Bauarbeiter geht in die Baustelle im BER-Terminal | dpa
Hintergrund

BER-Probleme im Überblick Sieben Termine und ein "Monster"

Stand: 31.05.2019 18:39 Uhr

Sechs BER-Eröffnungstermine verstrichen erfolglos - auch der siebte wackelt. Aber zumindest das "Monster" ist jetzt offenbar gezähmt. Skurrile Mängel und wichtige Fakten im Überblick.

Von Julia Böhling, tagesschau.de

Die Entscheidung für den Bau des neuen Berliner Flughafens in Schönefeld fiel im Jahr 1996. Der Spatenstich erfolgte zehn Jahre später - am 5. September 2006. Mit dabei waren der damalige Bahn-Chef Hartmut Mehdorn und die damaligen Regierungschefs von Berlin und Brandenburg, Klaus Wowereit und Matthias Platzeck.

Julia Böhling

Bisher wurden schon sechs Eröffnungstermine nicht eingehalten:

  • Herbst 2011
  • 3. Juni 2012
  • 17. März 2013
  • 27. Oktober 2013
  • zweites Halbjahr 2017
  • 2018

Aktuell halten die Verantwortlichen an dem zuletzt veröffentlichten Eröffnungstermin im Oktober 2020 fest - doch auch dieser Termin könnte wegen zahlreicher Mängel verstreichen. So hält etwa der TÜV eine Eröffnung zu dem Zeitpunkt laut einem Bericht des "Tagesspiegel" für "stark gefährdet".

Mit einem symbolischen Spatenstich geben am 05.09.2006 (l-r) der Sprecher der Geschäftsführung des BBI Rainer Schwarz, Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) den Startschuss für den Bau des neuen Hauptstadtflughafens. | dpa

Spatenstich am 05. September 2006: 13 Jahre später ist der Flughafen immer noch nicht in Betrieb. Bild: dpa

Die Kosten für den Bau des Großflughafens belaufen sich nach derzeitigem Stand auf rund 7,3 Milliarden Euro. Bei Baubeginn waren für das Projekt etwa zwei Milliarden Euro veranschlagt worden. Die Kosten haben sich demnach mindestens verdreifacht.

Das "Monster": Brandschutz ist eine wichtige Sache - aber beim BER ein echtes Problem. So wurde im Terminal eine sogenannte Entrauchungsanlage eingebaut, die nicht funktionierte, überdimensioniert war und nicht den Baugenehmigungen entsprach. So funktionierte die zentrale Steuerung der Brandschutztüren nicht richtig, auch das Feuer wurde nicht gelöscht. Als ernsthafte Lösung wurde zunächst über eine "Mensch-Maschine-Lösung" nachgedacht, bei der Hunderte Mitarbeiter Feuerlöscher und Brandschutztüren im Ernstfall händisch betätigen sollten. Dann wurde die Anlage - die unter Fachleuten den Spitznamen "das Monster" trägt - völlig umgebaut.

Doch auch das war kein einfaches Unterfangen: Allein zwei Jahre brauchten die Verantwortlichen, um nach der Hiobsbotschaft zu verstehen, wie das im Terminal errichtete "Monster" überhaupt funktioniert. Das lag möglicherweise daran, dass das "Monster" von einem Hochstapler mitentworfen wurde. Der ehemalige Chefplaner für die Entrauchungsanlage gab sich am Flughafen zeitweise als Ingenieur aus - dabei war er Technischer Zeichner. Auch später waren Mitarbeiter, die sich um die problematische Entrauchungsanlage kümmern sollten, anders als behauptet gar keine Brandschutzexperten.

Nach etlichen Jahren des (Um)baus nahm im April der TÜV zwar die Steuerung der Entrauchungsanlage des BER ab - nicht aber die gesamte Anlage. Nach Informationen des Magazins Kontraste funktionierte der Brandschutz auch danach noch nicht reibungslos und konnte deswegen zunächst auch nicht abgenommen werden. Nun - Ende Mai - endlich: Experten haben den Rauchabzug geprüft und für sicher befunden. "Das Monster ist final gezähmt", sagte Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup.

Der Kabelsalat: Nach Angaben eines früheren Projektplaners verlegten die Firmen am BER Kabel einfach frei nach Schnauze, völlig ohne jeden Plan. Das Ergebnis: Starkstromkabel wurden etwa neben Computerleitungen verlegt. Daraus resultierende Probleme habe man nach der Methode "learning by doing" direkt an der Kabeltrasse zu lösen versucht, erklärte der Ex-Projektplaner im Untersuchungsausschuss.

