Interview

Tag der Menschen mit Behinderung "Barrierefreiheit hilft allen Menschen"

Stand: 03.12.2019 15:27 Uhr

Ein Aufzug und eine Rampe am Eingang - das heißt für viele Barrierefreiheit. Aber damit ist es nicht getan. "Es muss ein Umdenken stattfinden", fordert Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbandes VdK im Interview mit tagesschau24.

tagesschau24: Was bedeutet dieser "Tag der Menschen mit Behinderung" heute für Sie?

Verena Bentele: Ich finde den Tag wichtig, weil wir die Gelegenheit haben, über Inklusion in Deutschland zu sprechen. Was bedeutet es, Menschen mit Behinderungen zu benachteiligen? Was bedeutet das im Alltag ganz konkret an Beispielen? Wie sieht eine inklusive Gesellschaft aus, die für alle inklusiv ist? Es geht ja nicht nur darum, irgendwie die Menschen mit Behinderungen in die Gesellschaft zu bekommen. Eine inklusive Gesellschaft fordert - und zwar alle Menschen mit und ohne Behinderung.

tagesschau24: Wo sehen Sie die größten Defizite?

Bentele: Ganz große Defizite sehe ich vor allem im Bewusstsein, weil Menschen mit und ohne Behinderungen immer noch zu wenig Berührungspunkte haben. Sie lernen oder arbeiten zum Beispiel oft nicht gemeinsam. In noch immer mehr als 40.000 Betrieben in Deutschland sind überhaupt keine Menschen mit Behinderung beschäftigt. Da muss sich ganz dringend was tun. Nur durch das gemeinsame Erleben und Leben werden Barrieren in den Köpfen beseitigt.

Und die andere ganz große Herausforderung ist die Barrierefreiheit. Denn Teilhabe wird immer nur gelingen, wenn Mobilität gelingt, wenn Menschen mit Rollstühlen oder mit Sehbehinderung überall hinkommen. Wenn wir digitale Barrierefreiheit haben oder wenn wir barrierefreie Arztpraxen, Restaurants und Kinos haben.

alt Verena Bentele

Zur Person

Verena Bentele ist seit Mai 2018 Präsidentin des Sozialverbands VdK. Zuvor war sie vier Jahre lang Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. Bentele ist von Geburt an blind. Die ehemalige Leistungssportlerin hat zwölf Mal paralympisches Gold im Biathlon gewonnen.

"Umsetzung und nicht erst einen Prüfauftrag"

tagesschau24: Die Große Koalition hat sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt, es behinderten Menschen zum Beispiel im Gesundheitssystem einfacher zu machen. Was ist davon bereits umgesetzt worden?

Bentele: Die Große Koalition hat sich zunächst einmal darauf verständigen, einen Prüfauftrag auszuführen, der noch nicht gestartet ist. Ich kann da nur ein bisschen müde lächeln. Denn wir wissen seit vielen, vielen Jahren, dass das Thema Barrierefreiheit im Gesundheitssystem ein Riesenproblem ist. Das gilt für Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen - auch für viele ältere Menschen, die ich im Verband VdK vertrete.

Barrierefreiheit heißt, dass es einen Aufzug gibt, damit man auch in den zweiten Stock kommt. Aber heißt es auch, das Informationen für Hörgeschädigte oder für Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen zur Verfügung gestellt werden? Da braucht es wirklich ganz dringend die Umsetzung und nicht erst einen Prüfauftrag.

tagesschau24: Was muss denn nun die Regierung Ihrer Meinung nach umsetzen?

Bentele: Es gibt seit vielen Jahren die ganz klare Forderung, dass private Anbieter von Dienstleistungen und Produkten verpflichtet werden, Barrierefreiheit herzustellen. Es müssen angemessene Vorkehrungen - wie man das nennt - für Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderungen immer mitgedacht und mitgeplant werden. Es darf nicht so sein wie bisher, dass Barrierefreiheit immer nachträglich zum Thema wird, sondern dass in unserem Gesundheitssystem jeder Versicherte den Anspruch auf Barrierefreiheit hat.

Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK, zum Tag der Menschen mit Behinderungen
tagesschau24 11:00 Uhr, 03.12.2019

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

"Informationen in leichter Sprache oder Brailleschrift"

tagesschau24: Können Sie das an einem Beispiel festmachen? Wie sähe so etwas in einer Arztpraxis aus?

Bentele: Beispielsweise so, dass Menschen mit sogenannten geistigen Behinderungen dann auch Unterstützung und Informationen in leichter Sprache bekommen. Oder dass ich in einer Arztpraxis auch mal Informationsmaterial in Brailleschrift bekomme und nicht irgendeinen Zettel irgendwo unterschreiben muss und überhaupt nicht weiß, was ich da unterschreibe. Oder dass Menschen, die im Rollstuhl sitzen, beim Zahnarzt oder Gynäkologen auch barrierefreie Untersuchungsmöbel haben - und dass sie überhaupt erst einmal in die Praxis reinkommen und die dann auch eine barrierefreie Toilette hat.

tagesschau24: Müsste auch ein Umdenken stattfinden?

Bentele: Es muss ganz zwingend ein Umdenken stattfinden. Barrierefreiheit ist ja für niemanden störend. Sie ist für alle Menschen hilfreich und komfortabel - nicht nur für Menschen mit Behinderung. Wenn etwa am Bahnhof der Aufzug ausgefallen ist, dann stehen auch Menschen mit einem 25 Kilo schweren Koffer vor einem Problem. Die können sich dann vielleicht noch irgendwie behelfen. Aber Menschen im Rollstuhl oder mit Kinderwagen haben es dann richtig schwer.

tagesschau24: Reicht das denn, was die Regierung da nun anpacken will?

Bentele: Auf keinen Fall. Nötig ist einerseits eine Verpflichtung für die Herstellung von Barrierefreiheit im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz. Andererseits brauchen wir aber wirklich auch ein Bewusstsein - und das werden wir nur schaffen, wenn wir ein selbstverständliches Zusammenleben lernen.

Das Interview führt Kirsten Gerhard, tagesschau24. Es wurde für die schriftliche Fassung redigiert und leicht gekürzt. Die vollständige Fassung finden Sie als Video auf dieser Seite.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 03. Dezember 2019 um 11:00 Uhr.

Darstellung: