracht.  Bild: Christine Haberlander

Inzidenzzahl sinkt nicht

Landrat Kern, der Mitte Oktober als erster in Deutschland den Lockdown für seinen Landkreis verfügt hat, zieht dennoch eine leicht positive Bilanz. "Ja, es hat sich gelohnt. Wo wären wir hingekommen, wenn die Zahlen noch weiter nach oben gegangen wären?"

Covid-Patienten müssen verlegt werden

In der Kreisklinik Bad Reichenhall liegen rund 50 Corona-Patienten. Fünf werden auf der Intensivstation behandelt. Doch weil auch die Notversorgung sichergestellt sein muss, werden seit vergangener Woche Patienten in andere Krankenhäuser und in umliegende Landkreise verlegt. Chefarzt Christian Geltner weiß noch nicht, wie auf die neuen Mutationen und Varianten des Coronavirus reagiert werden soll.

"Ich gehe davon aus, dass wir die hier längst schon haben. Die Verläufe sind ja - so viel wir wissen - nicht schwerer als die anderen", sagt Geltner. "Wenn, dann ist es ein Problem der Menge an Patienten, die möglicherweise kommt - und dass wir dadurch wieder wesentlich mehr Betten brauchen."

Ungewissheit im kalten, dunklen Winter

Die Menschen im Berchtesgadener Land belastet der lange Lockdown spürbar - wie überall in Deutschland. Gerade die Ungewissheit macht vielen zu schaffen. Trotz der Impfungen ist ein normaler Alltag mindestens noch viele dunkle Winterwochen entfernt. Hier in Berchtesgaden werden die Leute dennoch die Hoffnung nicht aufgeben, dass die Maßnahmen endlich wirken und sie der Freiheit Tag für Tag ein Stückchen näher kommen.