Katrin Suder, ehemalige Staatssekretärin im Verteidigungsministerium, kommt als Zeugin mit ihrem Rechtsanwalt Daniel Krause in den Untersuchungsausschuss zur Berateraffäre im Elisabeth-Lüders-Haus. | Bildquelle: dpa

Zeugin in Berateraffäre "Vorgeschützte Totalamnesie"

Stand: 31.01.2020 03:11 Uhr

Die ehemalige Staatssekretärin Suder soll die zentrale Figur in der Berateraffäre im Verteidigungsministerium gewesen sein. Vor dem Untersuchungsausschuss wollte sie sich nun aber kaum an Details erinnern können.

Von Stephan Stuchlik, ARD-Hauptstadtstudio

Es gibt einen Moment, in dem die ehemalige Staatssekretärin sichtbar die Fassung verliert. Es würde lange dauern, den komplexen Sachverhalt angemessen zu erläutern, hat Dr. Katrin Suder soeben erklärt - einige Stunden Befragung hat sie schon hinter sich, draußen wird es langsam dunkel - als einige Parlamentarier rufen: "Wir haben Zeit!" und einige sogar demonstrativ gelassen die Hände hinter dem Kopf verschränken.

Die Zeugin wippt mit den weißen Turnschuhen, schlägt mit dem Stift auf den Tisch und tuschelt erregt mit ihrem Rechtsbeistand, der neben ihr sitzt. Suder ist genervt vom umständlichen Befragungsverfahren, von den teilweise schwerfälligen Fragestil manches Abgeordneten, sie ist genervt vom ganzen Verfahren und dies ist der Zeitpunkt, an dem es jeder sehen kann. Sie kommt aus einer Welt mit einer anderen Taktung, auch das kann man sehen. Und dies ist der Moment, in dem sie so ist, wie sie viele Zeugen der vorherigen Vernehmungen beschrieben haben: Ungeduldig.

"Ich erinnere mich nicht"

Von allen anderen Beschreibungen, die die Parlamentarier im letzten Jahr über Katrin Suder gehört haben, treffen heute wenige zu. Von ihrer schnellen Auffassungsgabe, ihrem Personengedächtnis, ihrer Fähigkeit, Entscheidungen an sich zu ziehen, ist wenig zu sehen. "Ich erinnere mich nicht", ist der häufigste Anfangssatz ihrer Antworten, "ich weiß nicht, welche Personen in den Vorgang einbezogen waren", eine Standardfortsetzung. Für die Entscheidungen, externe Berater mit Aufgaben für das Verteidigungsministerium in zum Teil illegaler Weise zu beauftragen, sei sie nicht zuständig gewesen.

Betont leger gekleidet sitzt das ehemalige "Wunderkind" des Ministeriums vor dem Halbrund der Abgeordneten, schwarze Bluse, schwarze Hose, Sneaker. Als sie 2014 vom Beratungsunternehmen McKinsey in das Verteidigungsministerium wechselte, kommentierten das viele Zeitungen als "enormen Coup" der damaligen Verteidigungsministerin von der Leyen. Denn darum ging es doch schließlich: Den trägen Beschaffungsapparat des Ministeriums schnellstmöglich ins 21. Jahrhundert zu führen, wer wäre dafür besser geeignet als die energische, tatkräftige Katrin Suder, ausgewiesen mit allem, wofür man externen Beratungsfirmen viel Geld bezahlt.

Suder brachte frischen Wind in den Beschaffungsapparat

Mit der ungeduldigen Staatssekretärin kam der von vielen gewünschte Druck in das Beschaffungswesen des Ministeriums, neue Prozesse, andere Strukturen. Dass aber auch viele externe Berater zusammen mit Karin Suder Einzug im Ministerium hielten, sickerte erst langsam an die Öffentlichkeit durch, Türschilder und Telefonnummern sollen sie dort bekommen haben,  sagten Zeugen vor dem Ausschuss, sie seien ununterscheidbar von langjährigen Beamten gewesen.

Dass danach ehemalige Kollegen, externe Berater, zum Teil persönliche Bekannte und Freunde von Katrin Suder, wiederum Aufträge in großer Höhe aus dem Ministerium bekamen, dafür sei sie nicht verantwortlich , sagt die Zeugin. Klar sei einer der Auftragnehmer ein enger persönlicher Freund gewesen, - wie der Ausschuss nach seinen Vernehmungen weiß, war sie Gast bei der Taufe seiner Kinder - die Vergabe an ihn aber hätten untergeordnete Stellen unabhängig von ihren Weisungen unternommen. Die Dritten gegenüber gemachte Angabe, sie habe eben diese Freundschaft dem Ministerium sogar zur Kenntnis gebracht, lässt Katrin Suder auf Nachfrage fallen. Aber, nein, ein „Buddy-System“ habe es nie geben.

"Ich habe damit nichts zu tun"

Abkürzungen schwirren durch den Raum: "HIL", "CITQuadrat", "CIR", "PLM" - alles Kürzel für unterschiedliche Projekte des Verteidigungsministeriums, bei denen die Abgeordneten unkorrektes Verhalten der ehemaligen Staatssekretärin vermuten. Wieder geht es um den berühmten Rahmenvertrag 20237, dessen Verwendung der Bundesrechnungshof als vergaberechtswidrig bezeichnet hat. 8 Millionen Euro kamen so unter Umgehung der Regeln bei einer externen Firma an, Beratungsleistungen mit Tagessätzen von 900-1700 Euro waren für diese Firma ein lukratives Geschäft. "Nein", sagt die Zeugin, "mit dem Vorgang, den Sie ansprechen, habe ich nichts zu tun, soweit Sie sich auf den Vergabevorgang als solchen beziehen."

Ein leichtes Stöhnen ist aus dem Zuschauerraum zu hören, man bekommt den Eindruck, manch einer führe eine Strichliste darüber, wie oft Katrin Suder die Sätze "Ich habe damit nichts zu tun" oder "Ich erinnere mich nicht" in den letzten Stunden schon gebraucht hat. "Vorgeschützte Totalamnesie", nennt das ein Abgeordneter auf dem Gang, eine Kollegin spricht von einem Vergesslichkeitsvirus, der das gesamte Ministerium befallen habe.

Die zentrale Figur brachte wenig ans Licht

Als die Sitzung nach über acht Stunden Befragung um 22.40 Uhr endet, und Katrin Suder, den modischen Lederrucksack über der rechten Schulter, den Raum verlässt, ist Enttäuschung zu spüren. Das war also die zentrale Figur in der Berateraffäre, das ehemalige Mastermind des Ministeriums, das war die Frau, die viele Zeugen für das verantwortlich machten, was von einem Zeugen als "Selbstbedienungssystem für externe Berater" bezeichnet wurde, ein Kettensystem also, in dem Berater im Ministerium Berater außerhalb des Ministeriums beauftragt haben sollen, in dem angeblich Arbeitsergebnisse präsentiert wurden, die bereits Folgeaufträge - wiederum für externe Firmen - implizierten. Hinweise darauf? Viele. Beweise? Keine.

Achso, die ehemalige Ministerin von der Leyen, sei noch weniger in Details eingebunden gewesen, als sie selbst, hat Katrin Suder noch gesagt, schon gar nicht in die Vergabeverfahren an externe Firmen. Aber ja, sie habe mit der ehemaligen Ministerin Nachrichten am Handy ausgetauscht.

Das nämlich wird eines der zentralen Themen für die nächste Sitzung sein: Die jetzige EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist für den 13. Februar als letzte Zeugin des Ausschusses geladen. Die vom Ausschuss angeforderten Daten der Diensthandys der ehemaligen Ministerin wurden nach Aussagen des Verteidigungsministeriums gelöscht. Was immer sich Katrin Suder und Ursula von der Leyen darüber mitgeteilt haben mögen, wird die Öffentlichkeit somit vermutlich auch nie erfahren.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 30. Januar 2020 um 08:10 Uhr.

Korrespondent

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Stephan Stuchlik, WDR

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