Im Frühjahr 2016 verkündeten die Verantwortlichen dann, dass der Kabelsalat entwirrt worden sei. Doch gelöst ist das Kabelproblem dadurch immer noch nicht: Bis heute ist die Behebung der Kabelmängel ein großes Thema.

Die Rolltreppchen: Mit schweren Koffern bepackt Treppen zu steigen, macht keine Freude. Zum Glück gibt es dafür Rolltreppen. Auch beim BER. Doch einige von ihnen wurden dummerweise zu kurz bestellt - was dazu führte, dass sie im Nichts endeten. Neue, passende Rolltreppen wollten die Verantwortlichen aber auch nicht bestellen. Stattdessen bauten sie an die Rolltreppe eine klassische Treppe an.

Rolltreppen-Fehlplanung im BER (Archivbild 2013) | picture alliance / dpa

Rolltreppen-Fehlplanung am BER (Archivbild 2013). Bild: picture alliance / dpa

Der ungewollte Lichtblick: Es werde Licht! Immerhin das hat beim BER sehr gut funktioniert - Hunderttausende Quadratmeter Fläche konnten einwandfrei ausgeleuchtet werden. Das Problem kam erst, als das Licht wieder ausgeschaltet werden sollte - was nicht gelang. Der Grund: eine nicht funktionierende Lichtanlage. Also brannte im Jahr 2013 auf dem Gelände Tag und Nacht das Licht. Einem damaligen Bericht der "Märkischen Allgemeinen" zufolge hatte der BER damals den Stromverbrauch einer Stadt mit 70.000 Einwohnern - nur, dass der Flughafen menschenleer war.

Das Tür-Chaos: Raumpläne sind eine feine Sache, um sich in großen Gebäuden zurechtzufinden. Oder um elektrische Installationen am richtigen Ort anzubringen. Im Notfall können sie sogar Leben retten, wenn sich Rettungskräfte schnell den Weg durch ein Gebäude bahnen müssen. Leider fehlten beim BER lange Zeit verlässliche Raumpläne. Der Grund: Die Raumnummern wurden im Zuge der Umbauten immer wieder geändert, ohne dass jemand den Überblick behielt. Das Ende vom Lied: Laut Medienberichten war jeder dritte der 4000 Räume im BER falsch nummeriert.

"Eine nochmalige Verschiebung können wir uns auch für das Image des Landes nicht leisten."

Diesen Satz sagte der damalige brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck im September 2012. Zu diesem Zeitpunkt war die Eröffnung des BER schon zweimal verschoben worden. Doch auch der damals neu avisierte Eröffnungstermin im Oktober 2013 konnte nicht eingehalten werden.

"Kein Politiker, kein Flughafendirektor und kein Mensch, der nicht medikamentenabhängig ist, gibt Ihnen feste Garantien für diesen Flughafen."

Nein, dieser Satz stammt nicht von der Opposition im Berliner Senat, sondern vom - inzwischen ehemaligen - PR-Chef des Flughafens, Daniel Abbou. Dieser gab im Frühjahr 2016 dem "PR Magazin" ein überraschend ehrliches Interview über den Problemflughafen und die Verantwortlichen. Darin fiel auch dieser Satz: "Die Berliner und Brandenburger haben ein Recht zu sehen, wo ihre Milliarden versenkt worden sind." Des Weiteren sagte Abbou, die "alte Flughafencrew" habe "zu viel verbockt" und "Milliarden in den Sand gesetzt". Kurz nach der Veröffentlichung des Interviews war Abbou nicht mehr Sprecher des BER.

"Die Häufung von Fehlentscheidungen und Fehlinformationen [lässt sich] nur unter Berücksichtigung einer Unternehmens- und Projektkultur erklären, die Anzeichen für Fehlentwicklungen und teils alarmierende Warnungen externer Stellen systematisch ausblendete."

Zu diesem abschließenden Urteil kam der erste BER-Untersuchungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses in seinem Bericht, der im Juni 2016 veröffentlicht wurde. Die Bauarbeiten am BER seien lange Zeit unter dem Druck einer rechtzeitigen Inbetriebnahme ausgeführt worden, heißt es in dem Papier. Unter dieser Prämisse seien "kritische Anzeichen" für Probleme konsequent ausgeblendet worden.

Seit dem 28. Juni 2018 arbeitet ein neuer, zweiter Untersuchungsausschuss den Fall auf: "Im Fokus stehen die Ursachen und Konsequenzen der Verzögerung sowie die Frage nach der Verantwortung für die Kosten- und Terminüberschreitungen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. April 2019 um 14:11 Uhr in der Sendung "Informationen am Mittag".